Klimawandel
Warum Extremwetter der Gesundheit schadet

Mit dem globalen Temperaturanstieg nehmen gesundheitliche Risiken zu. Die Erderwärmung hat deutliche Auswirkungen auf unsere physische und psychische Verfassung. In Europa sterben immer mehr Menschen aufgrund extremer Hitze.

    Eine ältere Frau ist von hinten im Gegenlicht zu sehen und fächert sich mit einem aufgeklappten Fächer auf dem Frankfurter Opernplatz im Schatten eines Baumes Luft zu.
    Die Erderwärmung schreitet voran: Die vergangenen drei Jahre waren die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
    2024 war das weltweit wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Temperatur lag durchschnittlich 1,6 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Im Jahr 2025 lag der Wert bei fast 1,5 Grad. Damit war es nach 2024 und 2023 das bislang drittwärmste Jahr, wie der EU-Klimawandeldienst Copernicus berichtet.
    Die fortschreitende globale Erderwärmung hat weitreichende Folgen. Neben den extremen Wetterphänomenen und ihrer zerstörerischen Kraft rücken zunehmend auch die gesundheitlichen Auswirkungen in den Vordergrund.
    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft den Klimawandel als größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit ein. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit sieht in den Klimaveränderungen „die größte Gesundheitsgefahr“ für Kinder und Jugendliche.
    Manche Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und den Gefahren für die Gesundheit liegen auf der Hand, Hitze zum Beispiel kann der menschliche Körper nur bedingt aushalten. Nach Angaben der internationalen Forschungsgruppe „Lancet Countdown“ ist die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in Europa stark angestiegen. Andere Gefahren sind weniger offensichtlich. Ein Überblick.

    Übersicht

    Folgen extremer Hitze

    Besonders bedrohlich für die Gesundheit ist der Klimawandel, weil Hitzewellen häufiger und heftiger werden. 2024 gab es in Europa nach Schätzungen mehr als 62.000 hitzebedingte Todesfälle, vor allem im Süden und Südosten des Kontinents. So steht es im Bericht der internationalen Forschungsgruppe „Lancet Countdown“. Die Forscher gehen davon aus, dass die Zahl der Hitzetoten bis zum Ende des Jahrhunderts weiter stark ansteigen wird.
    In Deutschland starben in den Sommern 2023 und 2024 jeweils rund 3.000 Menschen infolge von Hitze, wie das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet. Betroffen waren vor allem Menschen über 75 Jahre mit Vorerkrankungen.
    Laut RKI stellen bereits einzelne heiße Tage eine Belastung dar, die zu einer Erhöhung der Sterblichkeit führen können, gerade wenn die nächtliche Abkühlung ausbleibt. Dies gelte für Tage mit einer mittleren Temperatur von über 20 Grad Celsius (Tag- und Nachtwerte zusammengerechnet). Hält die Hitze mehrere Tage an, nimmt das Risiko laut RKI weiter zu und erreicht nach drei bis vier Tagen ein dauerhaft hohes Niveau.
    Hitze wirkt auf Menschen unterschiedlich. Sie ist schwer auszuhalten, wenn der Körper die Wärme noch nicht oder nicht mehr ausreichend regulieren kann – das ist vor allem bei Neugeborenen und Älteren der Fall. Auch Schwangere und Menschen mit Erkrankungen der Niere, der Lunge und des Herzkreislauf-Systems halten Hitze schlechter aus als die übrige Bevölkerung.
    Ein Mann läuft während eines vernebelten Sonnenaufgangs auf einem Deich entlang. Das Bild symbolisiert die große Hitze, die der Klimawandel mit sich bringt.
    Hitze ist gefährlich - besonders für ältere Menschen, Kinder und Patienten mit Vorerkrankungen. (IMAGO / NurPhoto / Romy Arroyo Fernandez)
    Der menschliche Körper hält die Temperatur im Innern in einem engen Korridor um 37 Grad. Bis zu einer gewissen, individuell unterschiedlichen Höhe beeinflusst Wärme viele körperliche Funktionen positiv. Droht die Kerntemperatur über einen kritischen Wert zu steigen, beginnt der Körper als Ausgleich zu schwitzen, und die Blutgefäße weiten sich. Bei Vorerkrankten ist dieses Kühlsystems weniger leistungsfähig. Wenn nicht ausreichend getrunken wird, verdickt das Blut. Damit steigt das Risiko für Blutgerinnsel.
    Der Klimawandel trägt außerdem zu mehr Ernährungsunsicherheit bei. Denn Wetterextreme wie Dürren wirken sich auf die Ernte und damit auf die Lebensmittelpreise aus. Da das Angebot kleiner wird, steigen die Preise für pflanzliche und tierische Produkte. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) verringert der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um ein Grad die Erträge der vier wichtigsten Agrarprodukte – Mais, Reis, Soja und Weizen – um etwa sechs Prozent.

