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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKörperschmuck der besonderen Art17.08.2006

Körperschmuck der besonderen Art

Eine kleine Kulturgeschichte des Tattoos

Tattoos hat es zu allen Zeiten in fast allen Ländern gegeben. Selbst Ötzi war tätowiert, als Forscher ihn nach 5300 Jahren aus dem Eis bargen. Zumeist hatten die Körperbilder einen rituellen Hintergrund. Hierzulande galten Tattoos lange Zeit eher als abstoßend und waren vor allem das Markenzeichen von Seeleuten oder Sträflingen. Heute sind sie gesellschaftsfähig geworden. Allein in Deutschland haben über vier Millionen Menschen ein Tattoo.

Von Anja Arp

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Blick in ein Tattoo- und Piercing-Studio (AP Archiv)
Blick in ein Tattoo- und Piercing-Studio (AP Archiv)

Umfrage: "An und für sich ganz gut. Also Tätowierungen gefallen mir bei jungen Leuten sehr gut, bei älteren Personen, ist es Geschmacksache. Aber so für junge Mädchen auf dem Rücken oder am Arm finde ich das eine tolle Sache. Ich selber würde mir keine machen, aber ich finde es schön, wenn Leute den Mut dazu haben. "

"Ja, je nach dem, manche sehen schön aus ... was sagst Du Schatz? Ja sieht gut aus. "

Tätowierer: "Also auf Grund von dem Geräusch, wenn ich mit der Maschine an der Haut arbeite, merke ich ob die Geschwindigkeit stimmt, ob der Druck stimmt von der Maschine. Das ist ein Gefühl, das man im Laufe der Jahre entwickelt. Ich kann eben die Geschwindigkeit der Maschine variieren, ich kann die Stärke variieren. Es kommt drauf an mit welcher Maschine ich arbeite, die eine hat mehr Kraft, die andere weniger. Also das ist abhängig von der Hautstelle an der ich arbeite, ob ich schnell tätowiere, ob ich langsam tätowiere also da spielen viele Dinge eine Rolle."

Tätowierungen das war hierzulande lange Zeit nur etwas für schwere Jungs und leichte Mädchen. Der zivilisierte Normal-Bürger hatte dagegen eine weiße Weste und eine ebenso reine Haut. Der Anker auf der Brust oder das Herz auf den Bizeps, das war was für Seefahrer, Sträflinge und Outdrops. Das hat sich inzwischen total verändert. Tattoos sind gesellschaftsfähig geworden. Ein Phänomen, das die Ethnologin Beate Schneider genauer unter die Lupe genommen hat. Sie hat die Ausstellung "Hautzeichen Körperbilder" im Museum der Weltkulturen in Frankfurt organisiert:


"Die Idee war, dass wir ja ganz viel in unsere eigenen Gesellschaft entdecken, wie sich Jugendliche insbesondere tätowieren, aber nicht nur Jugendliche und dazu immer öfter zu Mustern greifen, die eigentlich von ganz anderen Kulturen herstammen, so genannte tribale Muster und dem wollten wir mal so ein bisschen nachgehen, wir wollten mal gucken, aus welchem Kontext kommen eigentlich diese Muster, wie findet da Tätowierung statt, ist es auch eine Idee von Individuum und sich gestalten oder was steckt dahinter? Und das haben wir getan in den verschiedenen Gesellschaften und jeder Raum hat eine Gesellschaft quasi, die eben zeigt, wie in dieser Gesellschaft in welchem Zusammenhang tätowiert wird oder Körper bemalt wird - wir haben auch Henna-Tattoos."

Körpermalereien mit Henna oder die unter die Haut gehenden Tätowierungen hat es schon immer fast überall gegeben. Selbst der Ötzi war tätowiert, als ihn Wissenschaftler nach 5.300 Jahren aus dem Eis bargen. Weltweit gibt es dabei ganz unterschiedliche Traditionen, Methoden und Motive. Wo die eigentliche Wiege der Tattoos liegt, kann keiner so genau sagen. Zu uns sind die Tattoos jedenfalls über Kapitän Cook und seine Matrosen aus der Südsee gekommen:

"Die andere Linie wären japanische Tätowierungen. Da gibt es eine ganz große Strömung eher bunterer Bilder, richtig Ganzkörper-Tätowierungen, die da her gezogen werden, aber man muss wirklich auch sagen, dass in Europa schon bei den Griechen, Römern, es tatsächlich auch Tätowierungen gab. Also man kann nicht so eine Wiege da feststellen. Das scheint von mehreren Punkten losgegangen zu sein und modemäßig immer wieder vermehrt hier rübergeschwappt oder eben wieder verschwunden zu sein."


