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StartseiteBüchermarktGrausame Männer- Wie kurz ist der Weg vom Wort zur Gewalt?15.12.2019

Klaus Theweleit: "Männerphantasien"Grausame Männer- Wie kurz ist der Weg vom Wort zur Gewalt?

Dass die "Männerphatasien" diese Studie über den „soldatischen Mann“, wie Klaus Theweleit sein Buch nennt, vierzig Jahre nach der Veröffentlichung in der deutschen Gegenwart tagesaktuell werden könnte, hat auch den Autor selbst überrascht.

Von Guido Graf

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Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Theweleit bei der Gespraechsreihe Geschichtsraeume im Maxim Gorki Theater in Berlin (picture-alliance/dpa/Eventpress Hoensch)
Klaus Theweleit hat die Gewalt analysiert, die von Männern ausgeht. (picture-alliance/dpa/Eventpress Hoensch)
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Klaus Theweleit über "Männerphantasien" Die Angst vor der Körperauflösung

"Am Anfang waren Männerphantasien. Am Anfang 'unseres' Schreibens."

Als im Februar 1933 die demokratische Verfassung der Weimarer Republik außer Kraft gesetzt wurde, fragte der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, wie die Massen eigentlich dazu gebracht werden konnten, dass sie sich ihre eigene Unterdrückung wünschten. Gegen die eigenen politischen Interessen zu wählen, scheint allerdings genau damit zu tun zu haben: mit mehr oder weniger irrationalen Wünschen, denen Wirklichkeit und Fakten nichts mehr anhaben können.

Mit Trump in den USA und den anhaltenden Wahlerfolgen rechtsextremer und antiliberaler Bewegungen in ganz Europa sind diese Wunschverhältnisse wieder höchst aktuell geworden. Befeuert durch radikale Enthemmung im Internet.

"Nach wie vor ist es so, dass im verborgenen (oder auch offenen) Zentrum aller männlich-terroristischen Aktivitäten auf der Welt eine mörderische Anti-Weiblichkeit tobt. Ihre neue Relevanz erhalten solche 'Bewegungen' durch das Netz: Was vorher als 'Sektierertum' unterging in der unübersehbaren Gesamtheit der Erscheinungen, versichert sich durch das Netz seiner weltweiten Bedeutung."

Deformierte Sexualität?

Von links wurde der Faschismus als Konsequenz eines falschen Bewusstseins beschrieben. Die Massen seien unwissend und leichtgläubig. Wilhelm Reich schrieb 1933 über die Massenpsychologie des Faschismus und drehte den Spieß um. Der Marxismus sei einfach nicht in der Lage gewesen, die Attraktion des Nationalsozialismus zu verstehen, weil die Vorstellungskraft von seiner emotionalen und affektiven Struktur fehlte. Dass so viele Menschen für die NSDAP stimmten, war kein Versehen und wurde auch nicht bereut. Erich Fromm hat diese fatale Motivation 1941 als "Flucht aus der Freiheit" bezeichnet.

Folgt man Wilhelm Reich, wie Klaus Theweleit es 1977/78 mit seiner zweibändigen Studie "Männerphantasien" getan hat, und findet in dieser scheinbar paradoxen Konstellation einen Konflikt zwischen revolutionärer Rhetorik und der traditionellen Verknüpfung von Grenzüberschreitungen mit Scham und Bestrafung. Den Massen wurde, so Reich, beigebracht, dass sie ihre sexuellen Instinkte unterdrücken müssen. Und so verschmolzen soziale und sexuelle Krämpfe in Bildern von Gezeiten, Überschwemmungen, Unterströmungen, Unordnung und Chaos: alles, was Angst vor Auflösung darstellt oder das Subjekt zu schlucken droht. Und mit dem Faschismus aus Reichs Sicht der Klassenkampf "an den Ort des phantasmatischen Antagonismus" verlagert, also etwa in die Ideologie des Antisemitismus. Zinsen, Geld mit Geld zu verdienen, wurde gleichgesetzt mit abweichender Sexualität. Frauen wurden - und werden immer noch - von den faschistischen Männern gleichgesetzt mit den vermeintlich betrügenden Geldverleihern. Wie heute z.B. in rechtsradikalen Medien und Netzwerken etwa über den amerikanischen Investor George Soros berichtet wird, zeigt die unheimliche Aktualität dieses Komplexes.

