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StartseiteInterview"Was in Deutschland läuft, ist kein Beitrag zur Energiewende"06.11.2019

Klimaschutz"Was in Deutschland läuft, ist kein Beitrag zur Energiewende"

Mit der aktuellen Politik habe Deutschland keine Chance, die eigenen Klimaziele einzuhalten, sagte Volker Quaschning, Experte für Regenerative Energien, im Dlf. Der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß sei in Deutschland doppelt so hoch wie beim Weltdurchschnitt. Helfen würde etwa ein neues Verkehrskonzept.

Volker Quaschning im Gespräch mit Christian Kaess

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Rauch und Dampf steigen aus einem Kohlekraftweg in Oberhausen auf, im Vordergrund geht ein Mann. (Getty Images / Lukas Schulze)
Deutschland müsse beim Klimaschutz die doppelte Verantwortung übernehmen, forderte Energie-Experte Quaschning im Dlf (Getty Images / Lukas Schulze)
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Christiane Kaess: Es sind alarmierende Zeiten für den Klimaschutz. Zwar ist sich der Großteil der Politiker international einig, dass der Klimawandel gebremst werden soll, und es gibt internationale Übereinkünfte wie das Pariser Klimaabkommen. Allerdings es hapert an der Umsetzung. Schon am nationalen Klimapaket der Bundesregierung gab es scharfe Kritik. Experten glauben, dass die geplanten Maßnahmen nicht dazu führen werden, dass die Bundesregierung ihre Klimaziele erreicht. Die USA unter Präsident Trump sind gestern wie angekündigt aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen.

Mehr als 11.000 Wissenschaftler aus über 150 Ländern, darunter viele deutsche Forscher, die warnten gestern in einer gemeinsamen Erklärung vor einem weltweiten Klimanotfall. Wenn sich das menschliche Verhalten nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei unsägliches menschliches Leid nicht mehr zu verhindern, heißt es da. Und eine Auswertung von fünf Autoren, von denen vier für den Weltklimarat gearbeitet haben, die kommt zu dem Urteil, dass die Pläne der meisten Staaten, die das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet haben, nicht ausreichen, um die schneller werdende Erderhitzung zu bremsen.

Über all dies kann ich jetzt sprechen mit Volker Quaschning. Er ist Ingenieurwissenschaftler und Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Guten Morgen!

Volker Quaschning: Guten Morgen, Frau Kaess!

Kaess: In besagter Auswertung heißt es: "Fast drei Viertel der Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, die die Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens eingereicht haben, sind nicht ehrgeizig genug." Überrascht Sie dieser Befund?

Quaschning: Nein, überhaupt nicht. Das ist ja nichts Neues. Nun muss man unterscheiden. Es gibt jetzt erst mal zwei Probleme. Problem Nummer eins ist, dass man überhaupt Ziele formulieren muss, mit denen wir eine Chance haben, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten und die schlimmsten Klimafolgen zu vermeiden. Dazu müssten wir ungefähr Mitte des Jahrhunderts klimaneutral werden, bestenfalls sogar 2040. Und dann gibt es Länder, die das zwar ansatzweise versprechen, wie Deutschland, aber auch nicht mal ansatzweise irgendwas dafür tun, dass man diese Ziele einhält. Das heißt, wenn man wirklich diese Perspektive vor Augen hat, dann kann man wirklich schwarz sehen.

Kaess: Aber in der Analyse der Autoren dieser Auswertung heißt es, dass bei dem Ziel, den Ausstoß bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, nur die 28 EU-Staaten und noch sieben weitere Länder auf Kurs sind. Das wäre ja für die Europäer ein gutes Zeugnis.

Quaschning: Auf Kurs heißt, dass man sich überhaupt erst mal eigene Ziele gesetzt hat, mit denen wir ansatzweise kompatibel zum Pariser Klimaschutzabkommen sind. Auch in Deutschland hat man sich Ziele gesetzt. Die reichen auch noch nicht ganz aus. Wir wissen, dass wir eigentlich eher deutlich vor 2050 klimaneutral werden müssten. Deutschland hat sich 2050 gesetzt, ist aber noch nahe dran. Aber wir haben mit der Politik, die in Deutschland gefahren wird, gar keine Chance, die eigenen Ziele einzuhalten. Das ist gar nicht Gegenstand dieser Untersuchung gewesen. Das heißt, bei der Warnung der Wissenschaftler ist man davon ausgegangen, dass die Länder ja wenigstens die Ziele, die sie sich selber gesetzt haben, einhalten, und nicht mal das ist ja der Fall, wie man an Deutschland sieht.

