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StartseiteDie neue PlatteKlassiker zeitgenössischer Musik26.01.2013

Klassiker zeitgenössischer Musik

Klaviermusik von György Ligeti, Luigi Nono, Nikolai Roslavetz, Vladimir Deshevov, Andrei Volkonsky und Rostislav Boiko

Vorgestellt werden drei neue CDs mit Klaviermusik des 20. Jahrhunderts. Unter ihnen eine Einspielung der 18 Etüden von György Ligeti. Obwohl erst kaum ein bis zwei Jahrzehnte alt, gelten sie bereits als Klassiker der zeitgenössischen Musik.

Von Hanno Ehrler

Etuden waren ursprünglich Übungsstücke zum Trainieren der Fingerfertigkeit. (picture alliance / dpa / Martin Förster)
Etuden waren ursprünglich Übungsstücke zum Trainieren der Fingerfertigkeit. (picture alliance / dpa / Martin Förster)

György Ligeti: Étude 9, Vertige für Klavier
Thomas Hell, Klavier
WERGO WER 6763 2, LC 00846
Track 9


"Vertige", "Schwindel", heißt diese 1990 geschriebene Etude. Sie besteht aus fallenden chromatischen Skalen über die gesamte Breite der Klaviatur. Der Komponist sagt, diese Skalen würden sich wie "interferierende Wellen überschlagen". Tatsächlich wird der Hörer in einen akustischen Strudel hineingezogen.

Etuden waren ursprünglich Übungsstücke zum Trainieren der Fingerfertigkeit. Im 19. Jahrhundert entwickelten sie sich zu einer eigenständigen musikalischen Gattung. Die Etudenzyklen von Chopin, Liszt oder Rachmaninow gehören heute zum festen Bestandteil des Konzertrepertoires. An diese Tradition knüpfte der 2006 im Alter von 83 Jahren verstorbene Komponist György Ligeti an. Zwischen 1985 und 2001 entstanden 18 kürzere Stücke, die dem Prinzip Etude verpflichtet sind: Sie beschränken sich auf ein Motiv oder eine Spielfigur, und sie stellen erhebliche technische Anforderungen an den Pianisten.

Hier sind die Anforderungen sogar so hoch, dass die Etuden anfangs als fast unspielbar galten. Diese Barriere ist heute überwunden. Die Einspielung des mit neuer Musik erfahrenen Pianisten Thomas Hell strahlt eine große Souveränität aus. Scheinbar mühelos durchdringt der Pianist die hochkomplexen Strukturen dieser Musik, vor allem das gleichzeitige Spielen mehrerer verschiedener Rhythmen und Metren, und er entfaltet plastisch ihre kompositorischen Ideen. Die 1993 entstandene 14. Etude heißt wie eine knapp 30 Meter hohe, himmelwärts strebende Metallplastik von Constantin Brancusi "Columna infinita". In der Musik schraubt sich ein rhythmisch verschachtelter Kanon aus den tiefsten Regionen des Instruments bis in die höchsten hinauf.


György Ligeti: Étude 14, Columna infinita für Klavier
Thomas Hell, Klavier
WERGO WER 6763 2, LC 00846
Track 14


Ebenfalls als Klassiker der zeitgenössischen Musik gilt das etwa 15-minütige Stück "....sofferte onde serene..." für Klavier und Tonband von Luigi Nono. Es wurde für den Pianisten Maurizio Pollini geschrieben, dessen extrem deutliche und scharfe Artikulation den Komponisten fasziniert hatte. Für den Tonbandpart ließ Nono Töne und Intervalle einspielen und dabei stets das Pedal halten. Dadurch entsteht der Eindruck von lange schwingenden, kaum verklingenden Klängen. Dazu tritt der live auf der Tastatur und direkt auf den Saiten des Instruments gespielte Part, der den Eindruck des lange Ausklingens noch verstärkt. Luigi Nono assoziiert das mit den Glockenklängen seiner Heimatstadt Venedig, wenn sie lange und weit über die Lagune schweben.

"...sofferte onde serene..." erschien mit drei weiteren Live-Elektronik-Werken auf einer vom Experimentalstudio des SWR produzierten CD. Kongenial gelingt dem auf neue Musik spezialisierten Pianisten Markus Hinterhäuser der Spagat zwischen scharf und präzise artikulierten Tönen und dem Effekt des Aus- und Weiterschwingens, welches das Thema des Stücks ist.



