Künstliche Intelligenz
KI-Hoffnung in Europa: Vier Thesen von Mistral-Gründer Arthur Mensch

Weniger Bürokratie und eigene Alternativen zu US-Anbietern: So kann Europa bei KI souverän werden, sagt Mistral-Mitgründer Arthur Mensch. Entscheidend sei, Abhängigkeiten zu vermeiden und den Mut zur eigenen technologischen Stärke zu haben. 

    Illustration: Eine lebendige Illustration, die eine Roboterhand zeigt, die ein menschliches Gehirn hält und die Synergie zwischen Technologie und menschlicher Intelligenz symbolisiert.
    Kritische Systeme müsse man selbst kontrollieren, sagt Mistral-Mitbegründer Arthur Mensch zum Thema KI-Ausbau in Europa (picture alliance / imageBROKER / Addictive Stock)
     
    Der KI-Markt wird derzeit von US-Konzernen dominiert, China holt technologisch auf. In Europa wächst deshalb der Druck, eigene Kompetenzen auszubauen. Bundeskanzler Merz forderte, Europa dürfe China und den USA nicht die Führungsrolle überlassen, Frankreichs Präsident Macron sprach sich dafür aus, europäischen Unternehmen bei öffentlichen Digitalprojekten den Vorzug zu geben. 
    Parallel investiert Europa auch in die Infrastruktur: Die Europäische Union plant den Bau sechs weiterer großer Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Die sogenannten KI-Fabriken sollen laut EU-Kommission in Tschechien, Litauen, Polen, Rumänien, Spanien und den Niederlanden entstehen. 
    In diesem Spannungsfeld aus Abhängigkeit, Regulierung und Aufbruch positioniert sich auch Mistral AI. Geschäftsführer und Mitgründer ist Arthur Mensch, ein promovierter KI-Forscher. Mistral gilt als einziges europäisches Unternehmen, dessen Sprachmodell nach Ansicht von Experten mit ChatGPT und anderen US-Systemen mithalten kann - und damit als wichtiger Baustein für Europas Anspruch auf technologische Eigenständigkeit. 
    In einem ausführlichen Interview im Deutschlandfunk äußert sich Arthur Mensch zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in Europa.

    Vier Thesen von Arthur Mensch zu KI in Europa:

    Europa kann und muss digital souverän werden

    Arthur Mensch, Mitbegründer von Mistral, betont, Europa müsse sich im globalen KI-Wettbewerb klar behaupten. Europa sei „absolut Teil des Wettbewerbs“, und er halte künstliche Intelligenz für einen zentralen Faktor künftiger Wirtschaftsleistung. Die europäische Industrie dürfe nicht dauerhaft auf amerikanischer KI basieren, weil das eine „gefährliche Abhängigkeit“ schaffen würde. 
    Um souverän zu sein, müsse Europa eigene Modelle entwickeln, Rechenzentren betreiben und die Wertschöpfung im eigenen Wirtschaftsraum halten. Es gehe darum, die gesamte technologische Kette abzudecken - vom Betrieb der Chips bis zur Anwendung. Ziel sei es, modernste KI-Technologie bereitzustellen, die vollständig unabhängig von US-Anbietern funktioniere. Das werde künftig entscheidend sein. 

    Souveränität heiße nicht Isolation

    Arthur Mensch beschreibt Souveränität bei KI als Dreiklang: wirtschaftlich, demokratisch und strategisch. KI-Souveränität bedeute zunächst wirtschaftliche Souveränität - Unternehmen müssten Alternativen zu den gängigen Anbietern haben, um nicht einseitig abhängig zu sein.
    Zugleich gehe es um demokratische Souveränität, also um Einfluss auf Informationen und deren Kontrolle. Und schließlich sei auch strategische Souveränität wichtig: In einer Welt, in der Gegner KI-Systeme als Waffen einsetzten, müsse Europa in der Lage sein, entsprechende Abwehrsysteme zu entwickeln - von Cyberabwehr bis hin zu Schutz vor KI-gestützten Drohnenangriffen. Abschreckung sei dabei ein zentraler Bestandteil. 
    Gleichzeitig betont er, dass der Aufbau europäischer Alternativen keine Abkehr von internationalen Partnerschaften bedeute. Souveränität heiße nicht Isolation. „Souveränität heißt für uns nicht, dass man alles allein machen muss“, so Mensch. Entscheidend sei vielmehr, Alternativen zu haben und nicht von einem einzigen Anbieter abhängig zu sein. Kritische Systeme müsse man selbst kontrollieren können, ohne jedoch bestehende Kontakte abzubrechen. Die Vorstellung, Souveränität bedeute vollständige Autarkie, greife zu kurz. Die Volkswirtschaften seien eng verflochten, und das werde sich nicht grundlegend ändern.  

