Freitag, 18.10.2019
 
Seit 20:10 Uhr Das Feature
StartseiteInformationen am MorgenProtesttage im Braunkohle-Revier19.06.2019

KlimaschutzProtesttage im Braunkohle-Revier

Klimaschutzbündnisse haben für das Fronleichnamswochenende neue Proteste im Rheinischen Braunkohle-Revier angekündigt. Befürchtet werden Besetzungen im Tagebau, der Symbol für die Auseinandersetzungen in der Klimapolitik ist.

Von Moritz Küpper

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Tagebau-Mitarbeiter stehen am Braunkohle-Tagebau Hambach (Oliver Berg / dpa)
Warten auf die Klimaschutz-Proteste: Braunkohle-Tagebau Hambach (Oliver Berg / dpa)
Mehr zum Thema

Strukturhilfen Kabinett ringt um Konzept für Kohleausstieg

Umweltschutz Greenpeace und ClientEarth stellen Kohleausstiegsgesetz vor

Klimaaktivistin Neubauer "Irritiert, dass sich wenig Ältere anschließen"

Tagebau Hambach Kohle statt Kirche

Michael Schäfer, WWF "Wir brauchen einen CO2-Mindestpreis"

Es ist laut, die Bänder rattern, eintönig dreht sich das große Rad des Schaufelradbaggers Nummer 290 im Tagebau Hambach, einige hundert Meter vom Hambacher Forst entfernt. Knapp sieben Kubikmeter Erdmasse kann jede einzelne der 18 Schaufeln fassen. Gerade wird eine Erdschicht abgetragen, um eine weitere, für die Tagebauten typische Sohle zu errichten.

"Ja, das ist das Arbeitsprogramm an das ich mich zu halten habe, wo ich absetzen muss, welche Höhe wir hier fahren müssen."

Andreas Weißgerber, 57 Jahre alt, sitzt im Führerhaus der gigantischen Maschine, zeigt auf den Bildschirm vor ihm. Der Funkverkehr ist trotz des Lärms hörbar.

Seit fast 20 Jahren arbeitet Weißgerber im Tagebau, war vorher bereits Kumpel unter Tage, im Steinkohlenbergbau. Mit 15 Jahren hat er angefangen, ist nun in Altersteilzeit, 31 Monate hat er noch, an denen er - wie gerade - den Bagger kontrolliert.

"Das sind Arbeitsprogramme, die von oben vorgegeben sind und daran habe ich mich dann zu halten."

Vieles läuft automatisch, an einem Gerät der Superlative: 96 Meter hoch, über 240 Meter lang, wiegt der Bagger 13.500 Tonnen. Jahrgang 1978, jenem Jahr, in dem der größte Tagebau des Rheinischen Reviers aufgeschlossen wurde, wie es heißt, trägt die Maschine noch immer die Aufschrift des "RWE"-Vorgängers "Rheinbraun", doch seine Dienste absolviert der Bagger nun fast automatisch. Doch immer wieder guckt Weißgerber durch die Windschutzscheibe:

"Das ist wahrscheinlich noch ein Grund, warum ich hier sitze. Das Hin- und Herspringen, das könnten Computer machen, aber der sieht nicht, wenn jemand über die Böschung kommt. Ich kann dann flüchten, und dann zurück. Der Computer macht das nicht. Noch mein Vorteil - aber wer weiß?"

Mehr Besetzungen und Straftaten

Doch wenn es danach geht, muss sich Weißgerber wohl keine Sorgen um seinen Job machen: Denn während zwar die Diskussion um den Braunkohleausstieg im vollen Gange ist, das Ausstiegsjahr - laut Fahrplan der sogenannten Kohlekommission - auf das Jahr 2038 vorgezogen werden soll, ist hier keine Ruhe eingekehrt, sind Weißgerbers Eingriffe gefragt. In den 80er-Jahren gab es insgesamt drei oder vier Besetzungen durch "Greenpeace", so der Betreiber "RWE", doch seit sieben Jahren, gibt es - neben diversen Besetzungen und dem vermehrten, rechtswidrigen Eindringen in den Tagebau - auch Straftaten. Weißberger kennt das Thema:

"Mit Kohleabbau, mit Stillsetzen, mit Tagebau Hambach. Hier, Hambacher Wäldchen, die Aktivisten."

Sein Finger zeigt in die Ferne. Mehrfach hatte er mit Besetzungen zu tun, gerade das, ja, auch in dieser Auseinandersetzung, aufgeheizte Klima der letzten Wochen, Monate und Jahre, machen ihm, dem erfahrenen Baggerfahrer Sorgen:

"Ich sag einfach mal, die erste Generation der Aktivisten, die waren ruhig. Die haben nur protestiert und dann war es gut, aber mittlerweile wird man angegriffen von denen, auch körperlich, ja."

Protestaktionen fürs Wochenende angekündigt

Auch in den nächsten Tagen werden die Bagger hier wohl besetzt werden: Das Bündnis "Ende Gelände" hat eingeladen, ins Rheinische Revier zu kommen, bis Sonntag treffen Menschen aus ganz Europa hier ein:

"Die Ergebnisse der Kohlekommission waren desaströs, sie rasen am 1,5-Grad-Ziel vorbei und sind einfach eine Veralberung des Klimaschutzes und deswegen müssen wir jetzt wieder aktiv werden, wieder in die Grube, die Kohlebagger stoppen und einen sofortigen Kohlausstieg einfordern."

