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StartseiteWissenschaft im BrennpunktBangladesch zwischen Hitzetoten und Zyklonen02.08.2020

Klimawandel und GesundheitBangladesch zwischen Hitzetoten und Zyklonen

Zuletzt sah es so aus, als könnte Bangladesch mit Dämmen und Deichen Zyklonen und Überschwemmungen trotzen. Diese Hoffnung zerrinnt, seit der Klimawandel nicht nur das Land, sondern auch die Gesundheit bedroht. Doch Bangladesch lebt seit jeher mit dem Wasser. Vielleicht gelingt es auch diesmal, sich anzupassen.

Von Mathias Tertilt

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Ein Damm, der gleichzeitig als Straße fungiert - links und im Hintergrund ein Dorf, rechts das Wasser (Mathias Tertilt)
Bangladesch lebt mit dem Wasser - es ist Lebensspender und Bedrohung zugleich (Mathias Tertilt)
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"Im Westen versuchen wir uns gerade auszumalen, wie unsere Welt mit zwei oder drei Grad mehr aussehen wird. In Bangladesch können sie den Klimawandel längst spüren."

Der Klimawandel sei die größte Bedrohung für die Gesundheit im 21. Jahrhundert, hört man seit geraumer Zeit. Aber stimmt das denn wirklich? Vielleicht können sich die Gesellschaften anpassen und irgendwie zurechtkommen.

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

"Seit einigen Jahren häufen sich die Wirbelstürme und bedrohen das Leben der Einwohner."

Ein Land, in dem die Menschen schon immer mit dem Wasser leben, ist Bangladesch. Für Überschwemmungen und Monsunregen haben sie Lösungen gefunden. Die Lebenserwartung liegt heute bei 72 Jahren, die Impfquoten bei 90 Prozent und bei der Säuglingssterblichkeit hat sich Bangladesch im weltweiten Vergleich von den hintersten Plätzen auf Rang 45 vorgearbeitet. Jetzt trifft sie der Klimawandel.

Der Fluss hat die Häuser weggespült

Für Moto-Rikschas ist der Weg zu Ende, hier am Rande von Dacope. Wer weiter will, steigt aufs Wasser um. Ruhig fließt der Pasur, breiter als das langgezogene Dorf. Flussabwärts wird er irgendwann durch die Mangrovenwälder fließen und in den indischen Ozean münden. Ein schmales Holzboot bringt mich auf die andere Seite des Flusses. Dort, am Ufer, wartet Satyendra Nath.

Satyendra Nath deutet auf die Wasserfläche in den Hintergrund - dort standen seine drei früheren Häuser (Mathias Tertilt)Satyendra Nath hat sein Haus mehrfach an Fluten und steigende Flusspegel verloren (Mathias Tertilt)

"Das erste Haus war da, wo jetzt der Fluss verläuft. Das zweite ist auch weggespült worden und wir stehen jetzt dort, wo das dritte war."

Nath dreht sich vom Fluss weg und steigt zielstrebig einen meterhohen Damm hoch, wenige Meter dahinter liegt jetzt sein viertes Haus. Auf einer schlecht gepflasterten Straße geht es weiter, vorbei an einem großen, zweistöckigen Haus. Die Schule, erzählt er, ist gleichzeitig ein Schutzbunker vor der Flut.

Bangladesch kennt hunderte Wörter für Überschwemmung und Flut; etwa Barscha, die jährlichen Monsunregen, die die Felder bewässern, und Bonna, ungewöhnliche, zerstörerische Fluten. Die hatten eigentlich schon ihren Schrecken verloren. Noch in den 80ern starben beinahe 200.000 Menschen in den Fluten. Doch heute gibt es 2.500 Schutzbunker. Das ganze Land wurde eingedeicht. Bei der letzten Flut starben gerade einmal 36 Menschen. Nun aber scheint das Übel zurückzukehren.

Salz im Boden verdirbt die Reisernte

Andere Männer schließen sich uns an, denn was Nath erzählt, betrifft sie alle. Links liegen die Reisfelder. Die letzten. Sie ernten immer weniger, sagt Nath.

"Die Reisernte von unseren Feldern reicht nicht aus. Wir müssen Reis kaufen, um zu überleben. Die Regierung gibt uns Essenskarten, damit können wir für 10 Taka pro Kilo zusätzlichen Reis kaufen."

Ein Fünftel des Marktpreises. Dass Reisbauern Reis kaufen müssen, liegt daran, dass der Boden salzig geworden ist.