Wie man überhaupt bei den erstaunlich zahlreichen klarsichtigen Lektüren aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts auf die Parallelen zum gegenwärtigen Rechtsruck in Deutschland und vielen anderen Ländern geradezu gestoßen wird. Die Macht der Massen zu inszenieren, ohne ihnen tatsächlich Rechte zu gewähren, völkische Identität zu proklamieren und gleichzeitig die kapitalistischen Klassenstrukturen zu bewahren und die Eigentumsbeziehungen intakt zu halten, ein Drama der Präsenz auf die politische Bühne zu bringen, das mit sexueller Intensität geladen ist, sind Strategien aus dem Handbuch des Faschismus, das auch AfD und Pegida aufmerksam studiert haben. In dieser Form darüber öffentlich zu reden und zu schreiben, war lange Zeit gesellschaftlich tabuisiert. Die neuen "Netz-Nazis", wie Theweleit sie auch nennt, aber halten sich nicht mehr daran.

"Sie haben deutlich beschlossen, das ihnen gesellschaftlich halbwegs zugestandene Segment zu verlassen. Sie hängen sich an die großen Glocken, und zwar an jede erreichbare. Sie fordern, vom Ganzen wahrgenommen zu werden. Mehr: Sie verlangen die Herrschaft über das Ganze. 'Wir sind die Einzigen, die ...', zum Beispiel die Einzigen, die deutsche Politik machen in Deutschland. Wir sind das Ganze. Dass sie dafür nicht mehr einfach nur ausgelacht werden, ist allein möglich durch das Netz. Das Netz verschafft Omnipräsenz, für Momente auch den sonst Übersehenen. Jedes Mini-Segment wird aufblasbar zu Globalgröße, und zwar in etwa Lichtgeschwindigkeit. Jeder kleine und kleinste Monitor hat heute die Machtausstrahlung, die noch vor wenigen Jahren nur von Groß- und Offizialmonitoren ausging. Er ist konkurrenzfähig, diesseits alles 'Ideologischen'. Dies hat, nach der anfänglich beschworenen Graswurzelrevolution des Demokratischen durch das Internet, der Rechtspopulismus begriffen und sich zu Nutze gemacht."

Die Ursachen sucht Theweleit, der Wilhelm Reich aufmerksam studiert hat, allerdings woanders. Denn dass sich das Problem des Faschismus durch die Bekämpfung psychischer Hindernisse und Hemmungen lösen ließe und der Faschismus eine intellektuelle oder sexuelle Verformung darstellt, muss man glauben wollen. Und dass dagegen ein anderes Bildungssystem und eine andere Art der Sozialisation helfen könnten, klingt mindestens nach einer ziemlich langwierigen Aufgabe. Da hilft auch die Unterscheidung, die Deleuze und Guattari 1972 in ihrem Buch "Anti-Ödipus" ins Spiel gebracht haben. Anders als bei Reich kann der Faschismus für sie nicht als psychosexuelle Störung angesehen werden, da das Begehren immer sozialer Natur sei. Und ohne den "Anti-Ödipus" bis dahin zu kennen, hat Klaus Theweleit fünf Jahre später mit "Männerphantasien" das deutsche Gegenstück dazu geschrieben: Eine Psychologie und Soziologie des "weißen Terrors" und des "soldatischen Manns".

Tagebücher, Briefe, Autobiografien und Romane von Mitgliedern der sogenannten Freikorps, also paramilitärischer Einheiten und Söldner, die nach Ende des Ersten Weltkriegs sich weigerten, ins Zivilleben zurückzukehren, und stattdessen die kommunistischen Räte und die Weimarer Republik überhaupt bekämpften, wie etwa bei Hitlers Putschversuch 1923: Das ist die Datenbasis, auf deren Grundlage Theweleit erzählt, wie aus verdrängter Sexualität Gewalt wird.

