Dienstag, 28. Juni 2022

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Kerry Howley: "Geworfen"
Kämpfer in der Tradition Schopenhauers

Die junge Philosophiestudentin Kit ist fasziniert von Kämpfern, die in Käfigen aufeinander einschlagen, bis das Blut spritzt. Sie findet allerdings nicht die Gewalt so anziehend, sondern das philosophische Moment der Kämpfe. In Kerry Howleys Buch "Geworfen" verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

Von Simone Hamm | 20.09.2016

Der MMA-Kämpfer Fedor Emelianenko aus Russland während eines Kampfes.
Während des Kampfes im Käfig kehren die Kämpfer zur Unmittelbarkeit zurück, findet Protagonistin Kit. (dpa / picture-alliance / Mikhail Kireev/Sputnik)
Die Philosophiestudentin Kit langweilt sich auf einem Philosophenkongress. Man diskutiert lustlos über Phänomenologie und niemand hat eine Zigarette für sie. Ziellos läuft sie durch die Straßen von Des Moines in Iowa und wird eher zufällig Zuschauerin eines Mixed Martial Arts Kampfes, zu deutsch: gemischte Kampfkunst. Hier kämpfen Männer in achteckigen Käfigen miteinander. Sie benutzen Griffe aus Judo, Jiu Jitsu, und Taekwondo. Sie ringen, sie boxen, sie treten. Zuerst ist Kit erschrocken über so viel Brutalität. Dann weicht ihre anfängliche Bestürzung einer nie gekannten Faszination. Und plötzlich weiß sie, was das Thema ihrer Dissertation sein wird: "Die Phänomenologie der Ekstase". Und Sean, der Kämpfer wird das langgesuchte philosophische Studienobjekt werden.
Kit ist das alter ego von Kerry Hawley und den Kampf in Des Moines hat es, wie alle anderen Kämpfe, die sie beschreibt, wirklich gegeben. Die Kämpfer sind reale Figuren. An diesem Abend während des Philosophiekongresses Abend sieht Kerry Howley, wie Sean Huffmann kämpft - und verliert:
"In keinem einzigen Moment dieses Kampfes sah es so aus, als gewinne er. Aber er hat geradezu ekstatisch verloren, glücklich."
Für Sean zählte nur der Kampf.
"Ich war ergriffen. Ich habe ihn wirklich gestalkt, bin ihm nach Kämpfen gefolgt, habe Mails geschrieben, wollte unbedingt mit ihm befreundet sein. Das war meine Art in seine Welt zu gelangen, und ich habe etwa drei Jahre darin gelebt."
Autorin betritt gern unkonventionelle Tabuzonen
Kerry Howley betritt gern unkonventionelle Tabuzonen. Im "New Yorker" hat sie eine viel beachtete Reportage über eine Großwildjägerin geschrieben. Cagefighting gilt als brutal, als Sport der Arbeiterklasse. Man geht nicht Sonntag
nachmittags mit seinen Kindern zu einem Mixed Martial Arts Kampf. Die Kämpfer werden keine Sportidole. Obwohl sie alles geben. Und den Zuschauern wirft man vor, blutrünstig zu sein:
"Wie ich bereits angedeutet habe, gibt es jene, die alle Kampf- Beiwohnenden für zahnlose Kretins und Hinterwäldler-Voyeure halten, für sadistische Adrenalinjunkies, die von einem Blutbad im Mittelwesten zum nächsten ziehen. Die glauben, wir sind so kaltherzig und verroht, dass nichts als brutale Gewalt den Nebel unserer Dumpfheit zu durchdringen vermag – jene, die die vollkommenen Feinde der Polis in uns sehen.
Ich will nicht an all diesen Fronten widersprechen, nicht in jedem Punkt auf unschuldig plädieren. Es stimmt, dass Kämpfer nicht aufseiten der Zivilisation stehen, und wir tun es dementsprechend ebenso wenig. Kämpfer, die aufseiten der Zivilisation stehen, nennt man Soldaten, und Soldaten bekämpfen nicht nur die, die sich aus freien Stücken mit ihnen messen, und ziehen sich auch nicht zurück, wenn die Glocke ertönt."
