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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEthische Probleme der Reproduktionsmedizin19.11.2015

KinderwunschEthische Probleme der Reproduktionsmedizin

Von Ingeborg Breuer

Dieter Sturma:
"Die Fragen, die die Reproduktionsmedizin in der Bioethik aufgeworfen haben, haben natürlich sehr damit zu tun, ob wir Embryonen instrumentalisieren können, ob wir das, wenn wir das können, auch machen sollen."

Ist das technisch Machbare auch das moralisch zu Verantwortende, fragt Prof. Dieter Sturma, Direktor des Bonner Instituts für Wissenschaft und Ethik. Seit 1978 in England das erste Retortenbaby im Reagenzglas gezeugt worden ist, fragen Bioethiker, wie weit die Entstehung neuen Lebens technisch manipuliert werden darf? Michael Fuchs, Professor für praktische Philosophie in Linz:

"Es geht darum, dass Dinge, die bisher vorgegeben waren durch die Natur, dass die in unsere Gestaltungsmöglichkeit kommen und damit auch in unseren Verantwortungsbereich. Es ist der Preis, den wir für unsere Freiheit und Gestaltungsmöglichkeit zahlen müssen. Und insofern ist der Verlust der Natürlichkeit eine moralische Herausforderung."

Im Falle seltener Erbkrankheiten kann der gesunde Zellkern einer befruchteten Eizelle in eine neue Eizelle verpflanzt werden. Damit wird ein kleiner Teil des Erbgutes ersetzt. Der entstehende Mensch hat dann drei Eltern: zwei Mütter und einen Vater. Pluripotente Stammzellen können sich zu jedem beliebigen Zelltyp in einem Organismus entwickeln. Wenn man daraus nun männliche und weibliche Geschlechtszellen entwickelt und diese zur Verschmelzung bringt, würde man Lebewesen mit nur einem Elternteil schaffen. Noch klingt vieles wie Science Fiction – doch die Forscher arbeiten daran. Und die Bioethik muss sich dazu positionieren.

Michael Fuchs:
"Die Essenz ist, dass es mehr offene Fragen als Antworten gibt. Die neuen Technologien, das sind Konstellationen, die wir noch nicht durchdiskutiert haben und deshalb noch nicht abschließend beurteilen können."

Viele Möglichkeiten, unfreiwillig kinderlosen Paaren zum Wunschkind zu verhelfen, sind längst Realität. Zum Beispiel können Leihmütter den im Reagenzglas gezeugten Embryo eines Paares austragen und das Kind zur Welt bringen. In Deutschland und vielen anderen Ländern ist das verboten. Doch die Schweizer Philosophin Dr. Barbara Bleisch regt die "Eröffnung einer neuen moralphilosophischen Debatte" an. Wann, so ihre Frage, wäre Leihmutterschaft moralisch zulässig?

Barabara Bleisch:
"Leihmutterschaftsverhältnisse sind meiner Meinung nach dann moralisch zulässig, wenn sie im Rahmen einer persönlichen Beziehung zustande kommen. Dass heißt die Leihmutter wird nicht in einem Dienstleistungsverhältnis engagiert, sondern die Wunscheltern lernen die Leihmutter persönlich kennen, sie pflegen eine Beziehung zu ihr. Sie sehen in ihr die austragende Mutter des zukünftigen Kindes und reduzieren sie nicht auf die Funktion der Gebärmutter."

Die Leihmutter, meint Barbara Bleisch, wäre dann so etwas wie eine Patentante, deren Kontakt zum geborenen Kind auch weiterhin bestehen bliebe. Michael Fuchs hat allerdings Zweifel an der Realitätstauglichkeit eines solchen Modells:

"Die Möglichkeit aus altruistischen Gründen so etwas zu machen, scheinen mir so vage und wackelig, dass die Gefahren, die durch Ausbeutung und Instrumentalisierung drohen, nicht aufgewogen werden."