Ein Reisbauer hält ein Bündel mit geschädigten Reisähren im Arm (Mathias Tertilt)Karge Ausbeute: Immer mehr Reisbauern verlieren ihre Ernte (Mathias Tertilt)

"Unsere Ernte ist seit 2009, seit dem Zyklon Aila stark zurückgegangen. Die Dämme sind gebrochen und unser ganzes Land wurde mit salzigem Wasser geflutet."

70 Kilometer sind es vom Indischen Ozean bis hierhin. Die Zyklone, die so typisch sind für Bangladesch, transportieren das salzhaltige Meerwasser bis ins Dorf und noch weiter ins Landesinnere. Nath und die übrigen Männer beobachten, dass sich etwas verändert. Sechs Jahreszeiten unterscheidet man eigentlich in Bangladesch, nach ihnen sät man die Reiskörner und erntet. Doch heute gebe es nur noch drei Jahreszeiten, man könne nichts mehr vorhersagen.

Bauern müssen woanders Arbeit suchen

Die Männer, die hier aufgeregt durcheinander sprechen und sich Gehör verschaffen wollen, sind die, die noch ausharren. Andere sind längst weg:

"Jeder Vierte ist nach Indien ausgewandert. Und viele andere Männer sind wegen der Arbeit weggegangen und haben ihre Familien hiergelassen. Die meisten, die noch hier leben, arbeiten nicht mehr auf den Feldern, sondern woanders, zum Beispiel in Steinfabriken."

Dieses Schicksal hat auch Nath getroffen.

"Von fünf Brüdern lebe nur noch ich hier. "

Für Bangladesch mit seinen 160 Millionen Einwohnern ist der Klimawandel ein existentielles Problem. Ein Teil des Landes liegt nicht einmal einen Meter über dem Meeresspiegel, der Großteil nicht mehr als fünf Meter. In wenigen Jahrzehnten ist der Meeresspiegel um 35 Zentimeter gestiegen. Forscher sagen voraus, dass daraus bis Ende des Jahrhunderts mindestens ein Meter wird. In der Theorie, ohne Deiche und Dämme, würde das bereits 20 Prozent von Bangladesch dauerhaft überschwemmen.

Versalzung hat mehrere Ursachen

Den Meeresspiegelanstieg für das ganze Salz auf den Feldern verantwortlich zu machen, das ist für den Hydrologen Ainun Nishat von der BRAC Universität in Dhaka allerdings zu einfach:

"Es sind drei Faktoren: Der erste Faktor ist, dass seit dem Bau des Staudamms in Indien 1975 immer weniger Süßwasser fließt. Das ist der Hauptgrund. Dazu kommt zweitens der Anstieg des Meeresspiegels. Drittens sind es die Zyklone, die Salzwasser vom Meer her landwärts treiben."

Der Farrakhe-Staudamm im Südosten Indiens hat den Wasserstrom des Ganges stark reduziert. Was er an Sediment sonst bis an die Küste spülte, füllte im Flussdelta die erodierten Flächen wieder auf. Jetzt aber setzt es sich schon auf dem Weg ab - das Flussbett verflacht und es fließt noch weniger Wasser. Der Wasserstrom ist jedoch wie ein Bollwerk, das ständig gegen das Meerwasser drückt. Je weniger Wasser fließt, desto leichter strömt das Meer landeinwärts. Klimawandel und Meeresspiegelanstieg haben die Versalzung nicht verursacht, aber sie verschärfen das Problem. Und die Menschen müssen damit umgehen. Nicht alle vertrauen ihre Zukunft weiterhin dem Reis an.

Reisbauern werden Fisch- und Shrimp-Züchter

Der Bus Richtung Mongla führt vorbei an den kilometerweiten flachen Landschaften Bangladeschs. Der Reis ist oftmals gelb, ungesund, wohl von Parasiten befallen, und je südlicher wir kommen, desto seltener werden die Reisfelder, desto häufiger Mangrovenbäume und andere Baumarten, die salziges Wasser aushalten. In Mongla angekommen, spiegeln sich riesige Flächen links und rechts. Aus ihnen ragt kein Reishalm. Neben der Straße hockt Ananda Biswas, ein Mann Ende 60. Er weiß noch, wie es hier früher aussah:

"Vor 40 Jahren hatten wir zehn Monate im Jahr Süßwasser, das Salzwasser kam nur für zwei Monate."