"Wir haben die doppelte Verantwortung, etwas zu übernehmen"

Kaess: Im Fokus dieser Auswertung stehen vier Staaten, die zusammen mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgase ausstoßen. Das sind China und Indien, die wollen den Ausstoß lediglich langsamer ansteigen lassen als das Wirtschaftswachstum. Die USA haben sich bekanntlich ganz aus dem Abkommen verabschiedet und Russland hat noch nicht mal Zusagen eingereicht. Könnte man jetzt vereinfacht sagen: Wenn diese großen Staaten, diese großen Verursacher sich nicht bemühen, dann helfen die Bemühungen der restlichen Länder auch nichts?

Quaschning: Das ist immer wieder der Versuch, sich auch auf das Nichtstun dann zu verlassen. Die andere Hälfte der Emissionen kommt ja von dem Rest der Länder, wo auch Deutschland dazugehört. Das heißt, man kann jetzt nicht die eine Hälfte gegen die andere ausspielen. Natürlich müssen die großen Player versuchen, Klimaschutz zu machen, aber selbst wenn jetzt die größten vier Länder klimaneutral werden, wäre das Klima noch nicht gerettet, weil die anderen auch mitmachen müssen, und dazu gehört wie gesagt auch Deutschland. Ich höre immer, der Anteil von Deutschland ist relativ gering. Der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß, der Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen ist in Deutschland doppelt so hoch wie beim Weltdurchschnitt, und deswegen haben wir verdammt noch mal auch die doppelte Aufgabe hier und die doppelte Verantwortung, etwas zu übernehmen.

Kaess: Haben Sie auf der anderen Seite doch noch Hoffnung, dass sich noch was ändert bei den großen Verursachern?

Quaschning: Ja, wir sehen, dass durchaus einiges sich verändert und bröckelt. Wir haben sehr gute Karten dadurch, dass die erneuerbaren Energien in den letzten Jahren rasante Fortschritte gemacht haben. In vielen Ländern der Erde ist es mittlerweile billiger, mit Solarstrom Energieversorgung aufzubauen wie mit klassischen Kohlekraftwerken, und das hilft natürlich ein bisschen. Das heißt, wir haben durchaus Grund zur Hoffnung, dass wir die Technologien mittlerweile haben, dass die auch bezahlbar sind. Nur der nächste Schritt, dass man die jetzt auch wirklich beherzt einsetzt, der muss folgen, und da sehen wir in allen Ländern einschließlich Deutschland nicht ansatzweise genug Schritte dazu.

Kaess: Und diese Entwicklung zu den neuen Energien, die Sie gerade angesprochen haben, das gilt auch für China, Indien und Russland?

Quaschning: China ist ja beim Ausbau erneuerbarer Energien, bei der Fotovoltaik, bei der Windenergie das Land Nummer eins. Wir sehen dort ganz andere Zubauzahlen wie in Deutschland. Letztes Jahr haben wir dort zehnmal so viele Solaranlagen aufgebaut, wie wir das in Deutschland gemacht haben. Das heißt, da tut sich schon relativ viel. China ist Technologietreiber bei der Batterietechnologie, bei der Solarenergie, und insofern muss man das ein bisschen differenzieren.

Klar: China hat einen Nachholbedarf. Der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß ist deutlich niedriger noch als in Deutschland. Das darf man nicht vergessen und deswegen muss man das ambivalent sehen. Auf der einen Seite macht man etwas, man entwickelt die neuen Technologien, setzt diese aber auch nicht so beherzt ein, wie man das machen müsste.

Wasserstoff-Strategie "ist eine Luftnummer"

Kaess: Jetzt sind wir schon bei diesen neuen Technologien und ich möchte da gerne noch mit Ihnen über ein Detail im Kampf gegen den Klimawandel sprechen. Die Bundesregierung hat gestern eine Konferenz abgehalten, um die nationale Wasserstoff-Strategie zu entwickeln. Das soll, so heißt es, eine wichtige Säule der deutschen Energiewende werden. Was halten Sie davon?