Kit teilt ihre Zeit zwischen Sean Huffmann und Eric Koch, einem Anwärter auf den Federgewichtstitel. Sie sitzt in nach Schweiß stinkenden Trainingshallen, begleitet sie in ihre armseligen Appartements, in die Schnellimbissbuden, in denen sie sich mit ihren Freunden und Verehrern treffen.
Rückkehr zur Unmittelbarkeit
Mixed Martial Arts Kämpfer bereiten sich hoch konzentriert und fast demütig auf den Kampf vor. Wenn sie in den Käfig steigen, so hat es Kerry Howley erlebt, so beschreibt es ihr alter ego Kit, werden sie zu anderen. Man mag das animalisch nennen, für Kerry Howley ist es die Rückkehr zur Unmittelbarkeit. Ein verstörendes, gewalttätiges Ritual schärft die Sinne für alle Empfindungen. Wenigstens für eine kurze Zeit können auch die Zuschauer einfach nur wahrnehmen, nichts sonst.
In den größten Kämpfen, die ich sah, habe ich gesehen, wie ein Mann jeglichen Bezugsrahmen wegstoßen konnte, wie er zurückkam in eine Zeit, als er noch keine Identität hatte. Diese Männer im Kampf wirken roh und nackt. Sie verkörpern die reine Erfahrung - ohne darüber nachzudenken. Heideggers Vorstellung von "Geworfenheit" hat mir geholfen zu verstehen, warum ich so beeindruckt war.
In Anlehnung an Heideggers Begriff "Geworfenheit" hat Kerry Howley ihr Buch "Thrown" - "Geworfen" genannt. Geworfenheit, das ist die existenzielle Grundstruktur des Seienden. Es ist die Abwesenheit eines jeden Kontextes."Geworfen" ist mehrdeutig. Zum einen sind natürlich die Kämpfer, so wie Kerry Howleys alter ego Kit sie wahrnimmt, Geworfene. Doch auch Kerry Howley ist ohne jene Vorwarnung, ohne Ahnung in die Welt der Martial Arts Kämpfer geworfen worden. Ein glücklicher Verlierer hat ihr die Augen für die unbekannte Welt geöffnet. Auch sie wird, wie die Kämpfer, eine andere:
"Sie erreichen diesen Moment, in dem sie sich Schicht für Schicht von ihrer Identität lösen und zurückkehren zu einem ganz ursprünglichen Platz. Das ist das Ekstatische für Kämpfer und Zuschauer. Als ich das verstanden hatte, konnte ich zurückkehren zu Schopenhauer, Nietzsche, zu all den Männern, die gelehrt hatten, sich der Welt anders anzunähern als durch unseren animalischen Sinn, unsere fünf Sinne. Ein phänomenologischer Übergang könnte an den Sinnen vorbeiführen, mit denen wir die Welt normalerweise erfahren.
Kämpfer in philosophischer Tradition
Für Kit stehen die Kämpfer in der Tradition Schopenhauers. Durch Konzentration und Kontemplation können sie die trübende Linse des rationalen Intellekts zeitweilig außer Kraft setzen und nehmen einfach nur das wahr, was die Welt zu bieten hat. Ihr Professor hält das für eine viel zu wörtliche Auslegung von Schopenhauer, der ja von Kunst, nicht von sportlichen Wettkämpfen gesprochen habe. Kit aber schreibt das Arts - Künste - in Mixed Martial Arts ganz groß.
Kerry Howley hat mit "Thrown" eine völlig neue Gattung geschaffen, eine Art Essay, geschrieben mit den Mitteln der Reportage und der Poesie. Deshalb kann man "Geworfen" ebenso einen Roman nennen wie ein Essay. Kerry Howley erzählt, wie ihr alter ego Kit immer süchtiger nach den Kämpfen wird und gleichzeitig darüber reflektiert. Sie verbindet zwei Welten miteinander, die des Kampfes mit der der Philosophie. Und das gelingt. Deshalb ist ihr belletristisches Essay für die Leser so atemberaubend, wie für sie die Kämpfe gewesen sein müssen.
