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StartseiteEine WeltKeine Stimme für vorbestrafte US-Bürger27.10.2012

Keine Stimme für vorbestrafte US-Bürger

Jeder amerikanische Sträfling verliert automatisch sein Wahlrecht

Bei den kommenden US-Präsidentschaftswahlen sind nicht alle amerikanischen Staatsbürger über 18 wahlberechtigt. Wer einmal im Gefängnis war, hat sein Wahlrecht verloren - manchmal sogar für immer. Das trifft besonders Schwarze und Lateinamerikaner: Sie stellen über die Hälfte der Gefängnisbevölkerung.

Von Jan Tussing

Wer in den USA im Gefängnis landet, verliert nicht nur seine Freiheit, sondern auch sein Wahlrecht (AP)
Wer in den USA im Gefängnis landet, verliert nicht nur seine Freiheit, sondern auch sein Wahlrecht (AP)
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US-Wahl

"Es gibt mehr eingesperrte Menschen im Umkreis von 40 Meilen hier in Los Angeles, als 40 Meilen irgendwie sonst auf der Welt."

David Werner ist Englischprofessor an der Universität la Verne in Kalifornien. Der Amerikaner studiert das amerikanische Gefängnissystem als Institution und als Ort in der Literatur.

"Niemand weiß von dieser riesigen Gefängnisbevölkerung, denn sie befindet sich bequem am Rande der Gesellschaft, an Orten, an den man nicht vorbeikommt, aber es gibt eine riesige Konzentration von Gefängnissen direkt hier."

Die USA sperren so viele Menschen weg, wie kein anderes Land auf der Welt. 2,3 Millionen Menschen. Das entspricht einem Prozent der Gesamtbevölkerung, und wer sich einmal strafbar macht, verliert automatisch sein Wahlrecht.

Als David Werner anfing, Häftlinge zu unterrichten, konnte er sie in drei Gruppen einteilen, ein Drittel schwarz, ein Drittel Latino, ein Drittel Weiß. Heute dagegen ist die Hälfte Schwarz im Gefängnis, ein großer Teil ist Latino, und nur wenige sind Weiße. In den USA leben nur 13 Prozent Afroamerikaner, aber sie stellen die Hälfte der Gefängnisbevölkerung. Jeder vierte schwarze Amerikaner landet in seinem Leben irgendwann einmal im Gefängnis. Über 2,5 Millionen Menschen.

"Man entrechtet 25 Prozent der männlichen schwarzen Bevölkerung und einen Großteil der männlichen Latinobevölkerung, ist das nützlich?"

fragt der Amerikaner.

"Man nimmt eine gesellschaftliche Gruppe, die keinen Zugang zur Macht hat, und macht sicher, dass sie niemals Zugang zur Macht bekommen. Eine verdammt schreckliche Vorstellung."

Werner sieht hier eine institutionelle Apartheid, die sich gezielt gegen Schwarze richtet. Viele Akademiker sprechen inzwischen sogar von einer modernen Sklaverei. Der Amerikaner vergleicht Gefängnisse mit Krankenhäusern, aus denen mehr Menschen krank herauskommen als gesund. Das Krankenhaus macht Menschen krank, sagt er.

"Und dann sagt man sich, wow, was ein schönes Krankenhaus, lass uns noch mehr bauen. So sieht das Gefängnissystem aus. Es macht Menschen, die etwas falsch gemacht haben, zu permanenten Straftätern."

Anders als in Deutschland, wo Gefängnisse sich bemühen, Straftäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren, messen US-Gefängnisse ihren Erfolg an der Rückkehrerquote. Nur zehn Prozent der Häftlinge, die entlassen werden, schaffen es wieder, sich in die Gesellschaft zu integrieren. 70 Prozent werden wieder eingesperrt. Weitere 20 Prozent sterben vorzeitig oder landen in Gefängnissen anderer Bundesstaaten.

"Und das führt uns zur Frage nach der Funktion des Gefängnissystems. Wenn das Ziel des Gefängnissystems gewesen wäre, die Gesellschaft sicherer zu machen, dann hätten wir es schon längst abgeschafft."

Die USA haben bis heute rund 2,3 Millionen Menschen entrechtet und weggesperrt. Ein sehr großer Teil der schwarzen Bevölkerung befindet sich hinter Gittern und kann nicht wählen. Aber über eine Reform des Gefängnissystems wird nicht diskutiert. Wie würde am 6. November die Wahl ausgehen, wenn zwei Millionen Afroamerikaner und Latino zusätzlich wählen dürften?

"Das Problem mit dem Gefängnissystem ist, dass niemand politisches Kapital daraus schlägt, für die Gefangenen zu sein. Du wirst gewählt, wenn du sagst, dass du Verbrechen hart bekämpfst und Leute einsperrst. Aber wenn du ankündigst, Leute aus dem Gefängnis zu entlassen, bist du auf dem besten Wege, eine Wahl zu verlieren."

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