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StartseiteKultur heuteKunst, Terror und politische Aktion09.06.2014

Kölner KeupstrasseKunst, Terror und politische Aktion

Vor genau 10 Jahren explodiert eine Nagelbombe auf der Keupstraße in einem türkischen Viertel Kölns. Seit zweieinhalb Jahren ist bekannt, dass der Anschlag von Neonazis des NSU begangen wurde. Das Kulturfestival "Birlikte" als Zeichen gegen Rechts ist ein Fortschritt, denn gedacht wird gemeinsam, nicht parallel. Hip-Hop, Dürüm und Podiumsdiskussionen - eine bislang verschlossene Welt öffnet ihre Hinterhöfe.

Von Dorothea Marcus

Tausende Menschen drängen am 08.06.2014 beim Kulturfest "Birlikte - Zusammenstehen" zum Gedenken an den vermutlich von der NSU vor zehn Jahren verübten Nagelbombenanschlag in Köln (Nordrhein-Westfalen) durch die Keupstraße. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Tausende Menschen drängen beim Kulturfest "Birlikte - Zusammenstehen" durch die Keupstraße. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
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Weiterführende Information

Bundespräsident fordert Land ohne Angst (Deutschlandfunk, Aktuell, 09.06.2014)

"Hoffe, dass der Druck auf die Sicherheitsdienste zunimmt" (Deutschlandfunk, Interview mit Micha Brumlik 09.06.2014)

NSU-Opfer unter Verdacht (Deutschlandradio Kultur, Thema, 18.04.2013)

Hier spielt tatsächlich das Landespolizeiorchester NRW mit dem Türkischen Nationalorchester TRT aus Istanbul. Ein heiterer und hochsymbolischer Akt an diesem heißen Pfingstsonntag. Eben jene Polizei, die jahrelang in die falsche Richtung ermittelt hat, die die Anwohner verdächtigte, einen rechtsradikalen Hintergrund nach wenigen Stunden ausschloss - spielt nun türkische Musik, zusammen mit jenen Türken, die sie vor zehn Jahren noch einem Generalverdacht unterzogen. Meral Sahin, die erste Vorsitzende der IG Keupstraße:

"Nach diesem Knall hat es eigentlich den größeren Schaden gegeben. Dass in diesen 7 Jahren das eigentlich Schlimme passiert ist. Und zwar, dass man komplett sich abgekapselt hat. Durch die Dinge, die die Politik hier geführt hat ... Mafia, Schutzgelderpressung ... das sind Dinge gewesen, die einfach den Nachbarn beschuldigte ... da ist ne Menge kaputt gegangen. Weil wir immer noch unter Verdacht waren. Und die Leute haben keine Entschädigung bekommen. Sie haben ihre Schaufenster selbst erneuern müssen. Und dann die ganzen Freunde zu verlieren. Zusätzlich hat die Straße einen sehr schlechten Ruf hinzugewonnen."

Dazu gehört, sagt Sahin, dass das Büro für Opferentschädigung in der Südstadt liegt, rund 10 km von der Keupstraße entfernt. Von der letzten Gedenkveranstaltung vor zwei Jahren haben die Keupstraßen-Bewohner gar nichts mitbekommen.

"Als die durchgeknallten Terroristen mit den beiden Flugzeugen da in die Twin Towers reingeflogen sind - wie viele Verwandte wurden da verdächtigt? Wurden bei denen auch die Geschäftsräume durchsucht?"

"Die Fragen waren falsch. Hast du jemand Auffälliges gesehen? Irgendwann kam die Frage: Dein Vater weiß, wer es war. Er hat es dir gesagt. Warum sagst du es nicht?"

Bombe mit 700 Nägeln

Wer hier von den Polizeiverhören erzählt, sind Ismet Büyük und Ayver Demir auf der Bühne des Schauspiels Köln, kaum 100 Meter von der Keupstraße entfernt. Jahrelang verweigerte Demir sich, Interviews zu geben, so traumatisiert war sie von der Bombe, aber auch davon, wie sehr sie als Opfer zum Täter gemacht wurde. Ihr Vater besaß das Reisebüro um die Ecke des Friseursalons, wo die Bombe mit den 700 Nägeln hochging. Sie wurde dort gegen die Wand des Reisebüros geschleudert. Zwei Jahre später musste es schließen, weil die Keupstraße nach dem NSU-Anschlag einen geschäftlichen Niedergang erlebte.

Der Regisseur Nuran David Calis hat "Die Lücke" inszeniert und zwei Jahre lang mit den Anwohnern der Keupstraße über den Anschlag gesprochen, gefilmt, recherchiert.

"Es pocht. Immer im Hintergedanken: Hätte ich meinen Sohn rausgeschickt zum Brotholen: Was ist hier passiert? Was ist hier passiert?"

"Ich glaube nicht an Gerechtigkeit. Man erzählt uns, es würde Gerechtigkeit geben? Seit den 90er-Jahren passieren derartige Anschläge. Was ist mit den Tätern passiert? Höchstens 3 bis 5 Jahre. Mehr nicht! Schauspieler: Aber in München wird doch versucht ... und die wird doch 25 Jahre dafür kriegen! Was erwartet ihr denn?"

"Es ist ein Abend der Wut, der Trauer und der Anklage. Warum gelingt Integration nicht? Wie kann es sein, dass unschuldige Geschäftsleute niedergeschossen werden und ihr Umfeld beschuldigt wird? Warum dauert der Prozess so unendlich lange? Die Wunden sitzen immer noch tief."

Man weiß nie, wo man hingehört

Bundespräsident Joachim Gauck (M) steht zusammen mit dem Mitgliedern der "Arsch Huh AG" am 09.06.2014 beim Kulturfest "Birlikte - Zusammenstehen" zum Gedenken an den NSU-Anschlag in Köln vor zehn Jahren (Nordrhein-Westfalen) auf der Bühne. (dpa / Henning Kaiser)Bundespräsident Joachim Gauck fordert von den Menschen in Deutschland Engagement gegen Rassismus. (dpa / Henning Kaiser)

Aber es ist auch ein Abend darüber, warum Integration in Deutschland so zu wünschen übrig lässt. Auf der Bühne im Schauspiel Köln sitzen drei deutsche Schauspieler den drei Geschäftsleuten der Keupstraße in weißen Rollkästen gegenüber. Zwischen ihnen: ein fast unüberwindbarer Abgrund. Minutenlang sehen sich die Parteien schweigend, feindlich und auch etwas distanziert neugierig an. Ein starkes Bild für die Gesellschaft der Bundesrepublik: Man beobachtet sich, doch man spricht nicht. Parallele, unverbundene Welten. Der dritte Laiendarsteller Kutlu Yurtseven spricht von dem Rassismus, der ihm überall entgegentritt. Dass seine Lehrerin ihn trotz guter Noten immer nur auf die Hauptschule schicken wollte. Und die deutschen Schauspieler forschen nach der eigenen Toleranz, mit der es vielleicht doch nicht so gut bestellt ist.

"Es ist so, dass man nie weiß, wo man hingehört. Ich sitze bei meinem Freund. Seit wann leben Sie in Deutschland? Seit 16 Jahren. Ich bin hier geboren."

"Ich will denen am liebsten Freiheit per Gesetz verordnen! Und dann merke ich wieder, wie totalitär ich werde ... Ich habe immer im Hintergrund: Die leben nach anderen Gesetzen als ich! Die hat ein Kopftuch auf!"

Doch auch wenn die Verbitterung und die Fremdheit groß bleiben, wie "Die Lücke" zeigt - vielleicht könnte sich nun dennoch etwas ändern. Meral Sahin eröffnet zu Pfingsten ein bisher nie da gewesenes Fest.

"Ich möchte euch alles jetzt umarmen und wirklich das Gefühl geben, wie willkommen Ihr seid auf dieser Straße. Ich fühle mich auf meiner Rechten und Linken mit den wunderbaren Menschen tatsächlich wohl und aufgenommen und in Schutz genommen. Wir werden ganz neue Seiten aufmachen ... Birlikte gegen Rassismus ... wir werden alle gemeinsam daran arbeiten. Und wir möchten dass es nach dem 8., 9., genauso bunt, genauso schön wird. In diesem Sinne: Herzlich Willkommen, genießt diese Straße ... die Straße hat so große Sachen für euch zu bieten. bleibt auch nach dem Fest. Wir wollen das auch abbauen. Genau diese Angst wollen wir abbauen ..."

"Birlikte - Zusammenstehen": Türken und Deutsche vereint

Startschuss. Ein Tag nach der Premiere von "Die Lücke" strömen die Menschenmassen durch die Keupstraße, zum Kulturfest "Birlikte - Zusammenstehen". Türken und Deutsche gemischt. Erstmals überhaupt hat sich die so lange so hermetisch verschlossene Welt bis in den letzten Hinterhof geöffnet, wird große Symbolik aufgefahren – aber ein wenig Kitsch gehört eben auch zur Keupstraße, wie Sahin selbst augenzwinkernd sagt. Weiße Friedenstauben fliegen zur Eröffnung in den Himmel, ein Engel der Kulturen wird durch die Straßen getragen und als Gedenkstein verlegt. In nie zuvor von Außenseitern betretenen Hinterhöfen und kleinen Läden lesen deutsche Schauspieler aus den NSU-Protokollen und spielen Theater, machen türkische Musiker Hip-Hop, wird vegetarischer Dürüm verkauft, in Podiumsdiskussionen wird gefragt, wie es passieren konnte, dass nach dem Mauerfall eine neue Qualität rassistischer Gewalt begann. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass mit einem dreitägigen Kulturfest und erstmals wirklich gemeinsamen Gedenken nun auf einmal alles gut sei. Aber was wirklich ein Fortschritt ist: Wenn das Gedenken auf einmal genau dort stattfindet, wo es hingehört. Und das nicht parallel, mit Lücke dazwischen, sondern gemeinsam.

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