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StartseiteInterviewDer Gottesdienst "fehlt schon sehr"18.04.2020

Kirche und Glaube in CoronazeitenDer Gottesdienst "fehlt schon sehr"

"Der Wunsch, wieder Eucharistie feiern zu können, ist schon sehr verbreitet", sagte Thomas Sternberg vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken im Dlf. Er hält Gottesdienste auch bei den geltenden Abstandsregeln für machbar, zumal in geräumigen Kirchen und betont deren Trostfunktion in der Coronakrise.

Thomas Sternberg im Gespräch mit Jürgen Zurheide

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Ein Gottesdienst wird mit einem Handy ins Internet gestreamt. (Picture Alliance / dpa / Photoshot)
Gottesdienste zu streamen, sei keine Dauerlösung, findet Sternberg: "Quelle und Höhepunkt unseres Lebens ist eben die Eucharistiefeier, und das ist eine Gemeinschaftsfeier." (Picture Alliance / dpa / Photoshot)
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Mitte der Woche haben Bund und Länder in Deutschland erste Lockerungen der bisherigen Corona-Schutzmaßnahmen beschlossen. Darauf folgten Diskussionen und auch Kritik. Warum etwa dürfen Möbelmärkte in einigen Bundesländern eröffnet werden, Kirchen aber noch nicht? Die Frage steht im Raum, was denn systemrelevanter ist. Dazu Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Jürgen Zurheide: Herr Sternberg, fehlt Ihnen der Gottesdienst?

Thomas Sternberg: Oh ja, er fehlt schon sehr. Wir haben das ja klaglos auch selbstverständlich mitgemacht, weil wir ja auch die Notwendigkeit gesehen haben, dass keine Gottesdienste stattfinden. Aber wenn es jetzt zu Lockerungen kommt – es fehlt schon sehr, gerade über Ostern hat man das schon sehr gemerkt.

"Die Eucharistie ist eine Gemeinschaftsfeier"

Zurheide: Was heißt das ganz konkret? Die Liturgie, da sagen ja manche, nun ja, diese Kreativität, auch das im Netz zu machen, das hat Einiges gebracht. Der Papst hat aber auch gestern, glaube ich, noch mal darauf hingewiesen, so ganz richtig ist das nicht. Also was fehlt Ihnen auch ganz persönlich?

Sternberg: Ich glaube, wenn eins bei allen katholischen Gläubigen angekommen ist, dann die Auffassung und die Feststellung, die wir seit über 50 Jahren doch noch mal bekräftigt haben, dass die Eucharistiefeier eine Gemeinschaftsfeier ist, aus der wir leben. Wir haben als katholische Gläubige, glaube ich, sehr, sehr viel getan jetzt auch und tun immer noch im Bereich des Sozialen jetzt gerade in dieser Krise, jetzt hier von unseren großen Werken von Caritas bis zur Nachbarschaftshilfe, da passiert vieles. Es passiert viel mit Überzeugung, viele Ideen, aber Quelle und Höhepunkt unseres Lebens ist eben die Eucharistiefeier, und das ist eine Gemeinschaftsfeier, das geht nicht mit solchen Surrogaten über Netz. Das kann man zwar zur Hilfe machen, aber das ersetzt nicht die Eucharistiefeier.

Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim (picture alliance/Holger Hollemann/dpa) (picture alliance/Holger Hollemann/dpa)Bischof: "Das viele Streamen von Gottesdiensten ist mir nicht geheuer"
Er fände es nicht gut, wenn in der Coronakrise jeder Pfarrer oder jeder Priester aus irgendeiner kleinen Kapelle oder aus dem Wohnzimmer streamt, sagt der Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer.

Zurheide: Auf der anderen Seite, ich glaube, Sie selbst als Kirche veröffentlicht gelegentlich Zahlen, ich hab sie gar nicht im Kopf, aber es ist nur ein verschwindend geringer Teil der Katholikinnen und Katholiken, die da hingehen. Das würde dem doch widersprechen, oder hab ich da was nicht richtig mitbekommen?

Sternberg: Ja, das ist ein großer Irrtum, und ich halte diese Zahl für ausgesprochen verhängnisvoll, die da immer in die Welt gesetzt wird. Da ist immer die Rede von knapp 10 Prozent, 9,7 im Moment genau, die jeden Sonntag unter den Katholiken in die Kirche gehen. Macht man mal eine Selbsteinschätzung und fragt dann mal nach, wer ein- bis dreimal im Monat geht, dann sind wir schon bei 15 Prozent noch mal drauf. Wenn man dann fragt, wer mehrmals im Jahr geht, dann sind noch mal 27,2 Prozent drauf. Wir kommen also auf deutlich über 50 Prozent der katholischen Gläubigen, die doch relativ regelmäßig zur Kirche gehen. Wenn wir diesen langen Zeitraum jetzt sehen, über die Fastenzeit und über Ostern hin, dann reden wir hier nicht über 10 Prozent, sondern reden wir hier doch von deutlich über zwölf Millionen Menschen, die den Gottesdienst vermisst haben.

"Trostfunktion spielt eine ganz, ganz große Rolle"

Zurheide: Wenn ich das so ganz persönlich sage, ich geh auch nicht allzu häufig in die Kirche, aber hin und wieder doch, aber wenn die Glocken läuten, freue ich mich. Wobei, ich hab von dem Ortspfarrer bei uns gehört, in Düsseldorf, wo ich lebe, dass es auch Menschen gibt, die das stört. Verstehen Sie das?

