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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHomo Ludens im Erwachsenenalter07.03.2019

"Kidults"Homo Ludens im Erwachsenenalter

"Kidults", ist die Bezeichnung für Erwachsene, die eine Leidenschaft für Spielzeug haben und sich die kindliche Freude am Spielen bewahrt oder wiederentdeckt haben. Ein scheinbar neuer Trend und eine kaufkräftige Zielgruppe. Das macht sie für die Spielwarenindustrie interessant.

Von Alfried Schmitz

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Eine Frau und ein Mann stehen an einem Kickertisch und spielen. (imago / Westend61)
Kickertische finden sich mittlerweile in einigen Büros wieder (imago / Westend61)
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Spielforscher Jens Junge "Spielen ist nicht mehr nur Kinderkram"

"Erwachsene spielen mindestens genauso gerne, wie Kinder. Wir denken immer, Spielen ist etwas für Kinder. Aber Spielen ist etwas, was unsere ganze Kultur, unsere ganze Entwicklung voranbringt. Und wenn wir uns ehrlich hinterfragen und schauen, was gibt es denn an spielerischen Momenten in meinem Leben, findet man jede Menge."

Die Privat-Dozentin Dr. Karin Falkenberg ist Ethnologin und Sozial-Historikerin. Sie leitet das Deutsche Spiele Archiv und das Nürnberger Spielzeugmuseum. Ihr Ziel ist es, diese beiden Institutionen zu wissenschaftlichen Kompetenzzentren und Knotenpunkten in Sachen Spielforschung auszubauen und eigene Forschungsprojekte anzustoßen.

Ihre aktuelle Arbeit beschäftigt sich mit der Frage der Spiel-Motivation nicht nur bei Kindern, sondern besonders bei junggebliebenen und spielenden Erwachsenen, den "Kidults". Erste Ergebnisse sind in der aktuellen Ausstellung "Warum spielst Du?" auf zwei großen Schauwänden im Spielzeugmuseum Nürnberg dokumentiert.

Verschiedene Schwerpunkte für Spielmotivation von Erwachsenen

"Wir haben für diese Ausstellung einhundert Personen als Pilotprojekt befragt und diesen Menschen, die hier in Nürnberg leben, den Begriff des Spielens frei zu Definition gestellt und gefragt: Wenn Du überlegst, was spielst Du gerne im Leben, was ist es dann? Und da haben wir diese gesamte Bandbreite schon einmal exemplarisch dargestellt. Die Leute spielen einfach, weil sie Lust dazu haben, weil sie sich ausklinken wollen aus dem Alltag, weil sie den Kopf frei kriegen wollen, weil sie Kreativität lieben, weil sie gerne Theaterspielen, weil sie völlig verrückte Sachen machen. All das ist hier nachvollziehbar und zwar immer mit Slogans und dann mit den Hintergründen, was macht diese Menschen aus und was ist ihr Spielbegriff."

Durch die Befragungen ließen sich verschiedene Schwerpunkte als Hauptgründe für die Spielmotivation von Erwachsenen herauslesen:

"... weil ich digital mit Menschen auf der ganzen Welt spielen kann!"

"... weil ich Technik faszinierend finde!"

"... weil ich am liebsten meinen Verstand herausfordere!"

"... weil ich unsere Welt im Kleinen gestalten kann!"

"... weil ich meine Gefühle spielerisch ausleben kann!"

"... weil ich beim Spielen immer geschickter werde!"

"... weil ich gerne in neue Rollen schlüpfe!"

Ein Mann sitzt auf einem Schreibtisch und balanciert einen Basketball auf dem Finger. Um ihn herum stehen Kollegen. Das Büro ist licht, stilvoll und geräumig eingerichtet.  (imago/westend61)Arbeitskollegen spielen Basketball im Büro (imago/westend61)

Auf den Spuren der eigenen Kindheit

Hinterfragt und analysiert wurde auch die Emotionsebene der Spielenden. Dabei fand man heraus, dass die so genannten "Flow-Erlebnisse" besonders wichtig sind. Dieser Begriff, den man aus der Psychologie kennt, bezeichnet das möglichst lang anhaltende tranceähnliche Glücksgefühl, das bei der besonderen Vertiefung in eine Spielsituation entsteht und das auch mit dem Ausstoß von Adrenalin einhergeht.

Eine besondere Gruppe unter den "Kidults" sind die Spielzeugsammler, die auf Flohmärkten oder auf Internetbörsen Puppen, Stofftiere, Modellautos oder Figuren kaufen, mit denen sie schon als Kind gerne gespielt haben, die ihnen aber über die Jahren abhanden gekommen waren.

"Und diesen Verlust versuchen sie später wieder auszugleichen und kaufen sich etwas Ähnliches wieder und sind plötzlich in so einem Flow und so einen Rausch und es gibt auch Menschen, die wir interviewt haben, die sagen, ich will nie erwachsen werden. Ich will immer weiter spielen, ich will genau das mir erhalten, ich mir dieses Kindliche in mir bewahren."

