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Klavierkonzerte von Carl Czerny
Die humorvolle Seite des Zuchtmeisters

Der Beethoven-Schüler Carl Czerny schrieb Etüden zur technischen Ertüchtigung des Pianistennachwuchses, Symphonien, Kirchen- und Kammermusik, Klavierkonzerte. Sein Konzert Rondo brillant B-Dur von 1830 und das Klavierkonzert F-Dur liegen nun in einer Ersteinspielung vor mit dem Pianisten Howard Shelley und dem Tasmanian Symphony Orchestra.

Von Uwe Friedrich | 25.05.2017

Beethoven-Statue
Ludwig van Beethoven unterrichtete den zehnjährigen Czerny junior. Einer seiner wenigen Auftritte als Klaviervirtuose war die erste öffentliche Aufführung von Beethovens fünftem Klavierkonzert im Februar 1812. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Klavierschüler zucken auch heute noch zusammen, wenn der Name Carl Czerny erwähnt wird. Seiner "Schule der Geläufigkeit", op. 299 ist kaum jemand entgangen, der auch nur kurz die Tasten eines Klaviers drückte. Wer es weiter brachte, litt dann unter seiner "Kunst der Fingerfertigkeit", op. 740.
Schon diese beiden Opuszahlen zeigen, dass Carl Czerny ein ungeheuer produktiver Komponist war, und zwar neben seiner unermüdlichen Lehrtätigkeit, von der unter anderem Franz Liszt und Theodor Leschetitzky profitierten, zwei der überragenden Pianisten des 19. Jahrhunderts. Czerny schrieb nicht nur quälende Etüden zur technischen Ertüchtigung des Pianistennachwuchses, sondern auch Symphonien, Kirchen- und Kammermusik, sowie naheliegenderweise Klavierkonzerte.
Sein Konzert Rondo brillant B-Dur und das Klavierkonzert F-Dur liegen nun in einer Ersteinspielung vor mit dem Pianisten Howard Shelley und dem Tasmanian Symphony Orchestra, ergänzt um eine Neuaufnahme des a-Moll-Klavierkonzerts.
Musik: Rondo, Track 7
Das viertelstündige Rondo brillant in B-Dur, op. 233 ist sozusagen die Dreingabe zu den beiden Klavierkonzerten von Carl Czerny bei dieser CD-Neuerscheinung. Unbekümmert von den Anforderungen der klassischen Sonatenhauptsatzform mit Exposition, Durchführung, thematischer Arbeit und abschließender Reprise konnten in solchen reinen Unterhaltungsstücken Komponist und Instrumentalist zeigen, wie viel Spaß sie an der Musik haben.
Sozusagen ein einzeln stehender letzter Satz eines Konzerts ohne den ernsten Vorlauf und ohne das retardierende Element eines langsamen Satzes vor dem Vergnügungsteil. Dieses Rondo brillant schrieb Czerny wahrscheinlich in den frühen 1830er Jahren, der Orchesterpart ist weitgehend darauf beschränkt, das Soliinstrument bescheiden zu unterstützen, ohne in einen fordernden Dialog zu treten.
Musik: Rondo, Track 8
Im Rondo brillant wie auch in den Finalsätzen seiner Klavierkonzerte zeigt sich der klaviertechnische Zuchtmeister Carl Czerny von einer humorvollen Seite, die all jene Klavierschüler überraschen dürfte, die nur unter seinen Etüden litten. Czerny, Wiener mit tschechischen Wurzeln, war zunächst Schüler seines Vaters, der ebenfalls ein anerkannter Klaviervirtuose war.
Schon mit zehn Jahren spielte Czerny junior so gut, dass Ludwig van Beethoven ihn weiter unterrichtete. Einer seiner wenigen Auftritte als Klaviervirtuose war die erste öffentliche Aufführung von Beethovens fünftem Klavierkonzert im Februar 1812. Doch der damals 21jährige Czerny entschied sich gegen das Leben als reisender Tastenlöwe und konzentrierte sich auf seine Lehrtätigkeit.
Als Komponist orientierte er sich zeitlebens an der Wiener Klassik seiner Jugend, auch wenn im a-Moll-Klavierkonzert bereits Einflüsse der aufkommenden Romantik hörbar werden. Das Konzert entstand 1829 in Wien und ist dem französischen Komponisten und Musikwissenschaftler Amédée Mereaux gewidmet, der ebenso wie Czerny vor allem Klavieretüden schrieb und dessen Werk noch etwas weniger bekannt sein dürfte als das seines Wiener Kollegen.
Musik: Konzert a-Moll, 1. Satz, Track 4
Der britische Pianist und Dirigent Howard Shelley hat für das englische Label hyperion bereits zahlreiche Klavierwerke aufgenommen und ist prominent in der verdienstvollen CD-Reihe mit oft unbekannten Klavierkonzerten der Romantik vertreten. Auch in der Wiener Klassik kennt er sich bestens aus, hat er doch Haydns Londoner Symphonien eingespielt und arbeitet regelmäßig mit den London Mozart Players zusammen, deren Ehrendirigent er ist.
