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StartseiteForschung aktuellSchulen sind keine Corona-Hotspots14.07.2020

Kinder und Covid-19Schulen sind keine Corona-Hotspots

Eine Studie mit über 2.000 Schulkindern in Sachsen bestätigt, was Epidemiologen schon länger vermuten: Schüler spielen bei der Verbreitung von Covid-19 keine große Rolle. "Schulen sind keine Brandbeschleuniger für die Ausbreitung des Virus", sagte der Studienleiter im Dlf-Interview.

Reinhard Berner im Gespräch mit Monika Seynsche

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Realschule Benzenberg anlaesslich der Wiederaufnahme des Schulbetriebs unter Auflagen des Corona-Infektionsschutzes in Zeiten der Corona Pandemie, Schuelerinnen tragen Masken beim Unterricht im Musikraum.  (imago images / Rupert Oberhäuser)
Schülerinnen mit Masken beim Musikunterricht in einer Realschule (imago images / Rupert Oberhäuser)
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Monika Seynsche: Eine der ersten Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 war in fast allen Ländern Welt, Schulen und Kitas zu schließen. Seitdem wird heftig darüber diskutiert, wie sinnvoll die Schließungen waren und wie stark Kinder das Virus wirklich verbreiten. Jetzt liegen die ersten Ergebnisse der bisher bundesweit größten Studie an Jugendlichen zu dieser Frage vor. In Dresden und Umgebung wurden dafür 2.045 Schüler und Lehrer auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht. Professor Reinhard Berner ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der TU Dresden und leitet die Studie. Ihn habe ich gefragt, was dabei herausgekommen ist.

Reinhard Berner: Wir hatten damit gerechnet, dass wir relativ wenig durchgemachte Infektionen würden nachweisen können. Aber wir waren dann doch überrascht, dass wir am Ende tatsächlich nur bei 12 der untersuchten Blutproben zweifelsfrei Antikörper gegen das Coronavirus nachweisen konnten - bei insgesamt 2045 untersuchten Blutproben.

Nur 0,6 Prozent der Untersuchten waren immun gegen das Virus

Seynsche: Das ist aber ein extrem geringer Immunisierungsgrad, oder?

Berner: Genau. Wir haben das sehr sorgfältig gemacht. Wir haben nicht nur einen Antikörpertest gemacht. Sondern, wenn der positiv war, haben wir das noch mit zwei anderen Tests bestätigt. Und nur wenn wir uns ganz sicher waren, dass tatsächlich eine Infektion vorlegen hatte, wenn mindestens zwei dieser Tests positiv gewesen waren, haben wir das positiv gewertet. Und tatsächlich sind wir überrascht, dass erstens so wenige Kinder und Schüler eine Infektion durchgemacht haben. Auf der anderen Seite heißt das natürlich auch, dass die Population der Schüler und Lehrer in die Ferien hinein- und aus den Ferien herauskommen und in den Herbst gehen wird, ohne dass in irgendeiner Form relevante Antikörper nachzuweisen gewesen wären.

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Überraschend niedrige Dunkelziffer

Seynsche: Welche anderen Ergebnisse können Sie aus Ihren Daten ziehen? Wie verbreitet sich Covid-19 zum Beispiel in den Familien?

Berner: Wir haben uns Schulen rausgesucht, wo wir wussten: Da hat es nachgewiesene Coronavirusfälle gegeben. Was wir sagen können anhand dieser wenigen Infektionen: Diese Fälle haben nicht dazu geführt, dass sich das Virus in den Schulen ausgebreitet hätte. Der zweite Punkt ist, dass wir untersucht haben: Wie viele der untersuchten Menschen wussten durch eine Abstrichuntersuchung, dass sie schon eine Coronavirusinfektion durchgemacht haben? Und da haben wir gefunden - es waren ja nur 12 Infektionen - dass fünf von ihrer Infektion wussten, sieben aber nicht davon wussten. Das heißt: Die sogenannte Dunkelziffer liegt bei 2,4. Und das ist deutlich weniger als wir eigentlich erwartet haben oder was man vor Wochen oder Monaten noch erwartet hatte.