    Ausbreitung von Infektionskrankheiten

    Laut dem Robert Koch-Institut erhöht die globale Erwärmung das Risiko für Infektionskrankheiten in Deutschland. Einige Mücken-, Vogel- und Säugetierarten breiten sich in Regionen aus, in denen sie bislang nicht heimisch waren. Dadurch vergrößert sich auch das Verbreitungsgebiet von Krankheiten wie Dengue-Fieber, Chikungunya, Zika, West-Nil-Fieber und Malaria.
    Durch den Klimawandel zunehmende Stürme und Überflutungen schaffen vermehrt stehende Gewässer, in denen Krankheiten übertragende Mücken ihre Eier ablegen. Außerdem dienen solche Gewässer als Brutstätte für Erreger bakterieller Krankheiten wie Cholera und Typhus und diverser Durchfallerkrankungen.
    2025 steckte sich eine Person im Elsass, nahe der deutschen Grenze, mit dem Chikungunya-Virus an, das durch Tigermücken übertragen wird. Ursprünglich stammen diese aus Asien, inzwischen sind sie auch in Teilen Deutschlands zuhause. Im Lancet-Bericht von 2026 warnen die Mediziner, dass das Risiko, sich in Europa mit dem Dengue-Virus zu infizieren, um fast 300 Prozent gestiegen sei.

    Großes Dunkelfeld bei Infektionen

    Noch sind die beim RKI gemeldeten jährlichen Erkrankungszahlen gering. Sie liegen je nach Infektionskrankheit im zwei- bis dreistelligen Bereich. Das liegt allerdings auch daran, dass die Erkrankungen meist mild verlaufen. Wenn es keine Krankheitssymptome gibt, kommt es auch nicht zu ärztlichen Diagnosen. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass es 40 bis 50 mal mehr Infektionsfälle gibt als bekannt werden.
    Das Feld der klimasensitiven Krankheitserreger ist unübersichtlich: Neben Tropenkrankheiten könnte durch den Klimawandel auch die Zahl neuartiger gesundheitsschädlicher Pilze zunehmen. Das gilt auch für Vibrionen in der Ostsee, die schwer behandelbare Wundinfektionen auslösen können, Salmonellen- und Campylobacter-Bakterien in Lebensmitteln und die Frühsommer-Meningitis FSME, die von Zecken übertragen wird.
    Gegen FSME gibt es eine wirksame Impfung, auch gegen das Chikungunya-Virus und Dengue kann man sich impfen lassen. Doch oft fehlen gezielte Behandlungen und Gegenmaßnahmen.

    Psychische Beschwerden und Klimaangst

    Psychologen zufolge verursacht oder verstärkt die Sorge um die Zukunft unseres fiebernden Planeten bei manchen Menschen Angstzustände, Depressionen und sogar posttraumatische Belastungsstörungen.
    Einer repräsentativen Umfrage des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung zufolge fühlte sich im Jahr 2023 gut die Hälfte der Befragten stark oder sehr stark durch den Klimawandel belastet. Insbesondere junge Menschen und Frauen sorgen sich um das Klima. Hinzu kommen Menschen, die besonders naturverbunden sind, die sich beruflich mit dem Klimawandel auseinandersetzen oder selbst schon von den Folgen betroffen sind. Das ist das Ergebnis einer Forschungsgruppe der Universitäten Leipzig und Dortmund.