Apple und Facebook bezahlen social freezing

Vor knapp einem Jahr wurde bekannt, dass Apple und Facebook ihren amerikanischen Mitarbeiterinnen anbieten, ihren Kinderwunsch buchstäblich auf Eis zu legen. Die Firmen übernehmen die Kosten für das social freezing, das Einfrieren von Eizellen, damit die Frauen dann selbst entscheiden können, wann der richtige Zeitpunkt für eine Befruchtung gekommen ist. Steuern Unternehmen jetzt auch die Reproduktion ihrer Angestellten, fragen Kritiker besorgt.
Michael Fuchs:
"Das social freezing ist der Punkt, der noch nicht hinlänglich diskutiert ist, wo wir uns über die Rahmenbedingungen noch nicht genügend Gedanken gemacht haben. Hier ist ein Bereich, wo Arbeitgeber in der Tat schon Einfluss nehmen auf die Gestaltung von Familienplanung, wo wir noch gar keine Regelungen und ethischen Antworten haben."

In Deutschland ist social freezing allerdings – noch - weitgehend unbekannt.
Katrin van der Ven:
"Unserer Erfahrung nach ist das Interesse bei Weitem nicht so hoch, wie es in den Medien präsentiert wird."

Die Leiterin der Ambulanz für Reproduktionsmedizin der Uniklinik Bonn, Prof. Katrin van der Ven, über ihre Erfahrungen mit der neuen Methode zur Familienplanung:
"Anlässlich einer Auswertung, die wir kürzlich durchgeführt haben, haben wir gesehen, dass wir im Jahr 2013/2014 das social freezing bei fünf Patientinnen durchgeführt haben. Aber im Lauf des letzten Jahres ist die Nachfrage deutlich gestiegen. Wobei ich schätzen würde, dass wir im letzten Jahr vielleicht 30 – 40 Beratungen durchgeführt haben, wobei sich knapp die Hälfte der Patientinnen für eine Behandlung entscheiden konnten."

Allerdings nutzen die Patientinnen an der Bonner Frauenklinik das social freezing - das übrigens Kosten von weit über 10 000 Euro mit sich bringt – nicht, wie gemeinhin unterstellt, zur Karriereplanung.

Kartrin van der Ven: "Das sind berufstätige, hoch qualifizierte Frauen, die das social freezing nicht zur Planung ihrer Karriere und des Kinderwunsches benutzen, sondern weil aktuell keine Partnerschaft besteht, die Patientinnen sich aber im Klaren sind, dass ihre Fruchtbarkeit abnimmt und in absehbarer Zeit eine Erfüllung des Kinderwunsches nicht möglich ist."

Auch Katrin van der Ven sieht Diskussionsbedarf beim social freezing. Darüber etwa, ob es ein gesetzlich festgelegtes Höchstalter geben soll, bis zu dem die Frau auf ihre Eizellen zurückgreifen darf. Schließlich steigen die gesundheitlichen Risiken einer späten Schwangerschaft für Mutter und Kind. Allerdings lässt die Gynäkologin keinen Zweifel daran, dass sie selbst das social freezing als Chance für Frauen sieht:

"Meiner Meinung nach ist es tatsächlich die Fortsetzung der reproduktiven Autonomie, die man durch die Pille errungen hat. Durch die Pille hatte man die Möglichkeit, eine Berufsausbildung wirklich zu planen und durchzuführen. Und social freezing ist eigentlich für mich ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung."

Im öffentlichen Diskurs, darauf verwies Dieter Sturma, spielt der Begriff der "sozialen Elternschaft" eine zunehmend größere Rolle. Entscheidend sei – im Falle homosexueller Paare oder bei Patchworkfamilien - nicht die biologische Elternschaft, sondern dass Menschen eine langfristige, liebevolle Verantwortung für Kinder übernehmen. Warum also kein Kind adoptieren, wenn man keins bekommen kann?
Die Anstrengungen vieler Paare und Frauen, mit Hilfe reproduktionsmedizinischer Techniken doch noch den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen, zeigt, dass der Wunsch nach dem biologisch eigenen Kind offensichtlich recht unausrottbar in den Menschen verwurzelt ist.

Dieter Sturma: "Das ist auch philosophisch interessant, weil in der Regel, was soziale Bindungen angeht so eine Tendenz in den Geistes- und Sozialwissenschaften weg von Biologismen geht und die soziale Formierung ins Spiel bringt. Und der Kinderwunsch in Bezug auf das eigene Kind geht in eine andere Richtung. Weil eine soziale Elternschaft steht den Paaren ja offen, aber sie wollen ja die biologische Elternschaft."

 

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