Sternberg: Natürlich verstehe ich das, aber ich hab den Eindruck, über diese Ostertage haben auch Menschen, die zu Religion oder vielleicht auch ihrem Glauben keine Beziehung mehr haben oder nie hatten, gemerkt, dass da etwas fehlt, dass doch die Kirchen schon in einer Weise systemrelevant sind. Wer gibt jetzt eigentlich Antworten, wer hilft eigentlich den Menschen in existenziellen Ängsten? Wo gibt es Orte, in denen man auch diese Ängste, die da aufgebrochen sind in der Corona-Krise, verarbeiten kann? Das ist doch ganz, ganz wesentlich auch eine Frage von Religion. Ich glaube, gerade diese Trostfunktion spielt eine ganz, ganz große Rolle. Und wenn dann Menschen merken, da fällt in einigen Bundesländern sogar die Seelsorge in den Heimen weitgehend weg, da gibt es Beerdigungen nur noch mit drei oder fünf Personen, das tut schon sehr, sehr weh.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

"Heftiger Eingriff" in die Grundrechte

Zurheide: Jetzt gibt es die verfassungsrechtliche Frage – ich hab das gerade schon angesprochen – oder die rechtliche Frage: Möbelmärkte dürfen aufmachen, Kirchen nicht. Da haben Sie auch gestutzt, oder?

Sternberg: Oh ja, ich hab mich gefreut über dieses Urteil. Ich meine, die Frage der Kläger in dieser Sache, das sind zum Teil Traditionalisten, das sind nicht die Leute, die sagen wir mal besonders die wesentliche Rolle in der katholischen Kirche spielen, aber das Urteil geht ja weit darüber hinaus. Das Urteil sagt, der Eingriff in die Religionsfreiheit ist ein so heftiger, so starker Grundrechtseingriff, dass man ihn immer wieder genau prüfen muss. Ich bin da auch der Bundesregierung sehr dankbar, dass das jetzt offensichtlich angekommen ist, dass da am Freitag, gestern, gesprochen worden ist im Innenministerium über Lösungswege, dass da ein sehr gutes Gespräch stattgefunden beim Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Das heißt, ich glaube, die Frage ist dort angekommen.

Zurheide: Was heißt das aber konkret, genau genommen, was würden Sie heute Morgen erwarten von der Politik?

Sternberg: Ich erwarte selbstverständlich nicht, dass es einfach nur eine Auflösung des Gottesdienstverbotes gibt, denn wir sind uns selbstverständlich im Klaren darüber, dass die Distanzregeln notwendig sind, dass man die Hygienevorschriften einhalten muss, dass wir nicht als katholische Gläubige nachher auch vielleicht sogar noch Schuld daran sein sollten, dass diese Pandemie sich noch heftiger und unkontrollierter ausweitet.

Wie teilt coronasicher man eine Kommunion aus?

Zurheide: Übrigens, Klammer auf, da muss ich eben zwischengehen, das ist in manchen Ländern ja passiert. Bei bestimmten jüdischen Gottesdiensten und anderen ist so was ja auch passiert.

Sternberg: Ja, und genau das wollen wir selbstverständlich nicht, und das muss man auch ganz deutlich davon abgrenzen. Das haben wir immer gesagt, und zwar nicht nur ich vom Zentralkomitee, sondern auch die Bischöfe, auch der Vorsitzende Bischof Bätzing hat das gesagt. Nein, nein, wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, solche Regeln beizubehalten. Man hat gesagt, wir wollen Beispiele dafür bringen und Zeichen dafür setzen, dass es möglich ist, auch mit Distanzregeln, auch mit Einhaltung von Hygienevorschriften, dass in den zum Teil ja großen Kirchenräumen zu machen, indem man etwa die Gottesdienste vervielfacht und dass man nur eine ganz kontrollierte Zahl von Menschen hineinlässt. Aber der Wunsch, doch jetzt wieder Eucharistie feiern zu können, der ist schon wirklich sehr, sehr verbreitet und ganz sicher nicht nur bei der Risikogruppe.

Zurheide: Wie schnell lässt sich das umsetzen, was Sie da gerade ansprechen, diese neuen Regeln?

Sternberg: Es gibt bereits erste Entwürfe, die wir da machen können. Die Bistümer haben jetzt weitestgehend fast alle versprochen, Handhabungen vorzulegen, wie das gehen kann. Auch die Bischofskonferenz hat sich da schon verbindend zu eingeschaltet und schon was vorgelegt. Da sind natürlich sehr wichtige, sehr schwierige Fragen auch: Wie teilt man zum Beispiel eine Kommunion aus, ohne dass da ein Virusproblem entsteht? Wie ist das beim Singen, wird dann Mundschutz getragen, wie wird gesungen, oder wird aufs Singen ganz verzichtet? Wie können die Abstandsregeln gesichert werden in Bankbestuhlungen? Wie kann man da sicherstellen, dass da wirklich nur die zusammensitzen, die auch zu Hause zusammenleben?

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Zurheide: Aber Sie glauben, das geht.

Sternberg: Ich bin ganz sicher, dass das geht, und dass mit viel gutem Willen das möglich ist. Mir ist wichtig, dass hier eingesehen wird, das ist nicht irgendein nebenrangiges Thema, das ist nicht so etwas, was man so wie eine Petitesse behandeln kann: Ach, da gibt es auch noch so ein paar alte Leute, die am Sonntag in die Kirche wollen. Nein, nein, es ist eine sehr große Gruppe von Menschen, und es sind weiß Gott nicht nur die Alten. Das sind wirklich Menschen aller Lebensaltersstufen, die jetzt hier über Wochen hin gemerkt haben, dass da etwas fehlt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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