Shrimp-Farmer Ananda Biswas sitzt vor einem ins Wasser hineinragenden Steg mit Netzen an der Seite (Mathias Tertilt)Einst wurde hier Reis angebaut - jetzt züchten die Menschen Schrimps (Mathias Tertilt)

Früher hat er Reis angebaut, heute züchtet er Fisch und Shrimps – wie alle hier. Immer mehr Bauern oder Landeigner haben über die Jahre ihre Felder mit salzreichem Wasser geflutet. Seit den 90er-Jahren hat sich das Exportvolumen von Shrimp und Fisch in Bangladesch auf über 630 Millionen US-Dollar mehr als verdoppelt. Die Schrimp-Farmer sind aber nicht nur Symptom, sondern auch Ursache der Versalzung. Sie haben das salzige Wasser immer weiter landeinwärts gepumpt. Stand jetzt: von 2,8 Millionen Hektar küstennaher Gebiete ist fast die Hälfte betroffen.

Menschen müssen salziges Wasser trinken

Selbst hier in Mongla, direkt am Fluss, ist das ein Problem. Vor dem Haus von Purnima Nath steht ein großer Tank, in dem die Familie während des Monsuns das Regenwasser sammelt, seit sie nicht mehr aus dem Fluss oder dem Brunnen im Dorf trinken kann.

"Wir sammeln das Regenwasser, wir haben zwar 1.000 Liter, aber wenn wir nur das trinken, dann wäre es schnell leer. Wir haben schon die Hälfte getrunken, es ist in einem Monat vermutlich leer."

 Purnima Nath steht neben ihrem Haus hinter einem schwarzen Tank mit Süßwasser (Mathias Tertilt)Die Bewohner der Küstenregion sammeln Süßwasser in großen Tanks (Mathias Tertilt)

Während sie das sagt, fehlen noch sechs Monate bis zum nächsten Regen. Sie werden salziges Wasser trinken müssen. Die Menschen nehmen hier allein mit dem Wasser dreimal so viel Salz auf, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

Gesundheitsrisiko besonders für Schwangere

Sontosh Kumar Mojumder ist Gynäkologe im nahegelegenen Krankenhaus in Dacope. Mit anderen Ärzten und Wissenschaftlern hat er vor Jahren schon untersucht, ob das salzhaltige Wasser gesundheitliche Auswirkungen auf schwangere Frauen hat. Er zeigt auf ein Plakat an der Wand.

"Bei der Präeklampsie schwellen die Beine, der Körper, die Hände an. Die Frauen haben Kopfschmerzen, die Sicht verschwimmt. Und wenn es akuter wird, wird es Eklampsie. Es kommt zu vorzeitigen Wehen und Früh- und Fehlgeburten."

Das Krankenhaus ist immer überfüllt. Die meisten liegen hier mit Kreislaufproblemen, Bluthochdruck und Folgeerkrankungen. Nach ihrer Studie haben Majumder und seine Kollegen sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet, es hat sich schnell herumgesprochen, welche Auswirkungen das Salz für schwangere Frauen haben kann. Die Aufklärungsarbeit in der Region scheint sich gelohnt zu haben. Aktuell kenne er keinen Eklampsie-Fall mehr.

Doch das Problem wird sich weiter verschärfen, schätzt der Hydrologe Nishat:

"Vor 100 Jahren war der ganze Südwesten noch ein Süßwasser-Ökosystem, mittlerweile ist er salzig. In vielleicht 30 oder 40 Jahren werden wir dort überall den Salzgehalt des Meeres haben."

Auch Magnesium und Kalium könnten eine Rolle spielen  

Nishats Wirkungsort ist die Hauptstadt Dhaka. Ein Drittel der Fläche von Köln, aber 21 Millionen Einwohner. Eine der größten und am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Täglich versinkt die Stadt im Dunst aus Abgasen und Rauch, das Atmen fällt schwer, die Lunge verweigert sich. Mitten im Stadtzentrum, im Mohakhali-Viertel, steht das International Centre of Diarrheal Disease Research (ICDDRb), das weltweit einzige Cholera-Krankenhaus und nebenan ein Forschungsinstitut. Hier untersuchen Forscher seit Jahren die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit, suchen Zusammenhänge und Ursachen.

