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StartseiteInterviewEiner der ganz großen UN-Generalsekretäre18.08.2018

Kofi Annan mit 80 Jahren gestorbenEiner der ganz großen UN-Generalsekretäre

Der im Alter von 80 Jahren gestorbene Kofi Annan sei einer der "ganz großen Generalsekretäre der Vereinten Nationen" gewesen, sagte der ehemalige deutsche UN-Botschafter Gunter Pleuger im Dlf. Annan sei ein erfolgreicher Botschafter des Friedens gewesen, der die Fähigkeit gehabt habe, andere zu überzeugen.

Gunter Pleuger im Gespräch mit Silvia Engels

Foto des verstorbenen Ex-UN-Generalsekretärs Kofi Annan (picture alliance/dpa/Foto: Luiz Rampelotto/EuropaNewswire)
Kofi Annan habe sein Amt in einer Weise erfüllt, die ihm Hochachtung, Zuneigung und Sympathie verschafft hätten, sagte Gunter Pleuger im Dlf (picture alliance/dpa/Foto: Luiz Rampelotto/EuropaNewswire)
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Silvia Engels: Kofi Annan, der frühere UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger ist im Alter von 80 Jahren gestorben, diese Nachricht hat uns vor ungefähr einer Dreiviertelstunde erreicht. Von 1997 bis 2006 war er Generalsekretär der Vereinten Nationen. Im Jahr 2001 erhielt er gemeinsam mit den Vereinten Nationen den Friedensnobelpreis. Sein Akzent war, Konflikte zu deeskalieren, und er wollte die UN reformieren.

Gunter Pleuger war von 2002 bis 2006 deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen. Er kennt Kofi Annan fast über dessen gesamte Amtszeit in seinem Wirken, und er ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Pleuger!

Gunter Pleuger: Guten Tag, Frau Engels!

Engels: Was haben Sie als prägenden Charakterzug von Kofi Annan in Erinnerung?

Pleuger: Kofi Annan ist eine Persönlichkeit, die in der Welt Veränderungen herbeigeführt hat und das getan hat in einer Form, die ihm nur Hochachtung und Freundschaft eingetragen hat. Er war ein Mensch, der immer freundlich war, er hatte Sinn für Humor, er war aufrecht und mutig und hat sich sehr kreativ für eine Reform der UNO eingesetzt. Aber nicht nur das – ihm war vor allen Dingen im Blick, den Menschen zu helfen. Und das hat er in den Möglichkeiten als Generalsekretär der Vereinten Nationen auch weitgehend geschafft.

In meiner Erinnerung ist er einer der ganz großen Generalsekretäre der Vereinten Nationen.

Annan hinterlässt Marksteine der internationalen Politik

Engels: Haben Sie ein Beispiel, eine Anekdote in Erinnerung, die Kofi Annan charakterisiert?

Pleuger: Kofi Annan war eigentlich ein Mensch, der immer zugänglich war. Wenn man ein Problem hatte, konnte man zu ihm kommen. Er war immer für einen da. Und er war – ich habe ihn niemals wütend oder unzugänglich erlebt. Er war immer freundlich, hatte, wie gesagt, Sinn für Humor und hat die Funktion des Generalsekretärs, die ja keine Machtmittel gibt dem Generalsekretär, er hat diese Funktion ausgeübt durch eine starke Persönlichkeit und durch die Fähigkeit, andere Menschen zu überzeugen.

Und was er hinterlassen hat, sind nun wirklich Marksteine der internationalen Politik, und zwar einmal die Millenniumserklärung von 2000, die geht weitgehend auf ihn zurück, das ist ein Aktionsplan gegen Armut, Ungleichheit und für Menschenrechte. Und dann hat er die größte Reform eingeführt, die in der UNO jemals versucht wurde, das war 2005. Und er hat in dieser Reform etwa 101 Vorschläge gemacht, die nicht alle umgesetzt worden sind, aber die die UN reformiert haben und der UN auch mehr Einfluss verschafft haben.

Engels: Auf der anderen Seite ist ja diese umfassende Reform der Vereinten Nationen nicht komplett geglückt, gerade, was den Sicherheitsrat angeht, um ihn stärker an die Realitäten der heutigen Zeit anzupassen. Das kam nicht voran. Wie sehr hat ihn das frustriert?

Pleuger: Ich glaube, das hat ihn nicht frustriert. Er hat uns immer geholfen bei den Bemühungen, die Reformen der VN, die notwendig waren, einschließlich der Sicherheitsratsreform. Dass das gescheitert ist, lag nicht an Kofi Annan, sondern am mangelnden Willen einiger wichtiger Mitgliedsstaaten, und das, glaube ich, war ja auch nicht die Aufgabe von Kofi Annan.

Als Generalsekretär ist er sozusagen der oberste Exekutivleiter der UNO, aber er ist nicht derjenige, der politische Entscheidungen trifft. Das ist die Generalversammlung und der Sicherheitsrat.

"Ein Mann, der sich immer für Frieden und Zusammenarbeit eingesetzt hat"

Engels: Er war Spitzendiplomat, er stammte aus Ghana. Insgesamt arbeitete er 40 Jahre in verschiedenen Funktionen für die Vereinten Nationen. Aber er wurde natürlich auch gerade in seiner Besonderheit, dass er der erste UN-Generalsekretär aus diesem Teil Afrikas war, der diese Rolle bekleidete, immer wieder wahrgenommen. Hat ihm das auch geholfen in seiner Vermittlerrolle?

Pleuger: Das hat ihm sicherlich geholfen, denn die Erwartungen an einen schwarzen Afrikaner als Generalsekretär waren hoch, und er hat diese Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern er hat sie in einer Weise erfüllt, die ihm Hochachtung und Zuneigung und Sympathie verschafft haben. Ich meine, er war ein Mann, der sich immer für Frieden und für Zusammenarbeit eingesetzt hat.

In meiner Erinnerung ist er eben ein Botschafter des Friedens gewesen, und das auch sehr erfolgreich. Und er war auch sehr mutig, gerade was die Friedenserhaltung anging. Er hat sich gerade 2003, also der Irak-Krieg ausbrach, sehr mutig gegen die größte Macht in den Vereinten Nationen, nämlich die USA, gewandt und hat ihnen vorgeworfen, die Charta mit diesem Krieg verletzt zu haben. Das hat denjenigen Staaten sehr geholfen, die ebenfalls in dieser schwierigen Situation versucht haben, diesen Krieg zu verhindern und im Sicherheitsrat dagegen zu arbeiten.

UNO kann nur funktionieren, wenn es einen starken Generalsekretär gibt

Engels: Was bleibt als Vermächtnis?

Pleuger: Das Vermächtnis bleibt, dass die UNO eine Organisation ist, die nur funktionieren kann, wenn es einen starken Generalsekretär gibt, aber zugleich die Bereitschaft der Mitgliedsstaaten, ihn zu stützen und seine Vorschläge auch umzusetzen. Nur dann wird es uns gelingen, in der globalen Ordnung Frieden, Gleichheit, Menschenrechte und Zusammenarbeit zu sichern.

Engels: Auf Wiederhören, Herr Pleuger!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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