Und so trifft er auch den perlenden, um nicht zu sagen, geläufigen Tonfall dieser Kompositionen. Weder bläst er den Klavierpart emotional auf, um ihn auf romantische Größe zu bringen, noch plätschern die Skalen und Akkorde belanglos dahin. Genau das richtige Maß zu treffen war auch die Maxime der Metternichzeit. Bloß nicht auffallen, keinen Argwohn Durch Exzentrik erregen, Ausgewogenheit der Kräfte auch im zweiten Satz des a-Moll-Konzerts.
Musik: Konzert a-Moll, 2. Satz, Track 5
Carl Czerny hatte eine äußerst effektive Weise des Komponierens für sich entwickelt, nur so ist die immense Zahl von weit über achthundert nummerierten Werken erklärbar. Vier Kompositionen lagen auf einzelnen Tischen offen und er schrieb nacheinander jeweils eine Seite voll. Wenn er beim vierten Werk angekommen war, war die Tinte des ersten getrocknet. Die Seite wurde gewendet und er konnte die nächste vollschreiben.
Ob er auch größere Werke wie seine Symphonien auf diese Weise komponierte, darf bezweifelt werden, denn es bedürfte schon eines Genies Mozartscher Klasse, um da den Überblick nicht zu verlieren – und das wollen ihm selbst wohlwollende Betrachter nicht zuschreiben. Und doch sind Czernys Klavierkonzerte deutlich mehr als charmante Gelegenheitskompositionen. Die Einleitung zum F-Dur-Konzert etwa fällt überraschend zurückhaltend aus mit Pizzicatoklängen der Streicher und antwortenden Paukenschlägen.
Musik: Klavierkonzert F-Dur, op. 28, Track 1
Ausgestelltes Virtuosentum ist Czernys Sache nicht, auch wenn seine Klavierkonzerte einige technische Sicherheit des Pianisten erfordern. Die bringt Howard Shelley ganz selbstverständlich mit. Über die Jahre hat sich zwischen ihm und dem Tasmanian Symphony Orchestra aus Australien auch eine künstlerische Freundschaft entwickelt, die zu einem gemeinsamen Atem führt, der Durch diese Aufnahme weht und die Kompositionen belebt. Gestalterischer Charme ist im F-Dur-Konzert eher gefragt als Überwältigung Durch Kraftmeierei. Gegen Ende des ersten Satzes zahlt es sich für den Solisten zweifellos aus, die Etüden Czernys gut studiert zu haben.
Musik: Klavierkonzert F-Dur, op. 28, Track 1
Czernys Zeitgenossen fiel direkt auf, was heute nur noch Gitarrenspezialisten bemerken: Dieses Konzert wirkt wie eine Zweitversion von Mauro Giulianis drittem Gitarrenkonzert. Bis heute ist nicht geklärt, welches der beiden Konzerte zuerst entstand. Der Rezensent der "Musical World" ging 1837 selbstverständlich davon aus, dass Czerny das Gitarrenkonzert als Hommage an Giuliani für Klavier arrangiert habe, doch sicher ist die Reihenfolge nicht.
Ganz sicher ist hingegen, dass Czernys Einfälle für die Polonaise des abschließenden dritten Satzes auf der Gitarre unspielbar wären. Hier möchte der Komponist sein Publikum dann doch mit pianistischen Effekten verblüffen. Dass heutige Hörer von diesen Effekten nicht mehr im selben Maß beeindruckt sind, liegt auch an Carl Czernys Schüler Franz Liszt, der die Latte noch mal deutlich höher legte, die Zeitgenossen des frühen 19. Jahrhunderts dürften hingegen noch gestaunt haben bei diesen Passagen.
Musik: Klavierkonzert F-Dur, op. 28, 3. Satz, Track 3
So endet das F-Dur-Klavierkonzert, op. 28 von Carl Czerny in der Ersteinspielung mit dem Pianisten Howard Shelley, der das Tasmanian Symphony Orchestra vom Klavier aus dirigierte. Auf der beim britischen Label hyperion erschienenen CD sind außerdem Czernys a-Moll-Konzert, op. 214 und sein Rondo brillant, op. 233 zu hören.
In der verdienstvollen CD-Edition "Das romantische Klavierkonzert" kann sich nun jeder Klavierschüler davon überzeugen, dass Czerny mehr komponierte als die berüchtigten Etüden und dass sich auch das wenig inspirierende Üben auf die Dauer lohnt. Am Mikrofon verabschiedet sich Uwe Friedrich.
Carl Czerny
Klavierkonzert F-Dur, op. 28
Klavierkonzert a-Moll, op. 214
Rondo brillant B-Dur, op. 233
Tasmanian Symphony Orchestra , Howard Shelley (Pianist und Dirigent)
hyperion (LC 07533) CDA68138