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StartseiteForschung aktuellDramatischer Gletscherschwund in den Alpen28.02.2019

KlimawandelDramatischer Gletscherschwund in den Alpen

Es gibt kaum eine Gegend, in der sich der Klimawandel deutlicher bemerkbar macht als im ehemals ewigen Eis. Je stärker die Temperaturen steigen, desto weiter ziehen sich die Gletscher zurück. Jetzt haben Forscher die Entwicklung der Europäischen Alpengletscher bis zum Jahr 2100 modelliert.

Von Monika Seynsche

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Mer de Glace ("Eismeer") ist der größte Gletscher Frankreichs und seine Oberfläche zu großen Teilen mit Schutt bedeckt.  (Dirk Scherler / GFZ)
Die Gletscher der Europäischen Alpen könnten bis zum Jahr 2100 fast komplett verschwinden (Dirk Scherler / GFZ)
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Dort wo noch vor wenigen Jahrzehnten mächtige Eismassen ganze Alpentäler füllten, erstrecken sich heute leere, graue steindurchsetzte Ebenen. Hunderte von Metern haben sich viele Gletscherzungen in den Europäischen Alpen schon zurückgezogen. Harry Zekollari und seine Kollegen modellieren genau diese Bewegungen des Eises. Sie haben ihr Eisflussmodell gefüttert mit den Daten verschiedener aktueller Klimaszenarien.

"Wenn wir ein Szenario mit einer nur leichten Erwärmung des Klimas von 1,5 bis 2 Grad Celsius gegenüber der Periode 1960 bis 1990 zugrunde legen, könnte am Ende dieses Jahrhunderts noch etwas Eis in den Alpen übrig bleiben. Mit etwas Eis meine ich circa ein Drittel der aktuellen Eismassen."

Bei starker Erwärmung könnten die Gletscher fast komplett schwinden

Erwärmt sich das Klima dagegen stärker und steigen die Temperaturen in den Alpen um 4, 5 oder gar 6 Grad gegenüber dem Vergleichszeitraum, zeigt Harry Zekollaris Eisflussmodell ein anderes Bild.

"Wenn wir von einem Szenario mit einer so starken Erwärmung ausgehen, werden die Alpen nahezu eisfrei sein. 2100 wären dann noch höchstens 5 Prozent des heutigen Eisvolumens übrig. Das wären keine richtigen Gletscher mehr, sondern nur noch vereinzelte Eisflächen in großen Höhen."

Die Gletscher der Alpen sind nicht nur wichtig für den Tourismus und die Skiindustrie, sie stellen auch einen bedeutenden Wasserspeicher dar. Verschwinden sie durch eine starke Klimaerwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts fast komplett, wird sich das Wasserregime all der Flüsse verändern, die sich aus den Alpen speisen. Wasserknappheit im Sommer wäre die Folge..

"Ich denke, in den Alpen wird man mit dem fehlenden Gletscherwasser wahrscheinlich noch zurechtkommen. Hier trifft es reiche Gesellschaften, die sich anpassen können. Wesentlich problematischer wird der Gletscherschwund in Gegenden wie dem Himalaja oder den Anden sein. Dort sind sehr viele Menschen absolut abhängig von den Gletschern, die in den heißesten und trockensten Perioden des Jahres das dringend benötigte Wasser liefern. Wenn die Gletscher komplett verschwinden, wird es dort zu einer sehr gravierenden Wasserknappheit kommen."

Ein großes Problem für arme Weltregionen

Harry Zekollaris Eisflussmodell liefert nur Projektionen für die europäischen Alpen. Der Trend aber sei in allen Gletscherregionen der Welt der gleiche, sagt Karen Cameron von der Aberystwyth University in Großbritannien.

"Wir wissen, dass die Gletscher und Eispanzer der Welt zurzeit in einem beispiellosen Tempo schmelzen. Und alle Indizien deuten darauf hin, dass sich dieser Schwund in Zukunft noch beschleunigen wird. Mich interessiert dabei, wie sich die Gletscherschmelze auf die Mikroorganismen auswirkt, die auf dem Eis leben."

Bakterien, Algen und andere Kleinstlebewesen siedeln auf, im und unter dem Eis. Einige produzieren Methan, andere setzen Nährstoffe frei, die von Tieren oder Pflanzen genutzt werden können. Durch die Gletscherschmelze verändern sich die Lebensbedingungen dieser Mikroorganismen. Und das könnte Auswirkungen auf die gesamte Umgebung der Gletscher bis hinein in die Ozeane haben.

Gletscherschmelze verändert auch die Ozeane

"Wir wissen heute schon, dass durch die Gletscherschmelze mehr Sediment, mehr gelöste Stoffe und mehr Mikroorganismen freigesetzt werden und die tiefergelegenen Regionen verändern. In unserem Untersuchungsgebiet in Grönland könnte so zusätzliches Eisen in die Fjorde gelangen. Das würde die kleinsten Pflanzen im Wasser düngen und so deren Photosyntheseleistung verändern. Insgesamt gerät durch die Gletscherschmelze alles in Bewegung. Ein Prozess beeinflusst den anderen."

Wie stark die Umwälzungen sein werden, hängt in allererster Linie vom Verhalten der Menschheit ab. Davon, wieviel Kohlendioxid sie noch in die Atmosphäre pumpt.

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