Manzoor Hanifi hat an zwei Kohorten einen Einfluss von Salz auf die Bevölkerung gefunden. Auch er fand: Je salziger das Trinkwasser, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten. Doch die simple Schuldzuweisung Klimawandel – Meeresspiegel - Salz teilt er nicht. Er sieht eine Korrelation, keine eindeutige Ursache. Auch Mineralien wie Magnesium oder Kalium könnten zu Mangelernährung und Gesundheitsproblemen führen, das zeigten auch andere Studien. Demnach hänge der Blutdruck stärker mit diesen Konzentrationen zusammen als mit dem Salz im Trinkwasser. Trotzdem müsse das weiter untersucht warden, sagt Hanifi:

"Man sieht die Effekte des Klimawandels erst langsam, aber sie sind irgendwann sehr groß. Wenn wir jetzt nichts tun, können wir sie nicht verhindern. Wir müssen viel stärker am Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit arbeiten und forschen, aber niemand geht die Sache an."

Eins stehe aber fest, sagt Hanifi:

"Immer ist Wasser das Problem, anfangs haben die Menschen dasselbe Wasser getrunken, in dem sie gebadet haben, dann hat man das Schwermetall Arsen gefunden und jetzt ist das Trinkwasser versalzen. Wasser bleibt ein Problem."

Temperaturanstieg begünstigt Krankheitserreger

Die Temperaturen in Bangladesch sind im letzten Jahrhundert um fast ein Grad gestiegen. In Dhaka liegen sie mit 26 Grad nochmal zwei Grad über der des Umlandes. Gleichzeitig werden die Regenfälle extremer. Diese Kombination bietet für viele Krankheitsüberträger beste Bedingungen. Kurze, starke Regenfälle erzeugen Millionen Brutstätten von Moskitos.

2019 erlebte Bangladesch den schlimmsten Dengue-Ausbruch seit Beginn der Aufzeichnungen. 20.000 Menschen wurden infiziert, vorher waren es selten mehr als 3.000. Plötzliche, kurze Regenfälle trafen die Stadt völlig unvorbereitet. Auch die Malaria dringt weiter ins Landesinnere vor, von der schmerzhaften Infektion mit Chikungunya können immer mehr Menschen erzählen.

Und selbst eine Krankheit, die man in Bangladesch seit Jahrzehnten erbittert bekämpft, verzeichnet einen neuen Anstieg: die Cholera. Sie lauert vor allem in Ritzen und Spalten der Slums. Weniger als ein Fünftel der Abwässer der 20-Millionen-Metropole wird gereinigt. Während des Monsunregens schwemmen die Wassermassen die gefährlichen Darmerreger aus und verteilen sie. Bis zu 250.000 Menschen infizieren sich in Bangladesch jedes Jahr damit, mehr als 4.500 Menschen sterben daran – mehr als 100 Mal so viele wie in den stärksten Überschwemmungen zuletzt ertrunken sind.

Im Dauerkampf gegen die Cholera

In den warm-trockenen Phasen vermehren sich die Bakterien extrem schnell, die Regenfälle spülen sie dann durch die gesamte Stadt. Das Cholera-Krankenhaus kämpft jeden Tag des Jahres gegen die häufigen Durchfallerkrankungen.

Dr. Azharul Islam Khan leitet die Einrichtung. Es ist noch früh am Morgen, aber minütlich fahren Autos und Rikschas auf den Vorhof, die Menschen drängeln.

Chefarzt Azharul Islam Khan im weißen Kittel spricht mit einer Cholerapatienten im Cholerakrankenhaus, International Centre for Diarrhoeal Disease Research, Bangladesh (icddr,b) Dhaka (Mathias Tertilt)Chefarzt Azharul Islam Khan bei der Patientenvisite (Mathias Tertilt)

"Die Leute wollen alle rein, aber wir erlauben nur einen Angehörigen pro Patient. Stellen Sie sich vor, wir haben immer 500 bis 600 Patienten, allein mit einem Angehörigen sind das mehr als 1000 Menschen. Mehr geht einfach nicht."

Die meisten drängen sich um die Anmeldung. Hier muss schnell entschieden werden, ob es besonders schwere Fälle sind.

"Wir nennen es Notfall, weil schwerer Durchfall die Patienten dehydriert. Also kommen sie aufs Bett und bekommen sofort intravenös Flüssigkeit. So rettet man Leben."

Für jeden Patienten bleiben nur wenige Minuten.

"Jede Stunde schreiben wir hier auf das Board, wie viele Patienten kommen. So kriegen wir ein Gefühl dafür, ob es sich um einen Ausbruch handelt. So können wir zusätzliche Ärzte, Schwestern, Putzkräfte und Helfer organisieren."

An einer Tafel hängt eine Papiertabelle, in den horizontalen Reihen die Uhrzeiten von 5 bis 21Uhr, in den sekrechten Spalten die eingetragenen Fallzahlen (Mathias Tertilt)Cholera-Einsatz im Akkord: Die Papiertabelle mit den Patientenzahlen (Mathias Tertilt)

Er blickt auf die Zahlen vom gestrigen Abend.