Spielleidenschaft bei Erwachsenen ist kein neuer Trend

Der Erziehungswissenschaftler Dr. Volker Mehringer von der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg gilt als einer der führenden deutschen Spielzeugforscher. Sein Hauptgebiet sind Projekte und Untersuchungen über den pädagogischen Nutzen den bestimmtes Spielzeug für Kinder hat. Den am Spielzeug interessierten Erwachsenen hält Mehringer von den Erfahrungen, die er auf seinem Arbeitsfeld gemacht hat, für ein nicht ganz so neues Thema.

"Ich glaube, dass es immer auch schon Spielzeug gab, das sowohl für Kinder war und gleichzeitig auch für Erwachsene attraktiv war. Das sieht man heutzutage in fast allen Familien, dass die Eltern schon ganz gerne mitmischen in der Spielzeugauswahl. Und nicht nur aus erzieherischen Überlegungen, sondern weil sie manches eben auch selbst spannend finden und selber auch ausprobieren würden. Und ich finde, das ist auch aus sozialer Sicht höchst spannend. Da hat man eine Tätigkeit, wo man auch gemeinsam sich als Familie zusammensetzen kann und wo man gemeinsam eine schöne Zeit haben kann. Das halte ich für eine ganz tolle Möglichkeit und ein schönes verbindendes Element zwischen Erwachsenengeneration und Kinder- und Jugendgeneration."

Viele Erwachsene interessieren sich aber auch losgelöst von einem Familienleben und von der Kindererziehung für Spielzeug. Dieser Spieltrieb unter Erwachsenen, der früher von der Mehrheit der Gesellschaft noch belächelt wurde, findet heute immer mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Volker Mehringer führt das darauf zurück:

"…dass diese klare Abgrenzung zwischen Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen nicht mehr so stark gegeben ist. Also, dass es vollkommen in Ordnung ist, ein 'Kidult' zu sein, ein Erwachsener, der trotzdem noch viele Hobbies hat, der spielerischen Tätigkeiten nachgeht und man sagt, das hat auch mit Lebenslust und mit Lebensfreude zu tun."

Eine Gruppe spielt ein Gesellschaftsspiel. (imago/imageBROKER/Moritz Wolf)Ein Erwachsener spielt ein Gesellschaftsspiel. (imago/imageBROKER/Moritz Wolf)

Spielzeug in der Arbeitswelt

Ein bekannter dänischer Hersteller von Plastikbausteinen hat eine komplette Serie speziell für "Kidults" auf den Markt gebracht. Und auch eine bekannte Firma aus Deutschland, die bislang ausschließlich Plastik-Spielfiguren für Kinder hergestellt hat, setzt mit einer neuen Produktreihe auf spielfreudige erwachsene Konsumenten.

Viele dieser Spielzeuge für "Kidults" sorgen ausgerechnet dort für Entspannungsmomente, wo in der Erwachsenenwelt der Ernst des Lebens stattfindet, nämlich am Arbeitsplatz. Und so findet man auf vielen Schreibtischen hochwertige und aufwändig zusammengebaute Modellautos oder Geschicklichkeitsspiele, die vom Arbeitsstress ablenken sollen.

Dieser positive Effekt wird in einigen Unternehmen im Bereich der Personalführung eingesetzt.

"Und es gibt auch immer mehr Bemühungen, spielerische Momente ins Arbeitsleben einzubauen. Unter dem Begriff 'Gamification'. Weil Spielen als Tätigkeit so motivierend ist. dass natürlich auch Schlagwörter, wie lebenslanges Lernen immer mehr an Bedeutung gewinnen und man nicht sagt, ich habe nach Schule, Berufsausbildung oder Studium ausgelernt und das war’s, sondern ich muss ja flexibel bleiben, ich muss mich immer weiter fortbilden. Und grundsätzlich, überall, wo gelernt wird, kann ich auch darüber nachdenken, ob ich nicht auch spielerisch lerne."

Viele Menschen, die sich aus dem aktiven Arbeitsleben zurückgezogen haben, gehen in ihrer neu gewonnen Freizeit einem spielerischen Hobby nach, bauen Modelleisenbahnen auf, richten Puppenhäuser ein. Auch in der Seniorenbetreuung setzt man verstärkt auf die positive Wirkung von Spielzeug und Spielen.

"Spielpädagogische Arbeit in einem Altenheim, also bewusst mit Spielen, nehmen wir nur Memory, das Gedächtnis zu fördern. Spiele, die auch auf die eigenen Erinnerungen abzielen und da verknüpfen wollen. Da gibt es noch ganz, ganz viel mehr Möglichkeiten und noch viel Potential, das nicht ausgeschöpft ist."

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