Klassische Musik und Klimawandel
Das Ende des "Flying Circus"?

Die wenigsten im Musikbusiness können auf Reisen verzichten. Aber Organisationen wie der Zusammenschluss "Orchester des Wandels" fordern Umdenken in der Szene. Was können Musikerinnen und Musiker bewirken?

Von Michael Struck-Schloen | 02.07.2024
Ein Musikensemble mit Streichern, einer Cembalistin, einem Hornisten und einem Oboisten spielt in schwarzer Konzertkleidung auf einer Bühne. Im Hintergrund wird ein Foto an die Wand projiziert, das ein auf Grund gelaufenes, zur Seite geneigtes Schiffswrack zeigt.
Eine Veranstaltung des Vereins "Orchester des Wandels" unter Federführung von Mitgliedern der Staatskapelle Berlin am 30. Juni im Kraftwerk Berlin. Die im Hintergrund sichtbaren projizierten Fotos (Daniel Haeker) waren integraler, thematischer Bestandteil des Konzerts. (Daniel Haeker)
"Unsere Zeit steht vor einer nie gekannten Bedrohung: Unsere besten Wissenschaftler sagen, dass die Klimaerwärmung ohne Gegenmaßnahmen zur Selbstverbrennung des Planeten führen wird. Bisherige Gegenmaßnahmen sind halbherzig und ungenügend. Die jetzt schon zu beobachtenden Dürren, Hungersnöte, Kriege, Staatszusammenbrüche und Massenmigrationen sind nur ein schwaches Vorspiel dessen, was zu erwarten ist. Wieviel Zeit bleibt uns?"
Patricia Kopatchinskaja gehört zu den Musikerinnen, die sich mit der Zerstörung des Planeten nicht abfinden will. Die eindringlich flehenden Zeilen finden sich im Text zu ihrem Programm, das sie Ende 2020 für ein Webkonzert des SWR in Freiburg entworfen hat.

Frage nach Rolle von Kunst in der Gesellschat

Damals ächzte Deutschland unter der Corona-Pandemie, die Regierung verhängte schmerzhafte Kontaktbeschränkungen, das Kulturleben erlitt eine Schockstarre. Kopatchinskaja aber empfand die globale Krise als Aufforderung, sich erst recht über die Rolle ihrer eigenen Kunst in der Gesellschaft klar zu werden.
Können es sich Orchester oder Solisten heute noch leisten, für wenige Tage über die Ozeane zu fliegen, um das marktgerechte Standardrepertoire abzuliefern und dafür Abgase in die Atmosphäre zu pusten? Sind energietechnisch veraltete Konzert- und Opernhäuser noch vertretbar, braucht man wirklich auf Papier gedruckte Programmhefte oder Instrumente aus Tropenholz?

Reisen stärkt das Image

Mittlerweile ist der Tourneezirkus wieder voll angelaufen, die Reisen scheinen gerade für freischaffende Musikerinnen und Musiker unverzichtbar. Nicht nur wegen der Einnahmen bei Gastspielen. Hinzu kommt ein anderer Grund, der auch die durchfinanzierten Orchester in die Ferne lockt.

Konventionen hin oder her

"Es gibt viele Orchester, die das machen, um tatsächlich den Ruf am eigenen Ort zu steigern und sich auch mal zu messen natürlich. Gleichzeitig ist es eine Bindung des Freundeskreises, das heißt, die privaten Sponsoren sind mit einbezogen, reisen mit. Und die Presse im Ausland spielt auch eine Rolle für die Image-Wahrnehmung am eigenen Ort."Das sagt die Kölner PR-Agentin Bettina Schimmer im Dlf.
Für den Komponisten und Klima-Aktivisten Bernhard König ist der globale "Flying Circus" allerdings keine Notwendigkeit, sondern eine Folge der Ideologie vom unbegrenzten Wachstum, das spätestens seit den 1970ern in Frage gestellt wird, aber bis heute für viele alternativlos wirkt.

Unzeitgemäßes Wertesystem in der Kulturszene?

"Die Kultur im erweiterten Sinn ist ja eine Kultur, die so etwas belohnt, das heißt, derjenige, der am weitesten kommt mit dem, was er macht oder der das internationale Publikum auf sein Festival kriegt, ist berühmt, wird belohnt, man heftet sich in seinen Künstler:innen-Vitas diese Reisestation an wie so einen Orden irgendwie. Wenn Anne-Sophie Mutter oder Igor Levit oder wie auch immer in den Flieger steigt, dann ist eine Person geflogen. Wenn aber jemand so toll ist, dass er es schafft, dass 2000 Leute fliegen, ist der Schaden sehr viel größer, aber auch die Berühmtheit, die Popularität hat sich viel größer bewiesen. Und da ist in diesem ganzen Wertesystem etwas nicht mehr zeitgemäß."
Ein radikales Umdenken in dem auf Wachstum gepolten Kulturbetrieb, wie es Bernhard König fordert, ist in naher Zukunft nicht absehbar. Umweltbewusste Orchester, wie sie etwa im Verein "Orchester des Wandels" zusammengeschlossen sind, favorisieren andere Methoden der Aufklärung, ohne das Publikum mit Verboten und Einschränkungen verschrecken zu wollen. Wie erfolgreich sind sie?