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StartseiteForschung aktuellKlimasünden im Land der Mitte23.02.2009

Klimasünden im Land der Mitte

Umweltkrise trotz CO2-Abscheidung

<strong>Umwelt. - In diesem Jahr soll auf dem Welt-Klimagipfel in Kopenhagen das Nachfolgeabkommen für das Kyotoprotokoll gezimmert werden. Der Blick ruht dabei vor allem auf dem bevölkerungsreichsten Land, denn China stößt seit 2006 mehr Kohlendioxid aus als die USA. Dass aber die junge Wirtschaftsmacht noch umsteuern kann, scheint illusorisch.</strong>

Von Volker Mrasek

Selbst mit größten Anstrengungen lässt sich Chinas CO2-Austoß nicht in den Griff bekommen, mahnen Experten. (AP)
Selbst mit größten Anstrengungen lässt sich Chinas CO2-Austoß nicht in den Griff bekommen, mahnen Experten. (AP)

Chinas Energieverbrauch hat sich innerhalb der letzten fünf Jahre glatt verdoppelt. Das Land stößt heute rund dreimal so viel Kohlendioxid aus wie noch Anfang der 80er Jahre. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. So wird erwartet, dass sich der Strombedarf bis 2030 noch einmal verdreifacht. Das sind ernüchternde Zahlen. Sie stehen in neuen Studien, die eine Gruppe von Forschern aus Norwegen, England und den USA jetzt vorlegt. Noch ernüchternder ist das Fazit, das die Autoren ziehen. Der chinesische Umweltökonom und Energieexperte Dabo Guan, der heute an der Universität Cambridge in England forscht:

"Viele westliche Industriestaaten wollen, dass China sich verpflichtet, seine Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren. Doch dazu wird das Land gar nicht imstande sein."

In ihren Studien führten Guan und seine Kollegen ein aufschlussreiches Planspiel durch. Sie entwickelten verschiedene Emissionsszenarien bis 2030, darunter ganz bewusst ein viel zu optimistisches. Die Forscher unterstellten einfach, dass jedes neue Kohlekraftwerk in China ab sofort mit der sogenannten CCS-Technologie ausgestattet wird. Das heißt: Die Anlagen arbeiten Kohlendioxid-frei, da das Kohlendioxid aus ihrem Abgas eliminiert wird. Zu schön, um wahr zu sein! Diese Technologie ist heute noch gar nicht anwendungsreif. Das wird erst 2020 oder noch später der Fall sein ...

"Selbst unter dieser völlig unrealistischen Annahme würde China seinen Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Jahr 2030 enorm steigern, und zwar um 80 Prozent, verglichen mit 2002. Das heißt: Nicht einmal mit der besten vorstellbaren Technologie würde das Land zu Emissionsreduktionen kommen."

Auch wenn China wie geplant alternative Energiequellen stärker nutzte, würden die Emissionen kräftig weiter steigen. Denn hauptsächlich ist und bleibt das Land auf Kohle angewiesen. Ihr Anteil an der Primärenergie-Produktion liegt seit Jahren bei etwa 70 Prozent ...

"Wir haben uns auch mit erneuerbaren Energien befasst. Nehmen wir an, China wollte, dass seine Emissionen 2030 nicht höher sind als im Jahr 2000. Dann müsste die Primärenergie-Produktion zu 40 Prozent aus Kohlendioxid-freien erneuerbaren Energien kommen. Einen so hohen Anteil hat heute kein Land der Erde. Und auch China wird das bis 2030 sicher nicht schaffen können."

Chinas Wirtschaft wird weiter kräftig wachsen, das steht fest. Wenn auch vorläufig nicht mehr ganz so schnell, wegen der Finanzkrise. Städte- und Straßenbau florieren, das Verkehrsaufkommen wächst ständig. Mit steigendem Bruttosozialprodukt leisten sich immer mehr Haushalte Klimaanlagen und andere Stromfresser. All das treibt Chinas Energieverbrauch in die Höhe.

Am stärksten wirkt sich aber etwas anderes aus. Dazu der australische Mathematiker Glen Peters. Er arbeitet im Zentrum für Internationale Klima- und Umweltforschung in Oslo:

"Nach 2002 hat Chinas Kohlendioxid-Ausstoß besonders stark zugenommen. Wir haben herausgefunden, dass dafür zu 50 Prozent die Exportindustrie verantwortlich ist. Die Steigerung der Ausfuhren trägt entscheidend dazu bei, dass die Emissionen hochgehen."

Klimaschädliche Treibhausgas-Emissionen werden also zunehmend nach China ausgelagert, könnte man sagen. Und zwar von den Industriestaaten. Denn es sind Länder wie die USA, Japan und Australien, die immer mehr Exportgüter aus dem Reich der Mitte beziehen. Vor allem Elektronik, Textilien und Chemikalien. Dass Chinas Emissionen in absehbarer Zeit gebremst werden können, scheint eine Illusion zu sein. Nicht einmal modernste Technologien würden das hinbekommen, wie die neuen Studien demonstrieren. Man sollte zwar alles in dieser Richtung tun, sagen die Forscher. Am wichtigsten aber sei, dass China einen Fehler tunlichst vermeide: den westlichen Lebensstil zu kopieren. Denn der sei viel zu energieaufwändig.

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