Quaschning: Wasserstoff zu entwickeln, macht durchaus Sinn. Das heißt, diese Technologie werden wir in Deutschland und auch international benötigen. Nur das, was in Deutschland läuft, das ist kein Beitrag zur Energiewende; das ist eigentlich eine Bankrotterklärung. Das heißt, was steht da im Prinzip zwischen den Zeilen drin? Wir werden in Deutschland es nicht hinbekommen, im eigenen Land klimaneutral zu werden, weil wir es nicht hinbekommen, ausreichend Solar und Windräder aufzubauen, und deswegen setzen wir jetzt auf Wasserstoff, der von irgendwo her importiert wird, ohne zu nennen, von welchen Ländern, wie man das aufbauen will, wer das bezahlen soll, weil man auch weiß, dass Wasserstoff am Anfang zehnmal so teuer sein wird wie Erdgas. Insofern ist das eine Luftnummer, die man da macht, und gar kein Beitrag, wirklich irgendwelche nahen Klimaziele zu erreichen.

Kaess: Aber welche Rolle könnte denn Wasserstoff spielen? Ist das tatsächlich eine Technologie, die völlig ungeeignet ist im Kampf gegen den Klimawandel, oder steckt da einfach mehr Potenzial dahinter und die Bundesregierung schöpft das nicht aus?

Quaschning: Wasserstoff ist ein klimaneutraler Energieträger, wenn ich ihn verbrenne. Ich muss diesen Wasserstoff aber herstellen. Das heißt, dieser Wasserstoff kommt auf der Erde nicht vor und ich muss ihn herstellen. Momentan macht man das aus Erdgas. Das heißt, man reformiert Erdgas, und dann habe ich klimatechnisch überhaupt nichts gewonnen. Man kann Wasserstoff auch aus erneuerbaren Energien herstellen. Das ist momentan noch relativ teuer. Das macht durchaus Sinn, sich in einigen Bereichen Gedanken zu machen, wo man heute noch keine anderen technischen Lösungen hat, Langstrecken-LKW-Verkehr oder Schiffsverkehr. Da macht das durchaus Sinn, diesen Energieträger einzusetzen.

Nur in Deutschland ist es so, dass wir derzeit 15 Prozent erneuerbare Energien haben. Wir haben derzeit gar keine Ambitionen, überhaupt noch diesen Anteil signifikant zu erhöhen. Im Windenergiebau läuft überhaupt nichts. Das heißt, wir müssten 80 Prozent unseres Energiebedarfs mit Wasserstoff decken, wo wir gar keine Idee haben, wo der momentan herkommen soll, und insofern muss man sagen, Wasserstoff ja, es macht Sinn, diese Technologie zu entwickeln, aber nein, es macht nicht Sinn, einen Großteil der nationalen Energieversorgung auf irgendwelche fiktiven Importe dann zu setzen.

"Wir brauchen weniger Autos und mehr öffentlichen Personenverkehr"

Kaess: Das heißt, Herr Quaschning, wenn es jetzt um die CO2-Neutralität zum Beispiel im Verkehr geht, dann sollte man weiter noch auf die E-Mobilität setzen? Denn auch die ist ja von der Ökobilanz her umstritten.

Quaschning: Wir brauchen erst mal ganz neue Verkehrskonzepte. Die Wahrheit würde eigentlich lauten, wir brauchen viel, viel weniger Autos und viel mehr öffentlichen Personenverkehr, Fahrradverkehr und so weiter. Wenn wir dann noch Autos brauchen, dann ist momentan aus der ökologischen Sicht das Elektroauto das kleinste Übel, wenn wir das batteriebetrieben haben, weil es einfach wesentlich effizienter ist. Wir können ein Auto auch mit Wasserstoff betreiben. Nur der Wasserstoff muss hergestellt werden. Dafür brauchen wir doch viel, viel mehr Energie. Und wir erkaufen uns dann praktisch den Austausch der Batterie durch Wasserstoff, durch das Aufbauen von viel, viel mehr Windkraftanlagen. Das heißt, wir brauchen ungefähr dreimal so viele Windräder, um ein Wasserstoffauto zu betreiben, wie ein Batterieauto, und da macht es aus der Sicht Sinn, weil wir ja sehen, wie schwierig es überhaupt ist, diese Technologien aufzubauen, dann doch auf den effizienteren Batterieantrieb zu setzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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