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Kenia
Friedenserziehung übers Bürgerradio

Nach den Wahlen 2007 brachen in Kenia Unruhen aus. Vielen Radios wurde vorgeworfen, Öl ins Feuer zu gießen und die Konflikte zu schüren. Die kenianischen Bürgerradios wollen es nun besser machen: Mit Friedenserziehung und Gewaltprävention - für rund zehn Millionen Hörerinnen und Hörer.

Von Michael Schweres | 30.01.2018
    Eine Moderatorin sitzt vor einem Mikrofon im Studio des Kenianischen Bürgersenders "Mtaani FM"
    "Mtaani FM" ist eines von 40 kenianischen Community-Radios (Michael Schweres / Deutschlandradio)
    Nairobi, Montagmorgen, 7 Uhr - Tebby Otieno von Mtaani FM beginnt ihre Frühstückssendung. "Umoja - Radio for Peace" heißt es im Jingle: "Friedensradio". Mtaani FM ist eines von 40 kenianischen Community-Radios.
    Njuki Githethwa koordiniert das kenianische Community-Medien-Network "KCOMNET", die Dachorganisation der Radios:
    "Community Radios sind Bürgerradios. Sie verbinden die Menschen. In gewisser Hinsicht sind sie der Puls der Communitys. Sie greifen Themen des täglichen Lebens auf und oft geht es um Frieden oder Konflikte. Die Leute verdächtigen einander, weil sie von verschiedenen Ethnien sind. Sie rivalisieren miteinander, es gibt Spannungen in der Community oder in der Familie. Es kann um Heirat oder Beschneidung gehen, die Leute sind nicht einverstanden mit dem Präsidenten, ihrem Abgeordneten, dem Bürgermeister. All diese Dinge bringen Unfrieden in die Communitys. Mit unserem Friedensradioprojekt 'Umoja' arbeiten wir mit 40 Bürgerradios und ihren Communitys in Kenia. Letztlich beeinflussen wir die Einstellungen und das Konfliktverhalten von über 40 Communities."
    Radios und Soziale Medien bringen Hass unters Volk
    Das sind gut zehn Millionen Hörerinnen und Hörer. 48 Ethnien und noch mehr lokale Sprachen gibt es in Kenia. Zwei Ethnien teilen sich seit der Unabhängigkeit die Macht, alle anderen fühlen sich übergangen, benachteiligt, vergessen. 2017 wollte die Opposition endlich die Macht übernehmen. Doch Wahlkampf und Politik sind hochgefährlich in Kenia.
    Auf Englisch werden Nettigkeiten ausgetauscht, in Swahili und den lokalen Sprachen geht's dann zur Sache. Radios und Soziale Medien bringen den Hass unters Volk. Nach den Wahlen 2007 brachen in dem ostafrikanischen Staat blutige Unruhen aus. Mehr als 1.300 Kenianer verloren ihr Leben, rund 600.000 Menschen wurden vertrieben oder gewaltsam umgesiedelt.
    Friedenserziehung und Gewaltprävention
    Wie beim Genozid in Ruanda wurden auch in Kenia die Radiosender beschuldigt, Öl ins Feuer zu gießen und die Konflikte zu schüren. Doch es geht auch anders. In Kenia wurden vor einigen Jahren mit internationaler Unterstützung Radiostationen aufgebaut, die ein friedliches Miteinander zum Ziel haben. Ein niedrigschwelliges Angebot, das sowohl aus Nairobis Slums und sozialen Brennpunkten heraus sendet, wie auch aus sozial stabilen Dörfern und Städten.
    Friedenserziehung und Gewaltprävention über den Äther - Korogocho ist der zweitgrößte Slum in Nairobi. Hier sendet "Koch FM".
    Eine handvoll Menschen läuft über eine staubige, nicht asphaltierte Straße, die von Wellblechhütten gesäumt wird
    Korogocho ist der zweitgrößte Slum in Nairobi (Michael Schweres / Deutschlandradio)
    Tom Mboya, Teamleader dieser Radiostation, erinnert sich, wie verfeindet die einzelnen ethnischen Gruppen untereinander waren. Und welche wichtige Rolle das Radio beim mühsamen Versöhnungsprozess der Ethnien in Kenia spielt:
    "Wir hatten zwei große blutige Unruhen hier in Korogocho. Luos gegen Kikuyos und dann die Luo-Community gegen die Somalis. Das war furchtbar. Aber vor den Wahlen haben wir in Community-Versammlungen diskutiert, haben Friedensappelle aufgenommen, von politischen und religiösen Führern, Leuten, denen die Menschen hier vertrauen und auf die sie hören. Das haben wir gesendet. Immer wieder. Wir haben auch junge Leute ins Studio eingeladen, von denen wir wussten, dass sie gewaltbereit sind. Wir haben ihnen gesagt, dass es nur Verlierer geben kann, wenn Korogocho brennt. Wir haben sie gefragt, warum die Politiker sie wohl benutzen wollen."
    Eine Moderatorin sitzt vor einem Mikrofon und umgeben von den roten Wänden des Studios des Kenianischen Bürgersenders "Koch FM" und macht sich auf einem Platt Papier Notizen
    "Koch FM" sendet in Korogocho, dem zweitgrößten Slum in Nairobi (Michael Schweres / Deutschlandradio)
    Trainings für "konfliktsensiblen" Journalismus
    Wenige Tage vor der Wahl 2017 wurde der Informatikchef der Wahlkommission ermordet aufgefunden, offensichtlich hatte man ihn gefoltert. Und wieder überschütteten sich Politiker der verschiedensten Lager und Ethnien mit Hass, Drohungen und Falschinformationen.
    "Nicht mehr mit uns", sagten Journalisten und Redakteure der kenianischen Community-Radios und schlossen sich mit Unterstützung von "KCOMNET" zu einem Netzwerk zusammen: Umoja - Radio for Peace. Gefördert wird diese Initiative vom zivilen Friedensdienst der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe und der Konrad-Adenauer-Stiftung.