Luigi Nono: ... sofferte onde serene ... für Klavier und Tonband
Markus Hinterhäuser, Klavier
NEOS Music GmbH, NEOS 11122, LC 15673
Track 2


Fast ein ganzes Jahrhundert, die Zeit zwischen 1917 und 1991, umfassen die Werke auf einer Klaviermusikanthologie mit Komponisten aus Russland und der Sowjetunion. Dementsprechend vielfältig und unterschiedlich ist die Musik. Sie reicht von Ausläufern der Spätromantik über futuristische, neoklassizistische und serielle Kompositionen bis hin zu ganz eigenwilligen kompositorischen Konzepten. Man liest Komponistennamen, die hier im Westen kaum in Konzertprogrammen auftauchen, und man findet auch bekanntere Tonsetzer wie Sofia Gubaidulina oder Nikolai Roslavetz.

Nikolai Roslavetz: Prélude Nr. 4 für Klavier
Yuri Favorin, Klavier
Musikverlag Hans Sikorski GmbH & Co. KG, MEL CD 01 01965, keine LC
Track 6


Um 1920 herum schrieb Nikolai Roslavetz fünf Präludien, hier ausdrucksstark interpretiert vom jungen russischen Pianisten Yuri Favorin. Ihre Klanggestalt basiert auf Erweiterungen der Harmonik. Diese gehen zurück auf Alexander Skrijabin, dessen farbintensive Klangsprache viele Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat.
Eine ganz andere Richtung beschritt der weit weniger bekannte Komponist Vladimir Deshevov. In seinem Stück "Rails", "Schienen", huldigt er dem Futurismus mit seiner Verherrlichung von Maschinen und technischem Fortschritt. Die Eisenbahn ist ein Symbol dafür. In "Rails" setzt Deshevov die Geschwindigkeit und die Kraft der Dampflokomotive in Töne um. Die motorischen Strukturen gemahnen an heutige Technomusik, und ganz körperlich spürt man die mitreißende Dynamik des Geschehens.

Vladimir Deshevov: Rails für Klavier
Nikita Mndoyants, Klavier
Musikverlag Hans Sikorski GmbH & Co. KG, MEL CD 01 01965, keine LC
Track 12


Die in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts im Westen vorherrschende serielle Musik gab es auch in der Sowjetunion, wenngleich sie dort als "formalistisch" abklassifiziert wurde. Das 1956 veröffentlichte Stück "Musica stricta" vom 1933 geborenen Komponisten Andrei Volkonsky basiert auf Zwölftonreihen. Dennoch wirkt es nicht abstrakt, denn der Komponist bettet es in eine glasklare, beinah neoklassizistische musikalische Textur ein.

Andrei Volkonsky: Musica stricta, Allegretto für Klavier
Alexei Grots, Klavier
Musikverlag Hans Sikorski GmbH & Co. KG, MEL CD 01 01966, keine LC
Track 3


Eindeutig neoklassizistische Einflüsse durchzieht die Musik des ebenfalls in den 30er-Jahren geborenen Komponisten Rostislav Boiko. In einem fast einfachen Sinn ist seine Musik melodisch und lässt auch folkloristische Töne zu.

Rostislav Boiko: Sonatina, Satz IV für Klavier
Vasily salnikov, Klavier
Musikverlag Hans Sikorski GmbH & Co. KG, MEL CD 01 01966, keine LC
Track 20



Darüber hinaus umfasst die Klaviermusikanthologie bedeutende russische Kompositionen, etwa die dritte Klaviersonate von Sergei Protopopov, die zweite Sonate von Vsevolod Zaderatsky oder die "Chaconne" von Sofia Gubaidulina. Damit trägt die CD-Edition dazu bei, das äußerst facettenreiche Schaffen dieser teilweise kaum bekannten Komponisten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und sie auch der musikwissenschaftlichen Forschung zu öffnen.

Die sorgfältig edierte und in Russland mit engagierten jungen russischen Pianisten produzierte, vier CDs umfassende Sammlung wird über den Musikverlag Hans Sikorski vertrieben. Luigi Nonos "... sofferte onde serene ..." erschien bei NEOS-Music als Super-Audi-CD, und György Ligetis Etuden publizierte das Mainzer Neue-Musik-Label WERGO.

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