"Wir hatten 872 Patienten. Das ist jetzt ein Ausbruch."

Pragmatische Lösung für Durchfallpatienten

Mehr als 220.000 Patienten werden hier wie am Fließband betreut und behandelt, die meisten bleiben 24 Stunden. Viele können mit Medikamenten versorgt auch zuhause gesund werden.

Khan führt durch die Säle, die eher an Feldlazarette erinnern. Es steht Bett an Bett.

"Wir können die internationalen Standards beim Bettenabstand unmöglich einhalten."

Die Klappbetten bestehen aus einer Handvoll Holzleisten, die Patienten liegen dann auf einer dicken Plastikplane, in der Mitte ist ein Loch hineingeschnitten.

"Das Loch in der Mitte - stellen Sie sich vor, Sie haben Cholera und es fließt ständig Wasser aus dem Darm als würden Sie einen Wasserhahn mit vollem Strahl öffnen. Die Patienten sind so schwach, sie können nirgendwohin. Das ist der einzige Weg, wie man noch etwas Komfort hat. Der Stuhl fließt durch und landet im Eimer."

In einem Krankensaal im Cholerakrankenhaus, International Centre for Diarrhoeal Disease Research, Bangladesh (icddr,b) in Dhaka stehen dicht nebeneinander Betten mit Metallrahmen und rotem Gummibezügen mit einem Loch in der Mitte. An den belegten Betten stehen Angehörige der Patienten. (Mathias Tertilt)Blick in den Krankensaal mit den Betten für Cholera-Patienten (Mathias Tertilt)

Pro Stunde können es mehrere Liter sein. Die Eimer werden von umher rennenden Helfern im Akkord ausgetauscht. Das dient auch dazu, zu wissen, wie viel Flüssigkeit die Patienten wieder brauchen. Dr. Khan unterhält sich mit einer Mutter, deren erkranktes Kind schwach in ihren Armen liegt. Etwa ein Drittel aller Kinder ist unterernährt, das macht Cholera besonders gefährlich.

"Das ist ein Fall von persistentem Durchfall, der schon 25 Tage auftritt. Ab 14 Tagen liegt da eine besondere Ursache vor, eine Krankheit, eine Unverträglichkeit, eine Kontamination. Aber sie glaubt nicht, dass das Kind schmutziges Wasser getrunken hat."

Große Fortschritte bei medizinischer Grundversorgung

Oft wissen die Patienten nicht, was die Ursache für die häufigen Durchfallerkrankungen sind. Die Wissenschaftler des ICDDRb beobachten und betreuen daher Patienten der Slums auch daheim, klären über das Händewaschen und Wasseraufbereiten auf. Ein bisschen hilft es, sagen die Forscher. Bis die nächste Überschwemmung kommt und die Cholera ausbricht.

In einem Slumbezirk Dhakas sitzen zwei Gesundheitsmitarbeiter in einem kleinen Raum auf dem Bett. Die Decke ist kaum sichtbar, so viele Zettel und Dokumente liegen um sie herum. Sie sind verantwortlich dafür, dass auch dieser Teil der Bevölkerung die medizinische Grundversorgung bekommt.

Ein Gang im Krankenhaus in Khulna, links liegt eine Patientin im Bett, rechts geht eine Mutter mit Kind an der Hand. Im Hintergrund wartende Angehörige (Mathias Tertilt)Patienten und Angehörige im Krankenhaus in Khulna (Mathias Tertilt)

90 Prozent der Bevölkerung ist geimpft, Polio und andere Armutskrankheiten sind selbst in den Slums ausgerottet, die Kindersterblichkeit ist in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert worden. Das Gesundheitssystem erreicht auch viele entlegene Dörfer. Bangladesch hat große Fortschritte gemacht. Doch nun muss es vollständig umdenken, sagt Dr. Quamrum Nahar, die am ICCDRb die Abteilung für Klimawandel und Gesundheit leitet. Schon jetzt kommen die nicht infektiösen Wohlstandskrankheiten hinzu und es droht noch mehr, sagt sie.

"Wir bekommen eine doppelte Belastung. Wir haben Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und andere Probleme. Mit dem Klimawandel kommt so etwas wie Hitzestress hinzu. Das wird ein großes Problem vor allem für die Städte und es leben ja immer mehr Menschen in den Städten."