Allein die Verdrängung produziert kein Geheimnis. Kommunismus und Kastration werden in diesen Texten offen gleichgesetzt. Politisch und sexuell entmannt und machtlos zu werden, ist 1919 angesichts der Einführung des Wahlrechts für Frauen für den soldatischen Mann eine bedrohliche Realität. Und die findet Theweleit in den ausgesuchten Texten manifestiert. Zahlreich etwa die Erzählungen, in denen von bewaffneten Frauen die Rede ist, die "den Mann" zu kastrieren drohen.

"Die Bilder der bewaffneten Frau sind ein Produkt der Todesangst dieser Soldaten. … Diese Männer empfinden den 'Kommunismus' als direkten Angriff auf ihr Geschlechtsteil."

Es muß zurückgeschossen werden, auch wo niemand schießt

Nicht so ganz erst dann, aber als 1918/19 sich die Arbeiter erhoben und dann die Weimarer Verfassung neue Regeln einführte, bedeutete das eine Bedrohung für die alte preußische Ordnung, in der Militär und Aristokratie ihre Privilegien genießen konnten. Wie existenziell die Angst war, kann Theweleit eindrucksvoll an immer wieder bezeugten imaginären Identität zwischen der Angst vor der Revolution und der Angst vor dem Ertrinken und der physischen Auflösung belegen. Und immer dienen diese Ängste und die gesamte Bildwelt der Ströme und des Wassers als Chiffre für die Frau, gegen die das eigene Überleben verteidigt werden muss. Mitte der siebziger Jahre über den sozialen Charakter von Geschlechterdifferenzen und die patriarchalische Sexualität von Unterdrückern und Unterdrückten zu schreiben, hatte sicher noch eine anderen Stellenwert als heute, vierzig Jahre später. Wie Theweleit in seinem Nachwort zur Neuausgabe deutlich macht, hat sich an der Aktualität dieser Unterscheidung nicht viel geändert. Die Ängste der Menschen, die sich als "Besorgte" verkleiden, sind wenig anders.

"Angst vor dem Untergang: beim fragmentierenden Körper immer Angst vorm Körperlich-verschlungen-Werden. Der Boden geht weg unter den Füßen. Sümpfe, Schlamme, Schleime, Breie, Schlick und Scheiße, die ganze sich in Modder auflösende Umwelt verschlingend 'ihn'. Es muss zurückgeschossen werden. Auch wo niemand schießt."

Lange Zeit konnte man, was diese Männerängste zur Gewalt befeuert als gesellschaftliches Nischenphänomen betrachten. Durch die Digitalisierung, so Theweleit, haben sich diese Nischen von innen nach außen gestülpt. Alle rechtsradikalen Mörder der Gegenwart, ob im neuseeländischen Christchurch oder neulich in Halle, zeigen, etwa via Facebook, wie sie vorgehen. Sie ahmen nach und wollen Vorbild sein für Nachahmer.

"Die Freikorpskiller 1919/20 waren nicht weniger auf das Ausstellen ihrer 'Taten-die-das-Land-retten-sollen' bedacht. Sie mussten das über Flugblätter tun, über die Lokalpresse und die militärisch-politischen Verlautbarungen ihrer Kommandeure. Auch das war ein Netz, aber ein vergleichsweise beschränktes; und manchmal nur ein lokales oder regionales – bis die Nazis diese mediale Beschränktheit beendeten durch 'Eroberung' der deutschen Radiosender in den Jahren 1930 ff. und deren staatliche Zentralisierung nach 1933. Die politischen Möglichkeiten neuer Technologien werden – sobald sie über den Avantgardestatus ihrer Erfinder hinaus sind – oftmals am entschiedensten genutzt von der politisch extremen Rechten. Gerade die mit den 'rückständigsten' Ideologien, gerade die 'Blut-&-Boden'-Leute 'vom Land' sowie die 'Rassenkundler' aus dem Hinterwald haben nicht die geringsten Berührungsängste mit jeweils modernsten Technologien. Ein Rätsel? Nein. Die 'Kohärenz' seiner Ideologie kümmert den Typ, dessen Verhältnis zu den äußeren Realitäten ein gewalttätiges ist – kümmert 'den Nazi' –, überhaupt nicht. Körper, die auf Herrschaft aus sind, auf Machtausübung und Unterdrückung derer, die eher Gleichheit in der Gesellschaft wollen, erkennen mit untrüglicher Sicherheit, was ihnen nützt, was brauchbar ist für ihre Selbstermächtigung und deren Ausstellung. Die technologischen Neuerungen sind immer mehrseitig – weit über das Phänomen des Double Use hinaus. Wer vor allem am Machtzuwachs interessiert ist, wird jene Züge der Technologien, die ihm dazu verhelfen, besonders leicht erkennen und sie rigoros nutzen."

