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StartseiteMarkt und MedienKatalysatoren der Maueröffnung07.11.2009

Katalysatoren der Maueröffnung

Die Rolle der Medien am 9. November 1989

Kaum eine Pressekonferenz in der Geschichte löst größere Konfusionen aus als die von Politbüromitglied Günter Schabowski am 09. November 1989. Während noch viele über den Sinn von Schabowskis Mitteilung nachdenken, melden die ersten Agenturen: "DDR öffnet Grenzen". Doch erst als die "Tagesthemen" über die angebliche Grenzöffnung berichten, kommt es zum Massenansturm.

Von Eleni Klotsikas

SED-Politbüromitglied Günter Schabowski während seiner Pressekonferenz in Ostberlin am 9. November 1989. Alle DDR-Bürger könnten über alle Grenzübergänge ausreisen, sagte er. (AP)
SED-Politbüromitglied Günter Schabowski während seiner Pressekonferenz in Ostberlin am 9. November 1989. Alle DDR-Bürger könnten über alle Grenzübergänge ausreisen, sagte er. (AP)

Das Wunder ist geschehen: die Schlagbäume gehen in der Bornholmer Straße hoch. Tausende DDR-Bürger strömen nach Westberlin. Dass es eine halbe Stunde vor Mitternacht überhaupt dazu kam, ist einer Dramaturgie geschuldet, an denen die Medien großen Anteil besitzen, sagt Historiker Hermann Hertle:

"Es wird bis heute fälschlich angenommen, dass der Massenansturm auf die Grenze unmittelbar nach Schabowskis Pressekonferenz einsetzte. Es waren um Viertel nach acht ausweislich der Lageberichte der Volkspolizei an allen Berliner Grenzübergängen 50 bis 80 oder höchstens 100 Menschen."

Den Ansturm hat eine sich ständig sich überbietende Berichterstattung ausgelöst, glaubt Hertle. In seinem Buch "Der Tag, an dem die Mauer fiel" hat er das Geschehen minutiös nachgezeichnet.
Gegen 19:00 Uhr endet die Pressekonferenz mit Schabowski. Kurz danach kommen die ersten Agenturmeldungen, zurückhaltend, referierend. Dann um 19.09 Uhr die Eilmeldung von AP mit dem Titel: "DDR öffnet Grenzen." Frieder Reimold, der Verfasser dieser Meldung, erinnert sich. Für ihn standen nicht der bürokratische Prozess, sondern die politischen Folgen von Schabowskis Aussage im Vordergrund:

""Wenn er sagt, die müssen jetzt noch zur Polizei und sich ihre Stempel und Pässe holen, dann bedeutet das lediglich, dass es eine kurze Verzögerung gibt, aber da alles kurzfristig geregelt werden soll, ist es im Prinzip so, dass in dem Moment, wo er das verkündet, die Grenze gefallen ist."

Seine Zweifel, ob die DDR ihr Versprechen diesmal auch wirklich einhält, treten erst kurze Zeit später ein, doch die Meldung ist schon raus und hat einen Deutungswettbewerb ausgelöst. Darauf hin schreibt um 19:41 die DPA: "Die Grenze nach West Berlin ist offen", sagt Hertle:

"Diese Meldungen der Agenturen haben dann ein Eigenleben entwickelt und der Höhepunkt dieser Weiterverbreitung waren dann die Tagesthemen um 22:45. Sie fingen etwas später an wegen eines Fußballspiels."

Tagesthemen-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten. Sie nutzen sich leicht ab. Aber heute darf man einen riskieren, dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."

Hanns-Joachim Friedrichs soll seinen Text auf Basis von Agenturmeldungen geschrieben haben, so Hertle. und dann überrascht gewesen sein, dass es in der Live-Schaltung zum Grenzübergang Invalidenstraße, an dem SFB-Korrespondent Robin Lautenbach stand, außerordentlich ruhig zuging.

Robin Lauterbach (Tagesthemen): "Gespanntes Warten hier am Grenzübergang Invalidenstrasse. Journalisten und Neugierige hoffen hier schon heute Abend den DDR-Bürger zu treffen, der aufgrund der neuen Reisebestimmungen und sei es nur, um am Kurfürstendamm ein Bier zu trinken.

Am Grenzübergang Bornholmer Straße hatten sich zu diesen Zeitpunkt aufgrund der ständigen Verkündungen im Rias, die Grenzen seien geöffnet, bereits mehrere Tausend Menschen versammelt. Ausreisen durften aber nur einzelne, besonders lautstarke Protestierer. Unwissentlich waren sie damit zunächst ausgebürgert wurden. Weit offen standen zu diesem Zeitpunkt die Tore der Mauer auch dort noch keineswegs, räumt Korrespondent Robin Lautenbach heute, 20 Jahre später, ein.

""Zu dem Zeitpunkt ein bisschen übertrieben, aber das war ein Bild, was plastisch war und sofort gezündet hat und dann sind die Leute eben auch von beiden Seiten an die Grenzübergänge gekommen, um zu sehen was da war."

Nach den Tagessthemen strömen immer mehr Menschen herbei. Vergeblich versuchen die Grenzbeamten zu erklären, dass vor der Ausreise noch ein Antrag gestellt werden muss. Schließlich kapitulieren sie vor den Massen. Die Mauer fällt über Nacht.

"Die Medien haben im Laufe des Abends des 9. November eine Fiktion verbreitet. Die Fiktion war, die DDR-Grenze ist offen, was tatsächlich nicht der Fall war. Und Indem diese Fiktion die Massen ergriff, ist sie zur Realität geworden."

- resümiert der Historiker Hans Hermann Hertle. Ähnlich bewertet dies auch der damalige AP-Korrespondent Frieder Reimold:

"Es war ein Zusammenwirken von Medien, die mit den Pleiten, Pech und Pannen, das die DDR-Führung hingelegt hat, das Heft des Handelns einfach ergriffen hat."

Das Heft des Handelns war Politikern aus Ost und West damit aus der Hand geglitten. Bundeskanzler Helmut Kohl, zu diesem Zeitpunkt bei einem Staatsbesuch in Warschau, erklärte dazu in einer Dokumentation des Rundfunk Berlin Brandenburgs:

"Es war einer der dramatischsten Augenblicke der jüngsten Geschichte, gleichzeitig, und das haben wir auch sehr stark verspürt, waren wir außerhalb, praktisch auf einem anderem Stern."

Auch Condoleezza Rice, damals Sowjet-Expertin im Weißen Haus, erfuhr von den Sternstunden der Geschichte - wie kürzlich in einer ZDF-Doku bekannt wurde - aus dem Fernsehen:

"Ich bekam einen Anruf. Der Präsident will genau wissen, was da in Berlin los ist. Ich fragte, was ist denn los in Berlin? Schalte CNN ein, dann siehst Du's."

Ob die Medien am 09. November wirklich Motor der politischen Entwicklungen waren, die zum Fall der Mauer geführt haben, lässt sich nicht beweisen. Zumindest wirkten sie aber als Katalysatoren im Ablauf der Ereignisse.

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