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Katars Sieg bei der AsienmeisterschaftFundament einer Fußballtradition?

Die Nationalmannschaft Katars hat zum ersten Mail die Asienmeisterschaft gewonnen. Zuvor hat sie bei neun Teilnahmen an dem Turnier insgesamt nur sechs Spiele gewonnen. Hinter dem Aufstieg steht unter anderem eine intensive Nachwuchsförderung. Bei der WM 2022 im eigenen Land wollen die jungen Spieler ihren Zenit erreichen.

Von Ronny Blaschke

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Die katarische Fußball-Nationalmannschaft feiert ihren Sieg beim Asien Cup. (imago sportfotodienst)
Die katarische Fußball-Nationalmannschaft feiert ihren Sieg beim Asien Cup. (imago sportfotodienst)
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Der spanische Trainer Félix Sánchez Bas betreut die katarische Nationalmannschaft seit 2017. Er gilt als prägender Kopf des sportlichen Aufstiegs: "Ich arbeite nun schon lange in Katar. Für mich sind die Leistungen unseres Teams keine Überraschung. Wir haben eine gute Gemeinschaft, und die Spieler haben sich in den vergangenen Monaten sehr gut entwickelt. Sie haben noch Zeit, weiter zu wachsen."

Félix Sánchez begann als Jugendtrainer beim FC Barcelona. 2006 wechselte er in die "Aspire Academy" in Doha, eines der größten Trainingszentren für Spitzensport der Welt. Die 2004 eröffnete Akademie ist das Zentrum für die wohl intensivste Talentsichtung der Fußballgeschichte. Hunderttausende Jugendliche wurden für Katar auf drei Kontinenten beobachtet. Die Vergabe der WM 2022 im Jahr 2010 habe das System auf ein neues Niveau gehoben, berichtet Florian Bauer, der für die ARD mehrfach in Katar recherchiert hat:

"Mit unfassbar viel Geld, mehreren hundert Millionen Euro. Und vor allem mit externem Know-how. Und seitdem arbeiten dort Trainer von Manchester City, aus der Bundesliga, da kommen jede Woche Jugendmannschaften, vom VfB Stuttgart über Real Madrid über den FC Everton, Liverpool et cetera, und spielen gegen katarische Jugendmannschaften."

Vier Spieler wurden nicht in Katar geboren

Felix Sánchez führte 2014 die U19-Auswahl zum Gewinn der Asienmeisterschaft. Er lernte in der "Aspire Academy" jene Spieler kennen, die nun das Gerüst der A-Nationalmannschaft bilden. Ihr Durchschnittsalter aktuell: 24 Jahre. Etliche Nationalspieler haben Vorfahren in anderen Ländern, doch nur vier wurden nicht in Katar geboren. Darunter Almoez Ali mit Wurzeln im Sudan und Bassam Al Rawi, geboren im Irak. Beide seien nicht spielberechtigt, behauptete der Fußballverband der Emirate am Donnerstag, doch der Asiatische Verband AFC wies den Protest zurück. Die Richtlinien für Einbürgerungen sind im Fußball strenger als in anderen Sportarten. Und doch spielen Einbürgerungen in der katarischen Sportpolitik eine große Rolle, sagt der Politikwissenschaftler Danyel Reiche von der Amerikanischen Universität Beirut:

"Die Anzahl der Menschen, die Sport treiben, ist sehr niedrig. Trotz aller Bemühungen in den letzten Jahren, gerade auch was den Schulsport angeht. Und insofern dienen die Einbürgerungen dazu, zu kaschieren, dass es vor Ort wenige wettbewerbsfähige Athleten gibt. Und halt um schneller Erfolge zu erzielen auf internationaler Ebene. Denn am Ende beispielsweise der Asienmeisterschaft guckt immer jeder auf das Medaillenranking und da ist Katar von allen Golf-Ländern das erfolgreichste Land, obwohl es ja so viel kleiner ist als zum Beispiel Saudi-Arabien."

Ausbildungsstätte in Belgien

Die traditionellen Fußballländer schauen wegen der Einbürgerungen kritisch auf Katar. Daher möchte der Verband die Aufmerksamkeit auf seine Langzeitplanung richten, zum Beispiel auf den KAS Eupen. 2012 hatten katarische Investoren den belgischen Verein gekauft. Die "Aspire Academy" schickte 19 Spieler nach Eupen, um Erfahrungen zu sammeln, darunter sieben aktuelle Nationalspieler.

Und so ähnlich soll es weitergehen, sagt Ali Al Salat, Sprecher des katarischen Fußballverbandes: "Es ist unser Plan, dass unsere Spieler weiter in Europa spielen, um die großen Teams in den wichtigen Wettbewerben kennenzulernen. Wir möchten das Beste für unsere Spieler, damit sie für die WM 2022 in guter Form sind."

Nach anderthalb Jahrzehnten produzieren die Spitzensportstrukturen die ersten sichtbaren Ergebnisse. Katar wird im Sommer als Gastmannschaft an der Copa América in Brasilien teilnehmen. Aber reicht das? Das Nationalteam repräsentiert die katarische Gesellschaft kaum. Von den 2,5 Millionen Einwohnern haben nur etwa zehn Prozent einen katarischen Pass, bei der Mehrheit handelt es sich um Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan oder Nepal. Sie bauen die WM-Stadien, sind aber für den geplanten Boom sonst kaum von Interesse.

Nur 15 Prozent der Frauen sind sportlich aktiv

Wenn Katar langfristig Erfolg haben wolle, brauche das Land eine Sportkultur, sagt der Wissenschaftler Danyel Reiche. Lokale Vereine, Breitensportgruppen und ungezwungene Straßenspiele gibt es bislang selten: "Allerdings wird insgesamt in Katar schon versucht, Sport aufzuwerten. Es ist eines der wenigen Länder, wo es einen nationalen Sporttag gibt. Ein Tag im Jahr ist ein Feiertag, der dem Sport gewidmet ist. Aber speziell bei Frauen ist das Problem groß: Laut der nationalen Sportstrategie machen nur 15 Prozent der Frauen regelmäßig Sport und gefragt danach, welchen Sport sie betreiben, haben 58 Prozent dieser 15 Prozent gesagt: Walking."

Im März 1970 bestritt die katarische Fußball-Nationalmannschaft ihr erstes Länderspiel. Fast 50 Jahre später hat sie nun beim Asien Cup erstmals ihre Statistenrolle abgelegt. Ob das der Beginn einer Tradition ist, wird sich erst zeigen, wenn die heimische Liga im Schnitt mehr als ein paar Tausend Zuschauer anlockt.

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