Chiffre für den Zerfall des Sozialen

Ob das so umfassend stimmt, bezogen auf das Verhältnis von Technologien und Medienpraxis, kann man vermutlich bezweifeln. Der rigorosen Praxis, mit der die Nazis sich das Radio untertan gemacht haben, und der heutigen Nutzung algorithmisierter sozialer Medien, die man so nicht gleichsetzen kann, steht eben immer auch noch ein anderer Mediengebrauch gegenüber, mit anderen Eigenschaften, Zielen und Zwecken. Wichtig ist Theweleits Hinweis aber zweifellos für das, was aus solchen Konflikten folgt. Wenn das Netz zu einer Parteibasis wird, die sich neu und viel müheloser aktivieren lässt, stellen sich angesichts der Erosion der sogenannten Volksparteien auch neue Aufgaben für Bildung, technologische Entwicklung und Regulierung.

"Zu jeder neuen Freiheit gehört, dass sie zur Zerstörung genutzt werden kann. Von Mordwütigen zum Morden."

Theweleit beschreibt in den "Männerphantasien", dass die Produktion von Geschlecht und Sexualität eng mit Antisemitismus und Rassismus verbunden ist - sowohl vor, während und nach der Weimarer Republik. Die faschistische Sexualität ist nicht so sehr unterdrückt, sondern ideologisch: Sie idealisiert Männlichkeit und Fruchtbarkeit als politische Imperative. Seine Trophäen sind es nicht nur deshalb wert, weil es eine Kontinuität zwischen dem alltäglichen Sexismus - zum Beispiel der kulturell tolerierten Misogynie von Ausdrücken wie "Ich würde ihr das Hirn rausficken" - und der mörderischen Raserei des Freikorps gibt; oder weil Konflikte um sexuelle Sitten und Geschlechterrollen wieder zu einem entscheidenden Ort des politischen Kampfes geworden sind; sondern vor allem, weil die Frage nach dem Geschlecht immer entscheidend ist, den "Feind" als den "Akt, der das Kollektiv ins Leben ruft" zu definieren.

Der Inhalt des Faschismus ist eine nationalsoziale Form des Darwinismus. Das ist es, was ihm ideologische Kohärenz verleiht - es verbindet seine Rassenpolitik mit seinem lückenhaften Wirtschaftsprogramm. Wie Hitler angeblich sagte: "Das grundlegende Merkmal unserer Wirtschaftstheorie ist, dass wir überhaupt keine Theorie haben." Der Begriff des Geschlechts wird zu einer organisierenden Kategorie in allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens, und das zu einer Zeit, in der die Wissenschaft unterschiedliche Geschlechterrollen mit Unterschieden in der Biologie verknüpft. Da der Begriff des Fortschritts auf die Männlichkeit übertragen wird, ist die erhöhte Angst vor der weiblichen Emanzipation nicht nur ein Phänomen: Für die Freikorps war die "rote Krankenschwester", die Frau, die es wagte, in die Domäne des Mannes einzudringen (sowohl politisch, indem sie für den Sozialismus kämpfte, als auch beruflich, indem sie medizinische Funktionen ausübte), eine Chiffre für den totalen Zerfall des Sozialen.

"In der Gestalt der 'Roten Krankenschwester' scheint die Phantasie vom Flintenweib den Freikorpssoldaten als Wirklichkeit vor Augen zu treten. Diese Frauen waren überall, wo die Arbeiter der Roten Armee im Ruhrgebiet gegen Reichswehr und Sicherheits- polizei kämpften, in der Nähe der Front zu finden."