Hinter den Körperbildern steckt ursprünglich zumeist ein Ritual. So gibt es zum Beispiel bei den Frauen in Westafrika ein so genanntes Initiations-Ritual:

"Da geht es eben um den Wechsel vom Mädchen zur Frau und mit dem ganzen verbundenen Geheimwissen, was dazu gehört. Auch mit Beschneidung, die natürlich durchaus kritisch auch zu sehen ist oder ich sehe sie persönlich sehr kritisch. Und es gibt auch Initiationen von Männern, zum Beispiel aus Neu-Guinea, da geht es wirklich einfach darum, von dem einen Status, der einen sozialen Position nämlich des Jugendlichen, der noch nicht so viel zu sagen hat, zum Mann zu werden, eben auch in Form von Tätowierung oder Skarifizierung ist es da."

Dabei werden die Motive in die Haut regelrecht eingeritzt. Solche ritualisierten Tattoos sind keine individuelle Entscheidung für den Hautschmuck. Sie werden vielmehr kollektiv durchgeführt und haben ein bestimmte Funktion in der jeweiligen Gesellschaft. Teilweise dienen Tattoos der Überlieferung nach aber auch dem Schutz. Beate Schneider:

"Henna-Tattoos zum Beispiel, wo die Hände der Frauen und die Füße der Frauen insbesondere in Indien, aber auch bei den Berbern in Nordafrika, werden bemalt mit Henna-Tattoos, weil das die Kontakt-Organe sind, mit denen man die Außenwelt berührt, das soll schützen. Ähnliche Konzepte gibt es zum Beispiel bei den Kajapo, da geht es mit sehr viel Schminke dann schon bei ganz kleinen Kindern darum, geschützt zu werden. Die Haut ist etwas verletzliches, das braucht Schutz insbesondere bei Kindern, von daher gibt es da dann ganz besonders viel Bemalung dann auch."

In anderen Ländern, wo das Tätowieren nach wie vor ein Ritual ist, darf das natürlich auch nicht jeder machen:

"Es ist nicht so, wie bei uns, dass man einfach in eine Tattoo-Studio geht und jeder auch tätowieren kann. In vielen Gesellschaften ist es eine besondere Position, derjenige, der tätowiert ist eben besonders geehrt und häufig auch gelehrt, oft auch Generations-Weise übergeben als Beruf. Also da gibt es ganz unterschiedliche Ansatzpunkte auch."

Die Wahl der Motive unterliegt in anderen Ländern genauso Modewellen wie bei uns. Allerdings sind sie nicht so schnelllebig. Beate Schneider erzählt zum Beispiel von den Maori aus Neuseeland:

"Die Maori haben ja, da kommt auch das Wort Tätowierung her, durch dieses Schlagen, Tatauierung und die haben richtige Moko-Gesichts-Tatauierungen und da werden halt so Spiralen entsprechend der Gesichtslinien eingeschlagen und die erzählen tatsächlich auch was über die Ahnen-Geschichte. Also es gibt dann eine Seite, die mehr referiert zu den väterlichen Vorfahren und die andere Seite zu den mütterlichen Vorfahren oder Ahninnen-Seite. Und das ist eigentlich im Laufe der Jahre gar nicht mehr aktuell. Also man muss eigentlich wirklich sagen, es hat ganz aufgehört. Und inzwischen gibt es aber auch so eine Bewegung der Jugend, die genau darauf sich wieder bezieht und zurück greift auf diese alten Muster und eben aber auch mit einer Revitalisierung des Glaubens oder des Ahnenkultes auch und das wirklich einfach neu bewertet."

Teilweise waren Tattoos zum Beispiel im christlichen und jüdischen Glauben verboten. Das Argument lautete: Gott habe einen perfekten Menschen geschaffen:

"Und jeder Veränderung und jede bleibende Veränderung des Menschen an dieser perfekten Arbeit, ist eigentlich ein Eingriff in Gottes Werk und fast Gottes lästernd. Nun gab es da aber auch immer ganz unterschiedliche Strömungen muss man sagen. Im Christentum ist nämlich sehr wohl auch auf Wallfahrten zum Beispiel sind also Tätowierungen sich geholt worden. Also es gibt Wallfahrten nach Jerusalem, die also wirklich dann mit den entsprechenden Tätowierungen an den Armen die Pilger wieder zurück gekommen sind."

Hierzulande waren Tattoos lange Zeit so genannten sozialen Randgruppen vorbehalten. Vielfach wurden Tattoos vor allem mit Gefängnis assoziiert:

"Da gibt es auch verschiedene Ideen zu. Also eine besagt, dass man eben keine Kleidung oder eine einheitliche Kleidung und somit Individualität nicht ausdrücken konnte, aber über Tätowierung quasi seiner Haut ein neues oder anderes Kleid verpassen konnte. Man muss natürlich umgekehrt sehen, dass es in Gefängnissen Zwangstätowierungen auch gab. Also nehmen wir die NS-Zeit, da wurden Häftlinge ja tatsächlich mit den entsprechenden Nummern gekennzeichnet, die ihnen eintätowiert wurden. Also das gab es eben auch zwangsweise."

Manchmal ist das Tattoo, das man aus dem Gefängnis mitbringt aber auch ein bewusstes Signal:

"Man ist durch das Gefängnis gegangen, man hat drei Punkte auf dem Handrücken oder so tätowiert als Signal auch: Ich bin durch den Knast durchgegangen und habe es überlebt oder bin gestärkt oder bin ein starker Mann - solche Bilder sind damit natürlich auch verbunden."

Dennoch: Die Vorbehalte in vielen Bevölkerungsteilen gegen Tätowierungen waren lange groß. Ganz nach dem Motto: Tattoos haben den Geruch von Knast und Puff:

"Dazu muss man aber auch sagen, dass es auch eine Rezeption ist. Es hat fast immer zeitgleich auch eine sehr hohe Adels-Schicht gegeben, die sich auch hat tätowieren lassen. Also die Kaiserin Sissi, die wir alle aus dem Film kennen, die hatte einen Anker auf ihrer linken Schulter gehabt, das würde man ihr aber nie zutrauen. Das heißt, das ist einfach auch eine Erzähl-Tradition natürlich auch gewesen, dass man das von dem Adel nicht wusste und das auch nicht berichtet hat, aber von einfacheren Menschen das halt wusste und darüber auch gesprochen wurde. Dazu kommt natürlich, dass zum Beispiel diejenigen, die tätowiert haben, die Tätowierer selbst in einfacheren Milieus gelebt haben. Die durften gar nicht offiziell als Beruf sich benennen und deswegen ist das immer in Hinterstuben so abgelaufen. "

Heute sind Tattoos absolut salonfähig geworden. Das hat auch den Medizin-Soziologen Elmar Brähler von der Universität Leipzig auf den Plan gerufen. Er hat über 2000 Menschen befragt:

"Nun es gibt ja die subjektive Sichtweise, es habe stark zugenommen, die Tätowierung und wir wollten einfach mal sehen wie es epidemiologisch aussieht und ne andere Frage, die uns auch interessiert hat: Es wurden ja immer Tätowierungen bei jungen Menschen eher negativ angesehen, als hätten die jungen Menschen irgendwie eine Persönlichkeitsstörung und dem wollten wir auch nachgehen. Und da war das Ergebnis doch anders als viele behaupten."

Was zunächst wohl eher kaum verwundert: Laut Studie lassen sich vor allem junge Menschen bis 34 Jahre tätowieren. Bei den 14- bis 24-jährigen hatten 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer ein Tattoo oder ein Piercing. Wobei bei den Frauen das Piercing häufiger war und bei den Männern die Tattoos überwiegen. Ein anderes Ergebnis ist dagegen ziemlich überraschend:

"Wir hatten bei den 14- bis 24-jährigen, bei denen die arbeitslos waren bei 50 Prozent Tätowierungen, bei denen, die nicht arbeitslos waren nur bei 14 Prozent und bei den Prozentzahlen das sind bei den 24- bis 35-jährigen ein bisschen niedriger aber immerhin auch noch 30 Prozent bei den Arbeitslosen und 17 Prozent bei den nicht Arbeitslosen. Das heißt, eine große Häufung bei den arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen."


Der Medizin-Soziologe ist sich allerdings nicht sicher, was das bedeutet. Eine Möglichkeit: Jugendliche die keine Arbeit haben, konzentrieren sich vielleicht ersatzweise auf ihren Körper.