Dabei behält sie die Distanz zu den so verehrten Kämpfern. Sie nimmt sich selbst nicht so wichtig, nimmt die Studentin, die eine Transformation durchmacht, nicht immer Ernst.
Kerry Hawley räumt mit Vorurteilen auf. Zuerst mit dem, dass Frauen bei den Martial Arts Kämpfern eine untergeordnete Rolle spielen. Kit ist eine hyperintellektuelle Beobachterin mit viel Humor. Mag sie auch die Wunden der beiden Kämpfer versorgen, die sie begleitet, sie bleibt Essayistin, wird keine Krankenschwester. Und auch das Vorurteil, Martial Arts Kämpfer boxten sich das Hirn aus dem Kopf, widerlegt Kerry Howley:
"Sie waren unglaublich neugierige Leute. Kämpfen, das hieß für sie, dass sie kein langweiliges, konventionelles Leben führten. Sie waren sich der Kürze des Lebens bewusst, dieser nietzscheanischen Tiefe der Erfahrung. Ich fand sie philosophisch und ausdrucksstark. Wir hatten wunderbar tiefe Gespräche, so wie ich sie nie zuvor mit Menschen hatte, deren Focus ihr Körper ist."
Schmerz ertragen für die Ekstase
Kit sieht zu, wie die Männer sich verletzen, wie sie ihre Körper nach und nach zerstören. Und doch behalten sie auch in den Momenten, in denen sie der Ohnmacht nahe sind, die Kontrolle. Für die Momente der Ekstase sind sie bereit, große Schmerzen zu ertragen. Das läuft dem gegenwärtig in den westlichen Gesellschaften angepeiltem Lebensgefühl diametral entgegen. Kerry Hawley kehrt lieber zurück zu Nietzsches Geburt der Tragödie.
"Ich bin zu Nietzsche gekommen, weil er sich der Idee der "Gesundheit" verweigert hat. Diese Idee ist nichts anders als das, was wir heute Wellness nennen, also Yoga Komfort: Nichts kann Dich angreifen, Du stehst über allem. Nietzsche hätte gesagt, das Leben ist keine Ansammlung von ruhigen Lebensjahren, sondern von tiefen intensiven Erfahrungen."
Und doch ist Kerry Howley keine blauäugige, willenlos begeisterte Anhängerin der Kämpfer. Sie sieht natürlich auch, dass die Männer gern herauskämen aus ihren Käfigen in Des Moines. Und dass sie gern ihren Lebensunterhalt mit Kämpfen verdienen würden statt mit Nebenjobs.
"So sehr wir auch hoffen, dass die Träume der Kämpfer rein und unverfälscht bleiben, so werden sie doch in Wirklichkeit von den Bedürfnissen des Kabelfernsehens befeuert. Man beginnt vielleicht, wie Erik, mit einem Kampf in einem Konferenzzentrum, aber man tut es in der Hoffnung, dass ein Schutzengel auf einen wartet, jemand, der einen der Unbekanntheit entreißt."
Spiel mit Fiktion und Wahrheit
Es ist dieser genaue, humorvolle und bisweilen selbstironische Blick, der "Geworfen" zu so einer außergewöhnlichen Lektüre macht. Nicht nur für Philosophen. Und nicht nur für Anhänger der Martial Arts. Und so ganz genau weiß man am Ende immer noch nicht, was Fiktion, was Essay, was die Wahrheit ist, wer Kit ist und wer Kerry Howley. Und das ist auch gewollt:
"Alle Erzähler, sage ich, sind Fiktion. Alle. Die zuverlässigen unter uns haben wenigstens den Anstand, es zuzugeben."
Kerry Howley: "Geworfen".
Ullstein, Berlin 2016, 336 Seiten, 16.99 €