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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Auf Flugreisen in Europa zu verzichten, ist sinnfrei"15.08.2019

Klimaschutz"Auf Flugreisen in Europa zu verzichten, ist sinnfrei"

Der persönliche Verzicht aufs Fliegen bringe nichts, sagte der Ökonom Joachim Weimann von der Universität Magdeburg im Dlf. Anstelle von Aktionismus brauche es kluge kollektive Entscheidungen. Die Rolle des Einzelnen sei es, die Politik zur Verantwortung zu ziehen.

Joachim Weimann im Geschpräch mit Sandra Pfister

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Zürich-Airport (imago / Uwe Steiner)
Der Flugverkehr gehört zum EU-Emissionshandel (imago / Uwe Steiner)
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Menschen seien auch dann zu kooperativem Verhalten in der Lage, wenn ihr Einfluss auf das betreffende öffentliche Gut sehr gering sei, sagte der Ökonom Joachim Weimann von der Universität Magdeburg im Dlf. Unser Klimasystem ist so ein öffentliches Gut, weil von dessen Konsum niemand ausgeschlossen werden kann. "Wenn wir das Klimasystem stabilisieren, profitieren also alle - völlig unabhängig davon, ob ich dazu einen Beitrag geleistet habe oder nicht."

Die rationale Reaktion des Menschen darauf? So wenig wie möglich dafür tun: "Wenn mein Beitrag eh verschwindend gering ist, nützt er eh nichts, ich habe nur Kosten. Und wenn die anderen Beiträge leisten, umso besser. Dann profitiere ich von dem stabilen Klimasystem." Dennoch, hat Weimann in Experimenten herausgefunden, sei ein Drittel der Personen bereit, etwas zum Klimaschutz beizutragen. Das sei erst einmal eine gute Nachricht.

Papiertaschen ressourcenintensiver als Plastiktüten

Kann man nun das Klima-Problem lösen, indem diese Menschen sich umweltfreundlich verhalten? Das Problem sei komplexer, so Weiman. Die richtige kooperative Verhaltensweise angesichts des Klimaproblems sei sicher nicht, auf Flüge zu verzichten - zumindest innerhalb der EU.

Reisende stehen in einer langen Schlange vor der Sicherheitskontrolle im Terminal 2 des Flughafens in Frankfurt am Main (dpa /  Andreas Arnold)Sommer-Reiseverkehr am Flughafen in Frankfurt am Main (dpa / Andreas Arnold)Umweltverband BUND
Kurzstreckenflüge "deutlich teurer" machen
Deutschland solle bei der Verteuerung des klimaschädlichen Flugverkehrs vorangehen, sagte Arne Fellermann vom Umweltverband BUND im Dlf. So könne der Druck auf eine europäische Lösung erhöht werden. Das Fliegen müsse teurer werden – vor allem auf kurzen Strecken.

Bei großen Kooperationsproblemen neigten Menschen dazu "vorschnell, plakativ vordergründige Dinge zu tun", die aber häufig kontraproduktiv seien. Ein weiteres Beispiel: Plastiktüten zu verbieten, um das Meer zu retten. Dabei werde außer Acht gelassen, dass etwa Papiertaschen viel ressourcenintensiver in der Herstellung seien. Außerdem ist Weimann zufolge nur 0,3 Prozent des Plastikmülls im Meer europäischen Ursprungs.

Wollten wir das Plastikproblem lösen, müssten wir Geld in die Hand nehmen und in asiatischen Ländern funktionierende Recycling-Systeme installieren. "Das kann man nicht politisch gut verkaufen und da kann man selbst auch nichts dran tun außer zuzustimmen, dass die Steuergelder, die man zahlt, für diesen Zweck verwendet werden. Und das verschafft nicht so das schöne, gute Gefühl, was wir haben, wenn wir die Papiertüte nutzen statt die Plastiktüte."

"Wir brauchen kluge kollektive Entscheidungen"

Beim Fliegen ist dem Ökonomen zufolge zumindest der Verzicht auf innereuropäische Flüge nicht sinnvoll. Denn der Flugverkehr sei im EU-Emissionshandel erfasst. Was die Airlines nicht an CO2 verbrauchten, könnten sie also an andere Emittenten verkaufen - die dann trotzdem das CO2 ausstoßen. "Tatsächlich ist der Effekt null", so Weimann.

Flugzeug mit Kondensstreifen vor blauem Himmel (picture alliance / NurPhoto / Nicolas Economou)Flugzeug (picture alliance / NurPhoto / Nicolas Economou)Umweltdebatte
Wie schlimm ist Fliegen?
"Wir brauchen kluge kollektive Entscheidungen", so Weimanns Fazit - also Politik. Was der Einzelne tun könne: Die Politiker mit diesen Forderungen konfrontieren. "Macht vernünftige Klimapolitik, indem ihr beispielsweise den Emissionshandel ausweitet oder eine CO2-Steuer einführt. Macht vernünftige Plastikpolitik, indem ihr das Problem an der Ursache packt."

Es gebe Hoffnung, dass es genug Menschen geben werde, die bereit seien tatsächlich Lösungen zu betreiben und auf Dinge zu verzichten. Dass Aktivisten mit Segelschiffen in die USA führen, sei hingegen nicht förderlich. "Was stellen die sich vor? Was ist deren Modell? Dass wir den Verkehr wieder auf Segelschiffe umstellen und das Fliegen wieder aufgeben? Das würde den Zusammenbruch der Weltwirtschaft bedeuten."

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