    Sheila Ngatia ist Peace Advisor, Friedensfachkraft, im Projekt:
    "'Umoja' heißt 'Einheit'. Unser Projektteam arbeitet mit den 40 Radiostationen an der Frage, wie wir das Medium für Friedenserziehung nutzen können. So haben wir ein Trainingsprogramm zu konfliktsensiblem Journalismus entwickelt. Wie funktionieren Konflikte, wer sind die Akteure, welche versteckten Interessen haben sie, was ist eigentlich gewaltfreie Kommunikation? Wenn die Community-Radio-Journalisten ihre Hörerinnen und Hörer so informieren können, kann man die Leute nicht mehr so leicht instrumentalisieren. Und natürlich sprechen wir auch darüber, wie wir Dinge verifizieren können. Wir machen Interview-Trainings und entwickeln gemeinsam neue Sendeformate."
    Eine Frau steht an einem Flipchart und zeigt auf eine Notiz.
    Die Initiative "Umoja - Radio for Peace" gibt Trainings für "konfliktsensiblen" Journalismus (Michael Schweres / Deutschlandradio)
    Friedensradio: Nachrichten, Diskussionen und Geschichten, wie man Konflikte auch anders lösen kann – ohne Blutvergießen und Gewalt. Zusammen mit der Menschenrechtsorganisation "Kituo Cha Cheria", das heißt so viel wie "ein Platz für das Recht", produzieren die "Umoja"-Radios jetzt eine Hörspielreihe.
    Kein Platz für Hass und Gewalt
    "This can happen to anyone of us" - "Das kann uns allen passieren" lautet der Titel. Es geht um Flucht und Vertreibung, die noch immer offene Wunde der Gewaltorgien von 2007/2008.
    In einer gemeinsamen Erklärung haben sich die "Umoja"-Radios am Weltradiotag 2017 zu Wahrhaftigkeit, Ethik, Fairness und Integrität im Journalismus verpflichtet - für Hass und Gewalt soll in kenianischen Community-Radios kein Platz mehr sein.
    "Ich frage mich, ob das ein Problem hier in Korogocho ist. Wir sind einfach nicht tolerant, wir wollen anderen Meinungen keinen Platz einräumen. Und dann schlagen sich die Leute, mit Stöcken, Macheten. Das ist das große Thema. Wir haben alle unterschiedliche Meinungen, aber wir müssen das respektieren. Wir sind verschieden, du denkst das, ich denke etwas anderes. Aber das ist Leben. Wenn wir das über unser Radio vermitteln können, wird es weniger Gewalt geben. Das müssen unsere Hörer verstehen, wir müssen nicht alle das Gleiche denken."