Vergiftete Luft, krankmachendes Wasser in der Hauptstadt

Die Ärztin hält Bangladesch für nicht ausreichend vorbereitet auf das, was sich bereits abzeichnet. Daten aus dem benachbarten Indien zeigen, dass die Zahl der Hitzetoten seit 30 Jahren stetig zunimmt – und zuletzt drei Mal höher lag.

"Ehrlich gesagt sehe ich nicht, dass man auch in diese Richtung denkt. Unsere Regierung ist noch damit beschäftigt, Mutter- und Kindersterblichkeit zu senken. Auf die neue Entwicklung ist unser Gesundheitssystem nicht vorbereitet. Und wenn man sich die politischen Programme zur Anpassung an den Klimawandel anschaut, dann ist Gesundheit dort völlig vernachlässigt. Das Wort Gesundheit steht im ganzen Dokument nur zwei Mal."

Auf einer Straße stehen links Autobusse, rechts Passanten und Fahrrad-Rikschas (Mathias Tertilt)Immer mehr Menschen zieht es in die Hauptstadt Dhaka (Mathias Tertilt)

Immer mehr Menschen strömen aus allen Himmelsrichtungen nach Dhaka. Sie wohnen in verwinkelten Slums, teilen sich zu siebt ein Bett und leben von einem Tag auf den anderen. Die Atemluft ist Schwermetall-vergiftet, die Abwässer voller Pathogene – davor schützt keine Spritze. Über viele versteckte Umwege könnte der Klimawandel jahrzehntelange gesundheitliche Erfolge zunichtemachen.

Psychische Belastungen für die Bevölkerung nehmen zu

Hinzu kommen die psychischen Belastungen, sagt der Psychiater Helal Uddin Ahmed. Er hat bei Untersuchungen festgestellt, dass die meisten Menschen mit den häufigen Überflutungen nicht umgehen können.

"Der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen für die psychische Gesundheit. Aber wir haben auch gesehen, dass die Menschen aus den Küstengebieten damit besser umgehen können, weil sie schon immer mit den Widrigkeiten der Natur leben. Menschen im Inland sind anfälliger."

Fliehen die Küstenbewohner aber in die Städte, stehen sie vor neuen Herausforderungen. Städte bedeuten Stress – und ein Risiko für die Psyche, sagt Ahmed. Über das Ausmaß lernt er immer mehr. 2018 haben Ahmed und andere Forscher erstmals die mentale Gesundheit der Bevölkerung systematisch untersucht. Demnach leidet fast jeder fünfte Erwachsene und bereits jedes sechste Kind an psychischen Problemen. Auf sie müsse man besonders achten, sagt Ahmed:

"Kinder und Jugendliche sind anfälliger für mentale Krankheiten, das haben neueste Bewertungen gezeigt, die Hälfte aller psychischen Störungen beginnt vor dem 25. Lebensjahr. Diese Menschen müssen wir besonders schützen."

Forscher prognostizieren, dass rund 20 Millionen Menschen in Bangladesch durch den Klimawandel vertrieben werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit machen sie lange, anstrengende oder gar traumatische Erlebnisse durch. Die Regierung investiert bereits in Aufklärungskampagnen, damit sich die Menschen an die Ärzte wenden – und schaffen sich damit ein weiteres Problem, sagt Ahmed:

"Die Leuten kommen tatsächlich und wir sind darauf gar nicht vorbereitet. Wir sind 250 Psychiater und 100 Psychologen im ganzen Land."

Planungen werden auf den Klimawandel angepasst

Atiq Rahman sieht durchaus die Erfolge seines Landes, die der Klimawandel jetzt gefährdet:

"Die Kinder- und Muttersterblichkeit wurde signifikant reduziert, die Lebenserwartung ist gestiegen, alles zeigt, dass uns heute besser geht. Aber die niedrigsten Früchte sind die einfachsten. Wir haben jetzt die einfachsten Maßnahmen getroffen, etwa die medizinische Versorgung ausgeweitet."

Dem Klimawandel zu begegnen ist komplexer. Rahman fordert daher ein radikales Umdenken, in allen Bereichen:

"Der Klimawandel muss Teil der Bildung werden, Teil der Sozialplanung, Teil unseres ganzen Denkens. Und wir haben keine Wahl, denn der Klimawandel wird morgen nicht vorbei sein."