Kathrin Henneberger sitzt in einem Café in der Kölner Südstadt. Vor 32 Jahren ist die Pressesprecherin des Bündnis "Ende Gelände" hier, in der Nähe, geboren worden. Früher war sie Sprecherin der Grünen Jugend, also eher parteipolitisch unterwegs, doch dann entschied sich Henneberger für einen anderen Weg, einen Weg außerhalb der Parteien: Vor zehn Jahren bereits, während des ersten Klimacamps in Hamburg, besetzte sie das Kohlekraftwerk Moorburg. Nun will sie wieder zivilen Ungehorsam leisten, also rechtswidrig in das Gelände eindringen, obwohl der Tagebau-Besitzer "RWE" ihr ein Hausverbot und eine hohe Geldstrafe angedroht hat.

"Also, natürlich ist das ein Versuch von 'RWE' mich persönlich einzuschüchtern. Ich könnte natürlich jetzt zuhause sitzen und Angst haben, das habe ich aber definitiv nicht, sondern ich bin sofort an die Öffentlichkeit gegangen, weil ich nicht möchte, dass dieser Konzern damit durchkommt."

Polizei rüstet sich

Seit Wochen nun stehen sich, vor allem in den sozialen Netzwerken, die Parteien gegenüber: "Ende Gelände" postet Videos von Besetzungen aus den letzten Jahren - und erhält Unterstützung von der Schüler-Bewegung "Fridays for Future", die aus Solidarität zu einem internationalen Protesttag am kommenden Freitag aufgerufen hat. Tagebau-Anwohner wollen ebenfalls demonstrieren. Und mittendrin, in dieser unübersichtlichen Gemengelage, steht Dirk Weinspach, zuständiger Präsident der Polizei Aachen, versucht, ebenfalls durch öffentlichkeitswirksame Videos, zu deeskalieren.

"Wir sind eine demonstrationsfreundliche Behörde und werden alles tun, damit diese Demonstrationen sicher durchgeführt werden kann und das mit jungen Demonstrantinnen und Demonstranten erste positive Erfahrungen mit der Wahrnehmung von Grundrechten machen."

Er, ironischerweise Grünen-Mitglied, kann es wohl keiner Seite recht machen - und stellt daher auch klar:

"Wenn es zum Eindringen in das Betriebsgelände kommt, wenn es zu besonderen Gefahrensituationen kommt, dann ist es unsere Aufgabe einzuschreiten und die Straftaten entweder zu verhindern oder konsequent zu verfolgen. Da können und wollen wir nicht wegsehen, aber wir wollen diese Konfrontation auch nicht."

"In die Grube gehen - für die Kinder"

Doch: So wird es wohl kommen. Spannend bleibt nun vor allem, wie viele Menschen sich - trotz der nun ambitionierteren Ausstiegsziele, trotz des scheinbar gefundenen gesellschaftlichen Konsenses, früher auszusteigen - mobilisieren lassen? Gelingt erneut der Brückenschlag ins bürgerliche Lager? Henneberger jedenfalls, ganz Sprecherin in eigener Sache, ist sich da sicher. Sie berichtet von Tausenden, die kommen werden…

"Hinzu kommen auch sehr viele Erwachsene, auch Eltern, deren Kinder noch viel zu klein sind, aber die sagen: Ich gehe jetzt für meine Kinder in die Grube, ich gehe für die Zukunft meiner Kinder in die Grube. Also Menschen, die sich halt, davor eventuell mal auf Demos waren, aber sich noch gar nicht groß politische engagiert haben, die gehen jetzt auf die Straße, die gehen jetzt mit uns auf die Grube. In den letzten Jahren sind wir von Jahr zu Jahr gewachsen und wir werden auch diese Jahres mächtig zulegen."

Doch stillgelegt, sozusagen aus vorauseilendem Gehorsam, wird der Tagebau nicht. Das weiß auch Kumpel Weißgerber auf dem Bagger 290.

"Die werden ja nicht den ganzen Tagebau besetzen."

Doch wenn bei ihm, an der Kante, auf einmal Menschen auftauchen, weiß Weißgerber, was zu tun ist:

"Nach Möglichkeit versucht man erst zu verhindern, dass die überhaupt hier darauf kommen, aber wenn dann mal, was weiß ich, 10, 15, 20 Mann angestürmt kommen, wir sind drei Mann in der Regel, ab und zu mal mit vier Mann, da halten sie keine 15 Mann auf."

Er schüttelt mit dem Kopf:

"Muss man sie gewähren lassen leider, wenn ich noch die Möglichkeit habe, dann ziehe ich den Bagger leer, damit denen nichts passiert, dem Bagger nichts passiert und ja, dann heißt es abwarten."

Und obwohl er genau weiß, was kommen wird, schaut er ein wenig ratlos - und trifft damit vielleicht am besten die aktuelle Stimmungslage im Rheinischen Revier.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk