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StartseiteForschung aktuellObsessive Fixierung auf eingebildete Hässlichkeit26.08.2019

KörperbildstörungObsessive Fixierung auf eingebildete Hässlichkeit

Viele sind mit dem eigenen Aussehen unzufrieden. Doch wer unter Body Dysmorphic Disorder (BDD) leidet, beschäftigt sich obsessiv mit selbst empfundenen Störungen des Äußeren. Betroffene finden einzelne eigene Körperteile enorm hässlich und entwickeln aufgrund ihres Krankheitsbilds zwanghafte Rituale.

Von Sophia Wagner

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Eine Frau blickt in einen Spiegel. (imago/Westend61)
BDD-Patienten haben eine veränderte visuelle Wahrnehmung, doch vielen Betroffenen ist dies nicht bewusst (imago/Westend61)
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"Körperbildstörungen sind weiter verbreitet als Magersucht oder Zwangsstörungen. Zirka zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Weltweit ist das eine ziemlich große Zahl."

Doktor Katherine Phillips arbeitet als Psychiaterin und Wissenschaftlerin am Weill Cornell Medical College in New York City. Eines ihrer Hauptforschungsgebiete ist die Dysmorphophobie, besser bekannt unter der englischen Abkürzung BDD für Body Dysmorphic Disorder:

"Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ist normal. Was bei BDD anders ist, ist dass die Patienten von dieser Unzufriedenheit völlig eingenommen sind. Sie sind besessen von einer Störung ihres Äußeren, die in Wirklichkeit gar nicht existiert - oder sehr geringfügig ist. Aber sie sind überzeugt, dass es furchtbar ist!"

Typische Körperteile, die von den Betroffenen als hässlich oder sogar monströs empfunden werden, sind die Nase, die Haut und die Haare. Durch die obsessive Beschäftigung mit diesen empfundenen Störungen entwickeln Menschen mit BDD bestimmte zwanghafte Rituale. Typisch ist zum Beispiel, dass sie ständig in den Spiegel schauen oder den betroffenen Körperteil immer wieder abtasten:

"Dazu kommt, dass BDD oft zu Depressionen und Angststörungen führt. Außerdem gehen viele Betroffene zumindest phasenweise nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, weil sie nicht wollen, dass andere Menschen sie sehen."

Veränderte visuelle Wahrnehmung

Anders als bei Magersucht, von der hauptsächlich Frauen betroffen sind, ist das Geschlechterverhältnis bei Body Dysmorphic Disorder ausgeglichener: Circa 40 Prozent der Betroffenen sind Männer. Obwohl das Krankheitsbild schon 1886 zum ersten Mal beschrieben wurde, kommt es bis heute häufig zu Fehldiagnosen. Das liegt auch daran, dass die Betroffen sich für ihr Leid oft schämen und sich bei Arztbesuchen nicht offen dazu äußern. Denn vielen ist gar nicht bewusst, dass ihre Wahrnehmung nicht der Realität entspricht:

"Die meisten sind überzeugt, dass ihre Sicht der Wahrheit entspricht und dass andere sie genauso sehen. Und ein Grund dafür ist, dass Menschen mit BDD wirklich eine andere visuelle Wahrnehmung haben. Ihr Gehirn fokussiert auf winzige Details, sie sehen nicht das große Ganze."

Ein winziger Pickel wird dadurch zum dominierenden Merkmal des gesamten Gesichts. Zum ersten Mal wissenschaftlich untersucht wurde diese verschobene Wahrnehmung in den 1990ern:

"Wir haben vielleicht den ersten dieser Tests durchgeführt. Die Teilnehmenden haben ein abstraktes Gemälde betrachtet und sollten dieses dann aus der Erinnerung nachzeichnen. Menschen mit BDD haben dabei immer bei den kleinen Details angefangen, nicht bei den großen Komponenten."

Empfohlene Behandlung: eine kognitive Verhaltenstherapie

Modernere Studien, in denen die Aktivierung verschiedener Hirnbereich untersucht wurde, haben dieses Ergebnis bestätigt. Dabei haben Forscher auch festgestellt, dass BDD-Patienten eine andere Gesichtswahrnehmung haben:

"Menschen mit BDD schätzen neutrale Gesichtsausdrücke oft als drohend ein."

Zwillingsstudien weisen darauf hin, dass BDD zu circa 50 Prozent erblich bedingt ist. Die empfohlene Behandlung ist eine kognitive Verhaltenstherapie. In der Therapie lernen die Betroffenen zum Beispiel, im Spiegel nicht nur auf Details, sondern aufs Ganze zu achten, ohne dabei ihr Aussehen zu bewerten. In schwereren Fällen haben sich außerdem bestimmte Medikamente als wirksam erwiesen. Sogenannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer reduzieren das obsessive Verhalten und damit auch die Fokussierung auf ungeliebte Details. Den meisten Betroffenen kann so geholfen werden. Was dagegen nicht hilft, sind Schönheitsoperationen:

"Fast alle Leute mit BDD sind unzufrieden mit dem Resultat. Sie glauben, dass ihr Äußeres sich nicht verändert hat, oder sie wechseln zu einem anderen Körperteil. Einer meiner Pateinten hat zu mir gesagt: 'Nach meiner Nasen-Operation sah zwar meine Nase etwas besser aus, aber dann hat mein Bauch übernommen.' Denn das Problem ist nicht das Aussehen, sondern die Sichtweise und die Besessenheit von ungeliebten Details."

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