Auf einem Damm begegnet eine Motorrad-Rikscha mit Passagieren einem Kleinfahrzeug (Mathias Tertilt)Die Menschen in Bangladesch leben mit dem Wasser - Dämme fungieren als Straße (Mathias Tertilt)

Die Politik weiß um die Veränderungen, die das Land und das Leben in Bangladesch jetzt und in der Zukunft umkrempeln. Bangladesch ist seit 2005 das erste Land, das einen nationalen Aktionsplan gegen den Klimawandel beschlossen hat. Gerade wird er zum zweiten Mal aktualisiert. Fast alles wird nun auf den Klimawandel angepasst. Neue Straßen sind gleichzeitig als Dämme geplant, alle neuen Schulgebäude auf dem Land sind gleichzeitig Hochwasserbunker.

Gleichzeitig hat sich die Politik der vergangenen Jahre völlig verändert. Früher hat Atiq Rahman das ganze Land mit Deichen durchzogen, sie sollten die Katastrophen wie Überflutung vermeiden. Heute geht es darum, flexibel zu sein. Wenn Trinkwasser fehlt, sollen die Bewohner mehr Regenwasser sammeln. Wenn Reis nicht funktioniert, ermutigt man die Leute, ihr Auskommen mit anderem Getreide, Früchten oder Hühnchen zu bestreiten. Wichtig sei es, zu diversifizieren und kreativ zu werden.

Leben mit den Überschwemmungen

Nordöstlich von Bangladesch entspringt der mächtige Brahmaputra dem Himalaya. Er zählt zu den wasserreichsten Flüssen der Erde. Die Hitze des Klimawandels hat die Gletscher um ein Fünftel abgetragen und die Wassermassen anschwellen lassen.

In der Nähe von Kurigram verzweigt sich der Fluss in ein kilometerbreites Geäst aus Nebenläufen, die durch kleine, flache Inseln, die "Chars" getrennt sind. Hier leben rund zehn Millionen Menschen. Eine davon ist Hasne Ara Begum mit ihrer sechsköpfigen Familie. Sie fegt den kleinen Hof vor ihrem Wellblechhaus:

"Wir leben hier seit sieben Jahren. Davor wohnten wir auf der anderen Seite, aber unser Haus wurde überschwemmt und wir mussten von vorn anfangen. Ich bin daran gewöhnt, in den letzten 17 Jahren wurde unser Haus drei Mal zerstört. Und wir mussten jedes Mal woanders hinziehen."

Rundherum die Felder, von denen sie leben. Die Familie will nicht wie viele andere wegziehen, auch wenn der Neuanfang teuer ist. Manchmal muss sie das Land mieten, mal kaufen, erzählt Hasne. Die Familie verdient ihr Geld vollständig mit der Reisernte, so wie die Generationen vor ihnen. Doch seit einigen Jahren, sagt Hasne, hat sich das Klima verändert. Auch hier ist das traditionelle Wissen nutzlos. Sie erzählt uns, dass sie den Monsunregen zwischen März und Juni erwartet, aber mittlerweile komme er meist zu spät, manchmal zu früh. Manchmal dauere er nur sehr kurz, manchmal sehr lang. Zuverlässige Vorhersagen seien unmöglich.

Von einer "guten" Flut im Jahr zu drei "bösen"

Plötzliche und unerwartete Regenfälle sind für Bangladesch oft katastrophal. 2017 haben Starkregenereignisse im Nordosten des Landes zu großen Überschwemmungen geführt. Die Ernte ging verloren. Bangladesch musste Reis importieren. Für die Bauern steht die Existenz auf dem Spiel, das Einkommen sowieso. Ob Hasne ihre Kinder zum Arzt bringen kann, ist auch eine Geldfrage:

"Wir mussten vorher bis nach Chilmari zum Arzt. Wir sind aber nur los, wenn es um Leben und Tod ging. Es kostet 1000 Taka, deshalb waren wir es nicht gewohnt, zum Arzt zu gehen."

Früher war eine Flut pro Jahr üblich, Barsha, die gute, Fruchtbarkeit spendende Flut. In den letzten Jahren gab es zwei oder drei pro Jahr, Bonna. Die Menschen mussten manchmal zwei Wochen in die Flutbunker, die Ernte war verloren, das Haus im besten Fall nur feucht. Im schlimmsten Fall rissen die Fluten ganze Dörfer oder Inseln mit. Sozial und wirtschaftlich werden die Menschen zurückgeworfen, sagt auch Wissenschaftler Atiq Rahman:

"Die Naturkatastrophe schlägt zu und die Menschen verlieren ihre Ernte. Das Haus steht unter Wasser. Es ist als würden sie in der Zeit zurückreisen. Der Klimawandel verursacht den Zyklon nicht, aber er verstärkt ihn und wenn man immer wieder getroffen wird, dann steigt das Einkommen nicht, es sinkt am Ende."