Eins steht für den Professor jedenfalls fest: Tätowierungen sind aus der gesellschaftlichen Randlage herausgekommen.

"Mich interessieren solche Phänomene ja auch, weil man leicht zu Vorurteilen neigt, dass man glaubt, wenn jemand so außergewöhnlichen Moden frönt, dass er irgendwie ne Störung haben müsste und solche Phänomene zeigen jedoch, dass die Delphilianz ganz schnell in eine Massenerscheinung werden kann, wo es nicht mehr als Abweichung gilt. Mir ging es eher darum, dass solches Verhalten junger Leute nicht zu stark stigmatisiert werden sollte."

Ob man ein Tattoo trägt oder nicht, ist also keine Frage der psychischen Gesundheit oder der sozialen Schicht. Tattoos sind offenbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Allerdings:

"Es gibt einen Zusammenhang mit einem Persönlichkeitsmerkmal, das aber nicht negativ ist. Das ist das Sensation Kicking, also der Kick auf was Neues. Das ist auch eine Persönlichkeits-Eigenschaft, die korreliert natürlich damit und da gibt es allerdings auch gefährlichere Sachen, die mit dem Sensation korrelieren. Das wäre U-Bahn-Surfen oder Bungyng springen oder andere Dinge."

Für so manchen werden die tätowierten Oberarme mit der Zeit aber auch zu einer lästigen Erinnerung an jugendliche Torheiten. Der tätowierte Leiter einer Wohngruppe mit schwererziehbaren Jugendlichen:

"Ich habe sehr viele Tätowierungen und das ist auch ein großes Problem heute mit den Jugendlichen, die meinen weil ich tätowiert bin, könnten die sich auch alle tätowieren lassen. Das verbiete ich denen so lange wie sie bei uns wohnen, weil mich haben sie als Jugendlichen ´Bilderbuch´ genannt, ich möchte nicht, dass das unsere Jugendlichen auch erleben."

Warum gerade junge Menschen von Tattoos so fasziniert sind, lässt sich nur schwer erklären. Die Ethnologin Beate Schneider:

"Meine ganz persönliche Meinung dazu ist, dass Jugendliche einfach sehr viel Körper orientierter sind, ihren Körper eben auch inszenieren, vielleicht auch wirklich im Zusammenhang mit einer Körperhaftigkeit im Gegensatz vielleicht auch zu einer Leibhaftigkeit, also dass mehr ein Körper trainiert wird, gestählt wird, abgehungert wird und so aber eben auch dekoriert wird in einem ganz individuellen Geschmack und Sinne, um eben bestimmten Gruppierungen sich an zu schließen, sich ab zu grenzen, sich dar zu stellen und das ist halt üblicher Weise besonders in der Jugend ein Bedürfnis."

Bei Tattoos gibt es genauso Wellen und Trends wie bei der Mode. So erfreuen sich zum Beispiel japanische Motive momentan großer Beliebtheit. Und obwohl die Tätowierungen in der Regel ein Leben lang bleiben, wechseln die angesagten Muster schnell:

"Erst war total in, waren diese, also diese Moko-Zeichen also aus Polynesien so reine schwarz-weiß Trival Muster. Wir haben hier eine Tätowiererin, die mit uns zusammenarbeitet und so Schau-Tätowierungen macht und die erzählt, dass es immer mehr wieder zurück geht sogar zu den Ankern, also diese ganz klassischen Matrosen-Bilder, die man sich so vorstellt, die man auch kennt, dass das wieder deutlich mehr gefragt ist."

Hoch im Kurs steht auch das so genannte "Arschgeweih", also ein Tattoo über dem Po, das zumeist junge Mädchen tragen. Doch inzwischen scheint das Motiv nicht mehr ganz so angesagt:

"Es war ja in der Presse zu lesen, dass sehr viele Tätowierungs-Studios ihr Haupt-Ein-und Auskommen damit haben, dass sie nun diese Arschgeweihe wieder entfernen, weil sie doch vielleicht lästig sind und ich hatte so den Eindruck, dass diese Arschgeweihe inzwischen auf die Rückfenster von meistens schwarzen Golfes und anderen Autos gekommen sind."

Ein möglicher Grund: An jungen Mädchen sieht so ein Geweih ähnliches Tattoo sicherlich noch hübsch aus, doch wenn man älter wird:

" Wahrscheinlich wird das immer schwieriger, wird dann vielleicht eher ein hängender Flügel."

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