    Allergien nehmen zu

    Durch die Erderwärmung verlängert sich die Pollensaison um ein bis zwei Wochen. Entsprechend länger werden Menschen mit Symptomen wie Niesen oder allergiebedingtem Asthma geplagt. „Allergien nehmen stark zu, Allergene kommen früher, sie bleiben länger, sie sind aggressiver“, warnt Martin Herrmann, Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit.
    Eine Studie der Universität Hawaii hat insgesamt 277 verschiedene Krankheiten ermittelt, die der Klimawandel begünstigt. Laborversuche haben gezeigt, dass bei höheren Temperaturen Kolibakterien resistenter gegen Antibiotika werden. Diabetiker können Insulin schlechter verstoffwechseln.

    Was tun, um die Folgen des Klimawandels abzumildern?

    „Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels sind in Europa bereits spürbar und werden sich ohne eine angemessene Ausweitung der Anpassungsmaßnahmen und der globalen Klimaschutzbemühungen beschleunigen“, heißt es im Lancet-Bericht.
    Die beteiligten Forscher fordern „mehr Dynamik“ bei der Reduktion von Emissionen und weiteren Klimaschutzmaßnahmen. Dazu zählen unter anderem die Begrünung von Städten, der Ausbau von erneuerbaren Energien, der Abbau von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Transformation des Verkehrssektors.
    Langfristig angelegt – und sehr wirksam – ist ein Umbau der Städte: Verschattungen öffentlicher Plätze, die Entsiegelung von Flächen, das Anlegen von Brunnen, die Trinkwasser bereitstellen und die Luft befeuchten.
    Kurzfristig ist es notwendig, gefährdeten Bevölkerungsgruppen beizustehen. Doch die wachsenden Gesundheitsgefahren durch den Klimawandel treffen auf ein Versorgungssystem, in dem Personal, Zeit und Ressourcen chronisch knapp sind.
    Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit stuft die Klimaveränderungen als „die größte Gesundheitsgefahr“ für Kinder und Jugendliche ein. Außer diesen müssten auch Schwangere besonders in den Blick genommen werden, da mit jeder Hitzewelle die Zahl der Früh- und Totgeburten steige.

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    Hitzeaktionspläne sind noch nicht Standard

    Schon 2008 empfahl die Weltgesundheitsorganisation Hitzeaktionspläne, 2017 gab das Umweltbundesamt eine Handlungsempfehlung für deren Erstellung heraus. Mittlerweile haben einige deutsche Städte und Kommunen Hitzeaktionspläne eingeführt. Einen nationalen Hitzeschutzplan gibt es allerdings bislang nicht.
    In Frankreich ist man da schon seit Längerem weiter. Nachdem im Hitzesommer 2003 schockierende Todeszahlen zu beklagen waren, beschloss die Regierung ein nationales Programm. Die französischen Gemeinden kontaktieren bei übergroßer Hitze alle alleinstehenden Menschen über 60, bei Bedarf kommen Sozialarbeiter vorbei. Rathäuser und Büchereien richten gekühlte Aufenthaltsräume ein.
    Dass effektive Klimaanpassungsmaßnahmen, wie Hitzeschutz am Arbeitsplatz oder bessere Frühwarnsysteme, Leben retten können, zeigt eine Studie des Barcelona Institute for Global Health. Ohne die Maßnahmen, die bereits in vielen europäischen Ländern getroffen wurden, wären im Jahr 2023 rund 80 Prozent mehr Menschen an den Folgen der Hitze gestorben, heißt es in der Untersuchung – bei den über 80-Jährigen sogar doppelt so viele.

    ahe, mb, ema, rey