"Die Emanzipation der Frau war bis 1914 nicht als grundsätzliches und wichtiges Ziel im Bewusstsein der Arbeiterbewegung", betont Erhard Lucas in seiner Darstellung der Teilnahme der Arbeiterfrauen und Arbeitermädchen am Kampf der Männer in der Roten Armee. Gerade die aus sozialdemokratischer Tradition herrührende Abneigung der Arbeiter, Frauen in politische Gremien (Vollzugsräte etwa) zu wählen, mache es umso auffälliger, dass die Arbeitermädchen überall wie selbstverständlich aktiv werden und mit den Männern gehen, die in den Kampf ziehen – mit dem Freund, dem Verlobten, dem Ehemann, andere aber auch ganz selbständig.

Zu solcher Selbständigkeit hatte der Weltkrieg den Frauen verholfen, indem er sie zwang, Arbeit in den Betrieben zu nehmen, und die Familienangelegenheiten ohne die Männer zu erledigen."

Zeugung der Drillmaschine

Die "Männerphantasien" sind ein eigentümliches Buch. Hier wie auch in Theweleits folgenden, nicht minder umfangreichen, mehrbändigen Werken über Machtverhältnissen in den Künsten, dem "Buch der Könige" und dem "Pocahontas-Komplex", beide noch nicht abgeschlossen, entfaltet er eine unverwechselbare Schreibweise, die sich löst von wissenschaftlichem Vokabular und Duktus, vielmehr persönlich, manchmal autobiographisch und bisweilen umgangssprachlich vorgeht. Er zeigt durchaus, wo es ihm passend scheint, dass er alle relevante Fachliteratur kennt und verzichtet auch nicht auf wissenschaftliche Begriffe. Das lässt die kleine Polemik im aktuellen Nachwort gegen inflationären Gebrauch von literatur- oder kulturwissenschaftlichem Vokabular ein wenig wohlfeil erscheinen. Aber geschenkt: Theweleits speziellem Sound kann man leicht folgen, zumal dann, wenn er Bergwerke von Material zum Sprechen bringt. Maßgeblich unterstützt durch seine virtuose Handhabung und Montage von vielfältigem Bildmaterial, das nicht nur dem Thema zeitgenössisch ist, sondern auch die ganze Bandbreite der populären Kultur einbezieht. Die "Männerphantasien" sind gleichzeitig Kulturgeschichte, kritische Theorie und manchmal auch ein Prosagedicht. Zusammen eine Studie über die faschistische Männlichkeit, eine psychopolitische Untersuchung der autoritären Männlichkeit, die es sich mit großem Erkenntnisgewinn für die gegenwärtige Situation zu lesen lohnt.

Theweleits Fokus liegt auf den Freikorps, den rechtsextremen Milizen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland zusammengeschlossen haben. Die Freikorps bestanden größtenteils aus Veteranen, die sich durch den Ausgang des Krieges verloren und gedemütigt fühlten. Sie schlugen 1919 den Spartakistenaufstand nieder, bekämpften erfolgreich die kurzlebige bayerischen Räterepublik oder kommunistische Aufstände im Baltikum. Viele dieser Männer, von denen etliche herausragende Stellungen im nationalsozialistischen Staat fanden, haben geschrieben. Sehr oft. Theweleit unterzieht das riesige Korpus von Freikorps-Literatur seiner Exegese. Er findet Bilder der Intimität, Hybridität, des Überschreitens von Grenzen, die obsessive Thematisierung von Schmutz, Unordnung, und Fluidität. Eindrucksvoll das Kapitel "Ströme" im ersten Band der "Männerphantasien", dessen Lektüre auch für die heutige Rede von den "Flüchtlingsströmen" aufschlussreich ist. Durchdrungen sind die Freikorps-Texte von Misogynie und einem hypervigilanten Machismus. Der "soldatische Mann" ist für Theweleit das Ergebnis einer katastrophalen Reaktionsbildung. So liest er etwa Ernst Jünger und findet einen Typus:

"Diesen Typ imaginierte Jünger so, als ob er keine Triebe, keine Psyche mehr hätte, nicht mehr nötig hätte, da alle Triebkräfte sich glatt und reibungslos in Funktionen des stählernen Leibes verwandelt haben – und genau darauf, scheint mir, will Jünger hinaus: auf die Utopie der Körpermaschine. Sie beherrscht, transformiert ihr Inneres, wie die Makromaschine Truppe ihre Einzelteile. Die Faszination der Maschine liegt für Jünger demnach darin, dass sie eine Anschauung davon zu bieten scheint, wie man 'leben' (sich bewegen, töten, etwas ausdrücken) kann, ohne Gefühle zu haben. Der Stahlpanzer schließt ein jedes fest ein. Der 'neue Mensch', gezeugt aus dem vom Drill organisierten Kampf des alten Menschen gegen sich selbst, ist lediglich der Maschine verpflichtet, die ihn geboren hat. Er ist eine wirkliche Zeugung der Drillmaschine, gezeugt ohne Zuhilfenahme der Frau, ohne Eltern. Verbindungen, Beziehungen, hat er zu anderen Exemplaren des neuen Menschen, mit denen er sich zusammenfügen lässt zur Makromaschine Truppe. Alle anderen passen nur 'unter', nicht neben, vor oder hinter ihn. Die notwendigste Arbeit der Stahlnaturen: alles zu verfolgen, einzudämmen, zu unterwerfen, was sie zurückverwandeln könnte in das schrecklich desorganisierte Gewimmel aus Fleisch, Haaren, Haut, Knochen, Därmen, Gefühlen, das Mensch heißt, alter Mensch."

Verkörpert werden diesen bösartigen Kräften von der Weiblichkeit. Sie ist der "Sumpf", in dem das Ego taumeln und ertrinken wird. Obwohl manchmal in idealisierten Visionen einer immer jungfräulichen "weißen Frau" unterdrückt, ist die Wut, die die soldatischen Männer gegenüber dem anderen Geschlecht ausdrücken, fast immer mörderisch. Die Fassade der weiblichen "Unschuld" muss durchbohrt werden, um den ganzen Morast zu zeigen. Dagegen werden ein Körper, ein Selbst konstruiert, die anorganisch, unerbittlich und damit männlich sind. Und diese Männer brauchen den permanenten Krieg als einen "Mechanismus der Selbstversorgung". Dieser Mann überlebt, indem er sich als Mörder unterscheidet, im Gegensatz zu dem, was er als bedrohlich empfindet.

"Sie hatte Blut, das aus ihren Augen kam, Blut, das aus ihr kam... wo auch immer."

Make love, not war

Ein Satz, den auch Theweleit hätte zitieren können. Tatsächlich aber wurde er von Donald Trump gesagt, 2015 während des Präsidentschaftswahlkampfs über die Fox-Moderatorin Megyn Kelly, die ihn während einer Fernsehdebatte mit Nachdruck befragte. Trumps bizarre Menstruationsanspielung deutet darauf hin, dass er sowohl auf die Körperfunktionen von Frauen fixiert, als auch von diesen angewidert ist. Wiederholt hat er auch bei Twitter negative Kommentare über Frauen und ihr Aussehen veröffentlicht. Nun ist das nicht das, was Theweleit als soldatischen Mann identifizieren würde, aber dieser Archetyp ist für ihn auch nur die extremste Inkarnation pathologischer, konstitutiv frauenfeindlicher Männlichkeit.
 
Keine Lösung, aber eine Losung für das, was man mit dieser erschreckenden Lektüre anfangen könnte, gibt Theweleit am Ende seines neuen Nachworts. Gegen den Hass und gegen die Mörder und die Gewalt empfiehlt er ein Liebesleben zu finden als "Normalverhalten zusammenlebender Zivilisten"; für ein Leben, das nicht an Vokabeln allein hängt wie Würde und Respekt, sondern, das die Menschenkörper ernst nimmt und die Haut als wirkliche Grenze, als Menschenrecht der Unversehrtheit gegenüber allem, was nicht gewünscht wird.

"Haut, die berührbar ist, wo gewünscht, gegenseitig. Make Love Not War."

Klaus Theweleit "Männerphantasien"
Matthes & Seitz Verlag, Berlin. 1200 Seiten, 38 Euro.

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