"Wir haben keine Ausbreitung in den Schulen gehabt"

Seynsche: Können Sie Aussagen darüber treffen, ob die Kinder Infektionen, die vielleicht in den Familien da waren, in die Schulen getragen haben und sie sich dort wieder verbreitet haben?

Berner: Wir haben keine Ausbreitung in den Schulen gehabt. Das können wir definitiv sagen. Es hat nicht mehrere Fälle in Schulen oder in Klassen gegeben - also das Virus hat sich in den Schulen nicht ausgebreitet. Was wir auch sagen können: Wir haben insgesamt 24 Familien gehabt, wo bekannt war, dass in diesem Haushalt tatsächlich eine Infektion stattgefunden hat, weil eine Infektion mit Abstrich nachgewiesen worden war. Und nur eine dieser 24 Personen hatte dann tatsächlich auch Antikörper. Was wir also damit auch sagen können: Zumindest in dieser überschaubaren Gruppe von Haushalten, die wir jetzt hier beobachten konnten, hat es in den Haushalten keine ungebremste Verbreitung des Virus gegeben und keine Infektionen.

Seynsche: Sie haben ja gezielt ältere Kinder untersucht, nicht Kleinkinder und Kindergartenkinder. Warum?

Berner: Wir untersuchen die Kita- und Kindergartenkinder in einer separaten Studie, die noch läuft. Das haben wir davon abgetrennt, weil wir bei denen kein Blut abnehmen wollen. Wir haben ältere Kinder genommen, die eine aktive Entscheidung dazu treffen konnten, dass sie mitmachen und sich Blut abnehmen lassen wollten. Der zweite Grund war: Wenn man um den 13. März herum und davor, wo die Pandemie sich ja schon ausgebreitet hatte, mal in die Parks und auf die Plätze gegangen ist, hat man schon gesehen, wie viele Jugendliche sich ganz ungestört von dieser Pandemie weiter getroffen haben. Wir haben diese Gruppe also auch ausgesucht, weil wir angenommen haben: Die werden sich möglichweise nicht an alle Regeln der Allgemeinverfügung gehalten haben, nicht an alle Empfehlungen und vielleicht schon gar nicht an die Ratschläge ihrer Eltern. Sodass wir auch wissen wollten: Was passiert genau in dieser Gruppe?

Seynsche: Und was ist da passiert?

Berner: In der Region, die wir untersucht haben, also in Sachsen mit relativ niedrigen Infektionszahlen, ist es offensichtlich zu keiner relevanten Ausbreitung des Virus gekommen. Wir habe diese Schüler auch gefragt: Wie viele von euch hatten denn in dieser Zeit Kontakte außerhalb von Schule und Familie? Und das ist dann doch bemerkenswert gewesen, dass 80 Prozent der Schüler angegeben haben, dass sie auch außerhalb von Familie und Schule - solange die Schulen noch offen waren - ihre sozialen Kontakte weiter gepflegt haben.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte) (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Situation im Herbst wird der Lage im März ähneln

Seynsche: Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Studie für die Wiedereröffnung der Schulen nach den Sommerferien?

Berner: Ich glaube, man muss zur Kenntnis nehmen, dass wir mit einer Immunitätslage in den Sommer beziehungsweise in den Herbst hineingehen, wo wir nicht davon ausgehen können, dass irgendeiner der Schüler schon eine Infektion durchgemacht hätte und möglicherweise immun wäre. So ist es nicht. Sondern die Situation ist im Grunde genau dieselbe wie im März 2020. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir schon sagen können: Die Schulen sind kein Brandbeschleuniger für die Ausbreitung dieses Virus. Das scheint nicht der Fall zu sein. Wobei man natürlich ein bisschen einschränken muss: Wir haben diese Studie in einer Region gemacht, wo eben insgesamt relativ wenig Virus zirkulierte. Und natürlich gab es dann auch den Lockdown, der das Ganze gebremst hat. Trotzdem kann man sagen: In den Schulen, unter den Schülern breitet sich dieses Virus nicht so aus, wie man das befürchtet hat zu dem Zeitpunkt, als man die Schulschließungen angeordnet hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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