Krankenhaus-Schiffe versorgen die Inseln im Flussdelta

Der Klimawandel führt zu Armut und Armut gefährdet die Gesundheit. Über diese komplexen Zusammenhänge gefährdet der Klimawandel ein gesundes Leben. Kinder mit Klumpfüßen können nie richtig laufen, werden nie vollends auf den Feldern arbeiten, ältere Menschen sehen nicht mehr gut genug, um der Familie zu helfen. Einfache Eingriffe könnten das ändern, doch auf den Chars gibt es so gut wie keine Ärzte mehr.

In den Trockenmonaten ist der Boden porös, das Wasser nagt stetig daran. Sobald der Fluss wegen der Gletscherschmelze oder Regenfällen anschwillt, reißt das Wasser die Erde und ganze Inseln mit sich. In den vergangenen Jahrzehnten bedeutete das auch das Ende von schätzungsweise 15.000 Gesundheitseinrichtungen. Die Regierung hat die Menschen im Grunde aufgegeben.

Patienten warten am Ufer vor dem Friendship- Krankenhausschiff, eine Person betritt das Schiff gerade über einen Metallsteg (Mathias Tertilt)Patienten warten vor dem Friendship-Krankenhausschiff (Mathias Tertilt)

Sie mussten für jede Diagnose immer aufs Festland – immerhin: Hier in Kurigramm hat sich das geändert. Dr. Shafiul Azams weißer Kittel geht im dichten Nebel fast unter. Der Boden schwankt ganz leicht. Er steht auf seiner Ambulanz, einem Krankenhausschiff – das trotz der Fluten die medizinische Versorgung gewährleisten soll. Die bangladeschische NGO "Friendship" betreibt mehrere solcher Schiffe in den vulnerablen Regionen.

"120 bis 160 Patienten sehen wir hier jeden Tag. Das ist eine neue Anlegestelle. Das Boot liegt hier seit 15 Tagen, daher sind noch nicht so viele Leute da. Die Menschen kommen mit dem Boot von den anderen Inseln."

Enge Beziehung zum Wasser 

Fortpflanzungsmedizin, Augen-OPs, Röntgengeräte und ein vollausgestattetes Labor – mittlerweile ist die medizinische Versorgung weitaus umfangreicher als in den meisten Dörfern auf dem Festland. Von Deck blickt Azam auf mehrere Wellblechhütten, die am Ufer errichtet wurden. Hier können Patienten übernachten, wenn sie nach Eingriffen, etwa der Operation eines Grauen Stars, für mehrere Stunden oder Tage beobachtet werden müssen. Es sind einfache Konstruktionen, denn sie müssen mobil sein.

Shaiful Azam steht im weißen Kittel im Wartebereich des Krankenhausboot, im Hintergrund Patienten (Mathias Tertilt)Dr. Shaiful Azam auf dem Krankenhausboot (Mathias Tertilt)

Je nach Wetter, Wasserstand und Erosion ziehen die Helfer weiter. Auch das Ufer, das steil aus dem Wasser ragt, zeigt erste Risse. Obwohl das Schiff nur wenige Tage hier angelegt hat. Dass sie hier lange ankern, ist nicht gesagt.

"Wir sollen mindestens zwei Monate an Ort und Stelle bleiben. Das versuchen wir zumindest. Es klappt nicht immer."

Mehr als 80.000 Patienten behandelt das Ärzteteam auf den Schiffen jedes Jahr.

Die Methode hat sich bewährt. Und so ist es überall in Bangladesch: die Leute suchen nach Lösungen und oft finden sie welche. Sie halten den Naturgewalten stand, haben noch immer eine enge Beziehung zum Wasser, das Bangladesch ernährt.

Am Ende wird sich zeigen, ob sie noch immer von Barsha sprechen, oder nur noch von Bonna, den gefährlichen Fluten.

Nachtrag: Die Recherche zu dieser Reportage fand Ende 2019 statt. Im Mai traf Super-Zyklon Amphan auf Bangladesch. Mehr als fünf Millionen Menschen wurden evakuiert oder verkrochen sich in Schutzbunkern. In den darauffolgenden Wochen stiegen die Corona-Fallzahlen stark an. Mitte Juli hat Bangladesch nach offiziellen Angaben eine höhere Infektionsrate pro Einwohner als alle Nachbarländer.

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