Zukunftsforschung
Kann KI errechnen, wann der nächste Krieg kommt?

Kann Künstliche Intelligenz vorhersagen, was kommt? In der Zukunftsforschung ist man sich uneinig: Nein, sagen die einen. Noch nicht, sagen die anderen. Was heute möglich ist – und was nicht.

    Ein abstrakter digitaler Planet mit kleinen Datenblöcken, die globale Transformation symbolisieren.
    KI wird politische Ereignisse irgendwann “punktgenau” prognostizieren, glaubt US-Analystin Nandita Balakrishnan. (picture alliance / Westend61 / Serjunco)
    Monate bevor Russland 2022 seine Großoffensive gegen die Ukraine startete, soll eine US-Software den Zeitpunkt des Überfalls vorausgesagt haben. Kann Künstliche Intelligenz also womöglich schon den nächsten Krieg vorhersagen? Kriege als geopolitische Ereignisse gehen oft mit Entwicklungen einher, die messbar sind, sagen Forscher. Wie weit solche Vorhersagen bisher reichen und wo die Grenzen von KI und Zukunftsforschung liegen.

    Inhalt

    Welche Vorhersagen KI treffen kann

    Künstliche Intelligenz kann schon heute bestimmte Entwicklungen erkennen – wenn umfangreiche Daten vorliegen. Ein KI-Programm der Firma Rhombus Power analysierte Monate vorher einen möglichen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Die Software soll den genauen Zeitpunkt mit 80-prozentiger Sicherheit prognostiziert haben. Solche Systeme werden als „KI-basierte strategische Frühwarnung“ bezeichnet. Sie analysieren Satellitenbilder, Truppenbewegungen, Social-Media-Posts und Umfragen. Bei US-amerikanischen und britischen Geheimdiensten kommen sie bereits zum Einsatz, bisher aber nur für Spezialzwecke.
    Auch in anderen Bereichen kann KI Entwicklungen abschätzen – allerdings nur dort, wo es klare, messbare Muster gibt, etwa bei Wettervorhersagen, Bevölkerungsentwicklung oder Wirtschaftswachstum.

    Die Grenzen von KI bei der Vorhersage von Zukunft

    Die Zukunftsforscherin Louisa Kastner betont, weil Zukunft nicht vorherbestimmt ist, könne keine Maschine exakt sagen, was passieren wird. Ein Grund dafür: die Komplexität unserer Welt. Viele kleine Faktoren beeinflussen Ereignisse. Manche davon sind kaum messbar. Das nennt man „Schmetterlingseffekt“.
    KI arbeitet außerdem nur mit Daten, die es bereits gibt. Unerwartete Ereignisse, wie Technologiesprünge oder Naturgewalten, sogenannte „schwarze Schwäne“, tauchen in diesen Daten nicht auf. Deshalb kann KI solche Entwicklungen nicht vorhersehen. Zu den Grenzen gehört aus Sicht von Zukunftsforschern auch die Qualität der verfügbaren Daten. Informationen aus Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft seien oft lückenhaft oder schlecht vergleichbar.
    Die Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum sieht ihre Aufgabe deshalb nicht darin, Zukunft vorherzusagen, sondern sich ihr anzunähern. Dafür nutzt sie mehr als 40 Methoden. Eine der wichtigsten ist die “Szenariotechnik”, sagt Zukunftsforscher Heiko von der Gracht. Forschende analysieren aktuelle Trends und überlegen, welche Faktoren sie beeinflussen könnten. Das Ergebnis sind verschiedene, plausible Versionen von Zukunft.

    Was sich Zukunftsforscher von KI versprechen

    Die US-Analystin Nandita Balakrishnan vertritt eine optimistische, technologieorientierte Sicht auf Künstliche Intelligenz. Sie erwartet, dass KI in Zukunft immer bessere Vorhersagen treffen wird. Dafür brauche es mehr und bessere Daten, um die Systeme damit zu füttern. „KI selbst kann einem dabei helfen, Daten zu finden, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren oder wie man sie verwenden kann“, erklärt die Analystin. Und: Die Daten müssten kompatibel gemacht werden. Das sei die größte Herausforderung. Dann könnte man politische Ereignisse irgendwann quasi “punktgenau” prognostizieren.
    Auf der anderen Seite gibt es Zukunftsforschende, auch im deutschsprachigen Raum, die KI-Prognosen deutlich skeptischer sehen. Für sie bleibt die Zukunft grundsätzlich offen. Sie betonen, das Potenzial von Technologie nicht zu überschätzen. KI-gestützte Prognosen erzeugen die „Illusion, wir können es wissen“, sagt etwa Louisa Kastner vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Sie legt den Schwerpunkt ihrer Forschung deshalb darauf, wie sich die Zukunft mit dem Wissen von heute gestalten lässt.

    Onlinetext: Maja Fiedler