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StartseiteRock et ceteraSongs im Rückkopplungsrausch03.05.2020

"Kein Wetter“ von Friends Of GasSongs im Rückkopplungsrausch

Friends of Gas ist derzeit eine der interessantesten deutschsprachigen Rockbands. Mit ihren Songs zwischen Postpunk und Noiserock betreiben sie knallharte, wütende Konfrontation mit der Gegenwart - auch auf dem neuen Album “Kein Wetter”.

Von Anke Behlert

Vier Männer und eine blonde Frau stehen vor einer Wand mit einem Smiley. Sie blicken in die Kamera. (Fabian Beger)
Friend of Gas erstes Album "Fatal Schwach" wurde im Münchener Kafe Kult aufgenommen. (Fabian Beger)
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Musik: "Graue Luft"

"Wir fanden den Titel schön, weil er ein verstecktes Paradoxon ist. Kein Wetter ist eigentlich nicht möglich, es gibt ja immer irgendein Wetter. Aber erstmal klingt es wie eine banale Aussage und außerdem ist Wetter ein schmetterndes Wort."

Schmetternd sind auch die Songs von Friends of Gas. Freundlicher Eskapismus ist hier nicht angesagt, sie holen den Hörer aus den schönsten Tagträumen und vertreiben falsche Sonnenstrahlen. Das Wetter bei Friends of Gas ist eher bedeckt und grau mit unangenehm scharfem Wind.

Musik "Graue Luft"

Befeuert von Wut und Verdruss

Sängerin Nina Walser und Gitarrist Thomas Westner bilden den Kern der Friends of Gas. Der Name diente lange als Schirm, unter dem die unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstler aus ihrem Umfeld zusammenspielten. Mit Gitarristin Veronica Burnuthian, Bassist Martin Tagar und Schlagzeuger Erol Dizdar sind sie seit einiger Zeit eine "richtige" Band. Gemeinsam haben sie sich einem reduzierten und dissonanten Sound verschrieben, der sich zwischen Sonic Youth und Einstürzende Neubauten bewegt. Das erste Album "Fatal schwach" haben sie im Münchner Kafe Kult aufgenommen, einem DIY-Laden, wo regelmäßig Punk und Hardcore-Konzerte stattfinden. Befeuert von Wut und Verdruss reißt der musikalische Kosmos auf "Fatal schwach" das Publikum mit: zwischen stoischen Beats und Noise-Explosionen.

Musik: "Template"

Für das zweite Album "Kein Wetter" sind die Friends of Gas mit Produzent Olaf O.P.A.L. ins Studio gegangen. Die professionellere Herangehensweise hört man den Songs an, ohne dass sie an roher Energie eingebüßt hätten. Die Gitarrenwände türmen sich noch ein bisschen höher, Bass und Schlagzeug spielen luftdicht nach vorne. Mit ihrer Power und Brachialität stehen Friends of Gas neben Bands wie den Stuttgartern Die Nerven oder den Berlinern Gewalt. Im Zentrum der Songs von Friends of Gas stehen Nina Walsers Texte: Sie bellt und schreit mit heißerer Stimme kurze, prägnante Statements ins Mikrofon.

"Ich mag das Reduzieren, so wenig wie möglich zu sagen alles so offen wie möglich zu halten und alles überflüssige wegzunehmen."

Musik: "Blaiberg"

In repetitiven Slogans sinniert Walser über die Merkwürdigkeiten des Lebens. In "Schrumpfen" heißt es "die Munition vermodert" und "wir bleiben unbewaffnet, ohne Schild und Schwert". Sind wir wirklich alle so wehrlos?

"Ich glaub schon, wenn man sich nicht mehr verstecken kann, ist man eigentlich wehrlos. Und man kann sich heute nicht mehr verstecken, weil es keine Orte mehr gibt, die nicht ausgeleuchtet sind. Und jeder Widerstand wird auch sofort als Feedback ins System eingespeist und verliert dadurch die Kraft."

Musik: "Schrumpfen"

Wetterphänomene

Wetterbeschreibungen ziehen sich durch das Album wie die stoischen Bassläufe, was ja zum Titel "Kein Wetter" passt. Das war aber gar nicht so geplant, erklärt Nina Walser.

"Das war nicht bewusst, aber es passiert oft, dass sich, wenn die Sachen fertig sind, sich Zusammenhänge ergeben, die nicht geplant waren. Und Wetter ist was zeitloses, was es schon immer gab und voraussichtlich immer geben wird und deshalb als Thema für mich interessant ist."

Musik: "Felder"

Friends of Gas üben Kritik an den Verhältnissen, ohne plakativ zu werden. Im Song "Waldbrand" geht es um soziale Medien bzw. den Umgang der Menschen miteinander.

Waldbrand steht in dem Song dafür, dass die kleinen unwichtigen Dinge sofort zu riesen Themen werden, denen man nicht mehr ausweichen kann und auch noch dem Druck ausgesetzt ist, sich irgendwie dazu zu positionieren. Was auch daran liegt, dass alle die Möglichkeit haben, ihre Meinungen sofort der ganzen Welt mitzuteilen. Was dann häufig in emotionalen Zuständen geschieht und Dinge, die eigentlich klein sind, riesengroß macht.

Musik: "Waldbrand"

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