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StartseiteCorsoNaht das Ende der Leinwand?28.12.2020

Kino 2021 Naht das Ende der Leinwand?

Das Hollywood-Großstudio Warner hat angekündigt, im nächsten Jahr in den USA alle Filme gleichzeitig zum Kinostart auch als Stream anzubieten. Ist das das Ende des Kino, des mythischen "Lichtspielhauses", die endgültige "Netflixisierung" des Films?

Von Hartwig Tegeler

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Jack Nicholson auf einer Openairkinoleinwand in Dresden (Zentralbild (DRE103-060804))
Size does matter! - zumindest für Cineasten- Jack Nicholcon auf einer Open-Air-Kinoleinwand in Dresden (Zentralbild (DRE103-060804))
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Das Verhalten von Warner ist nur ein Beispiel dafür, wie die großen Hollywood-Studios mit dem Strukturwandel ihrer Branche umgehen. Das Wegfallen der Kinoeinnahmen führte schon zu sehr flexiblen Modellen, um die Filme an die Zuschauer zu bringen. Vergessen sollte man aber auch nicht, dass die Filmstudios – und das nicht erst jetzt – immer Mischkalkulationen betrieben haben und zu Multimedia-Unternehmen geworden sind. Dazu gehören TV-Sender, Merchandising etc. pp. - und eben inzwischen auch eine eigene Streaming-Plattform. Warner hat HBO Max, Disney hat Disney+.

Streaminganbieter als Filmproduzenten

Aber es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß. Ein Beispiel: Der letzte Film von Martin Scorsese hieß "The Irishman", hochgelobt, hatte ein kurzes Kinofenster und erschien dann exklusiv auf Netflix. Denn "The Irishman" war eine Netflix-Produktion. Und Scorseses war des Lobes voll, dass er beim Streaming-Dienst künstlerische Freiheiten und ein Budget hatte, das er sich von keinem traditionellen Filmstudio mehr vorstellen konnte. Was übrigens auch andere Filmemacher berichten, die bei Netflix oder Amazon ihre Filme produziert haben. Scorseses neuer Film, der wohl 2022 herauskommen soll – Titel: "Killers Of The Flower Moon"; in den Hauptrollen Robert de Niro und Leonardo Di Caprio -, hat ein Budget von 200 Millionen US-Dollar. Das ist schon oberste Liga. Ursprünglicher Produzent war Paramount Pictures. Doch dann gab es Etat-Probleme und künstlerische Differenzen über das Drehbuch. Und den neu ausgerufenen Bieterwettbewerb, den sich Netflix und alteingesessene Hollywood-Studios wie Universal und MGM lieferten, gewann Apple. Der Film wird also, wenn er herauskommt, in den Kinos laufen, dann aber exklusiv auf dem Streamingdienst Apple TV+.

Woran ist die Pandemie schuld?

Die Pandemie treibt dabei eine Entwicklung voran, die sich in den letzten Jahren mit dem veränderten Rezeptionsverhalten schon andeutete. Und da ist die Vorstellung eines entspannten Kinobesuchs und dem anschließenden Gang ins Restaurant und dem wunderbaren Streit über den Film, den man gerade gesehen hat, bei einem Glas Wein, zumindest eine romantische Vorstellung. Faktisch fand sie ja auch nur statt, wenn man in einer kleineren oder größeren Metropole mit entsprechenden Kinos lebte. Aber die Veränderung unserer Arbeitszeiten und die Digitalisierung unseres Freizeitverhaltens haben den Streaming-Plattformen Voraussetzungen geboten, unter denen Netflix oder Amazon Prime Video – um jetzt nur zwei Marktführer zu nennen – groß geworden sind. Und – auch das darf man nicht vergessen – jetzt einen Content liefern, der wirklich erstaunlich ist. Innerhalb der Abos gibt es Filme, teilweise Hits von Festivals, die der normale Kinogänger eben da, im Kino, nie zu sehen bekommen hätte.

Das berühmt-berüchtigte "Auswertungsfenster" der Filme – erst Kino, dann digital veröffentlicht, als VideoOnDemand oder DVD -, es war in den letzten Jahren immer heiß umkämpft. Der Philosoph Boris Groys sagte dazu in einem SZ-Interview, dass in Kriegen, Revolutionen oder Pandemien immer "die neuen Technologien (…) gewinnen. "Sie gewinnen sowieso, die Krise beschleunigt das nur. (...) Was wir erleben, ist keine Disruption [also: keine "Störung"], sondern die Radikalisierung einer Entwicklung, die ohnehin stattfindet." Das heißt: so, wie in den 1950er-Jahren das Fernsehen seine Entwicklung nahm, ohne dass das Kino starb, wird das Auswertungsfenster sich jetzt tendenziell auflösen.

Ist 2020 das Ende des Kinos besiegelt?

Abzusehen ist aber, dass einige Filmabspielorte schließen werden. Ob es allerdings nur die kleinen Häuser treffen wird oder die großen Ketten, dazu gibt es unterschiedliche Prognosen. Da gibt es diejenigen, die den Untergang des Kino-Abendlandes beschwören, aber es gibt es natürlich auch Leute, die aufgrund einer relativ nüchternen Analyse im Neuen große Chancen FÜR DEN FILM sehen. Einer von ihnen ist der Regisseur Steven Soderberg, der Warners Strategie, die Blockbuster nach der Pandemie parallel in Kino und per Stream auszuwerten, für "völlig plausibel" hält. Man müsse, sagt Soderbergh, eine neue Flexibilität in der Verwertung von Filmen entwickeln. Soll heißen: Man hat gerade einen Film landesweit im Kino gestartet, stellt schnell fest, dass er nicht läuft, nicht im Kino, also auf der Großen Leinwand funktioniert, und müsse man ihn möglichst schnell auf eine Streaming-Plattform bringen. Soderberghs Argument: Die Kinos würden den Film sowieso aus dem Programm schmeißen, weil er floppt. Also Flexibilität.

Aber dann hat der Filmemacher noch eine Vision, bei der Filmkritiker ins Schwärmen kommen: Die Kinos sollten sich als "Repertoire-Kinos" neu erfinden, indem sie all die Filme aus den letzten 120 Jahren zeigt, die das Publikum nie im Kino gesehen hat. Das ist allerdings eine Vorstellung, die eine wunderbare Perspektive für den Film darstellt: nach dem Ende der Pandemie, nach dem wahrscheinlichen Ende auch des Auswertungsfensters, dann in einer neuen Kino-Normalität.

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