    Es braucht öffentliche Nachfrage nach europäischer KI

    Arthur Mensch betont, der wichtigste Hebel für Europa sei die öffentliche Nachfrage. Wenn Staaten, Verwaltungen oder der Verteidigungsbereich in KI investierten - was angesichts von Effizienzanforderungen und demografischer Krise notwendig sei -, dann solle dieses Geld in europäische Technologie fließen und nicht in die USA abwandern.
    Europa brauche mehr KI, um Verwaltung effizienter zu machen und die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Gerade wenn etwa in Deutschland investiert werde, sollte das Geld europäischen Anbietern zugutekommen. Es gehe dabei nicht nur um sein eigenes Unternehmen, sondern um ein ganzes Ökosystem europäischer Firmen. Dieser Hebel sei „der erste und der größte“. 
    Der Staat könne Unternehmen zudem ermutigen, stärker auf europäische Technologie zu setzen, oder zumindest deutlich machen, dass es diese Alternative gibt und man damit langfristig ein eigenes Ökosystem stärke. Neben der öffentlichen Nachfrage nennt Mensch weitere Aufgaben wie Regulierung, Vereinfachung, Arbeitsmarktfragen und die Vereinheitlichung des europäischen Markts. Am wichtigsten bleibe jedoch die Nachfrage – und das Narrativ.
    Aus den USA werde stark die Erzählung verbreitet, Europa sei technologisch zu weit zurück und werde wegen seiner Regulierung nicht erfolgreich sein. Diese Sichtweise habe man sich in Europa „leider viel zu sehr selbst zu eigen gemacht“. Um das zu ändern, brauche es Unternehmen, die zeigten, dass es anders gehe – und Staaten, die klar machten: „Wir können das gemeinsam.“ Nichts hindere Europa daran, großartige Technologie zu entwickeln; es gebe Talente, Kapital und einen riesigen Markt, sogar größer als den der USA. 
    Entscheidend sei ein Mentalitätswandel. „Wir brauchen wieder mehr Optimismus“, sagt Mensch, denn nur mit Optimismus investiere man in Forschung, bleibe innovativ und gewinne Marktanteile zurück. Diese Veränderung könnten Unternehmen nicht allein leisten – sie müsse von den Staaten mitgetragen werden. 

    AI Act & Bürokratie: Start-ups brauchen Erleichterungen

    Arthur Mensch kritisiert, dass europäische Regulierung aus seiner Sicht häufig eher europäische Unternehmen als US-Konzerne belaste. Problematisch sei vor allem zusätzliche Bürokratie - und genau das sei beim AI-Act zum Teil der Fall.
    Das zentrale Problem liege weniger in der Umsetzung als im Signal der Regulierung. Ein Startup könne sich fragen, ob ein Teil des Teams künftig für Regulierung statt für Entwicklung zuständig sein müsse - und sich dann womöglich für eine Gründung in den USA entscheiden. „Das Problem der Regulierung ist also eher das Signal als die eigentliche Umsetzung“, sagt Mensch. 
    Den AI-Act in Bezug auf Basistechnologie und Modellregulierung hält er für „weitgehend nutzlos“. Regulierungsbedarf sehe er bei Anwendungen, nicht bei der Technologie selbst. Mit den Regeln könne seine Firma arbeiten, auch US-Anbieter würden das tun. Für kleinere Firmen sei die Belastung jedoch erheblich. 
    Deshalb habe man im Rahmen des digitalen Omnibus (Anmerkung der Redaktion: ein 2025 vorgestelltes EU-Gesetzespaket, das bürokratische Hürden im Digitalrecht abbauen und vereinfachen soll) Vereinfachungen für junge Unternehmen gefordert. Ziel sei es, neuen Startups den Weg in Europa zu erleichtern - damit Gründerinnen und Gründer nicht wegen regulatorischer Hürden in die USA abwandern.

    Online-Text: Diana Hodali