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StartseiteDlf-MagazinKollektiver Altersstarrsinn24.10.2013

Kollektiver Altersstarrsinn

Hamburger Rentner protestieren für Wohnprojekt

In Hamburg protestieren Rentner, die nicht ins Grüne abgeschoben werden wollen, sondern Wohnraum in der Stadt suchen, um dort zusammen zu leben. Und sie haben auch schon ein Gebäude gefunden, für das sie kämpfen.

Von Axel Schröder

Die Rentner wollen in der City wohnen und dafür Platz in einem Bürogebäude. (picture alliance / dpa Foto: Ulrich Perrey)
Die Rentner wollen in der City wohnen und dafür Platz in einem Bürogebäude. (picture alliance / dpa Foto: Ulrich Perrey)
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"Wir wollen hier wohnen! ‚Vivo‘ zu Wohnraum! - Wir wollen hier wohnen! ‚Vivo‘ zu Wohnraum!"

Hamburg, Anfang Oktober. 25 Männer und Frauen, Ende 50, 60, 70 Jahre alt, stehen mit ihrem Banner vor dem "Vivo". Das Geschäftsgebäude in bester Lage mitten in Hamburg-Altona ist ein moderner Bau. Drei Stockwerke hoch, eine organisch-geschwungene Fassade, weitläufiges überdachtes Atrium. Die Demonstrierenden gehören zum "Projekt AltersStarrSinn – Wohnkollektiv 50plus". Und wohnen wollen sie im "Vivo"-Haus. Tamara Tschikowani hat damals mitdemonstriert. Eine resolute 60-Jährige mit schwarzen, krausen Locken. Begeistert von der Aktion:

""Wir waren hier so aufgereiht und standen eigentlich erst ganz locker in der Gegend und kamen uns auch etwas verloren vor. Das Gebäude ist ja doch sehr groß! Es war dann nachher eine ganz lockere, fröhliche Stimmung, und so sind wir dann in das Gebäude gegangen. Und wir können uns das hier sehr gut vorstellen!"

Weniger gut vorstellen kann sich das die Stadt Hamburg. Das Gebäude gehört der stadteigenen Sprinkenhof AG. Zuständig ist die Finanzbehörde, und deren Sprecher Daniel Stricker macht klar:

"Die Gruppe verfolgt ein gutes, sinnvolles Projekt. Das ist auch durchaus unterstützenswert. Sie hat nur leider sich von Anfang an auf eine Immobilie festgelegt, die für Wohnzwecke völlig ungeeignet ist. Beim "Vivo" handelt es sich um eine Büroimmobilie, die gar nicht darauf ausgelegt worden ist."

Und außerdem, so Behördensprecher Stricker, sind dort 95 Prozent der Flächen bereits vermietet: an ein Fitnessstudio, eine kleine Sport-Bar, ein Foto-Fachgeschäft, an die Mütterberatung und das Fundbüro des Bezirks. Tamara Tschikowani beteuert: im obersten Stockwerk stehen wohl viele Läden leer. Sie geht rein ins Gebäude, betritt das riesige lichtdurchflutete und menschenleere Atrium, in der Mitte ranken Kletterpflanzen in die Höhe.

"Wir würden ja gerne das dritte Stockwerk nehmen. Das könnte man schön umbauen. Hier unten mit den Pflanzen, das ist doch wunderschön. Ein schönes Raumklima. Bisschen warm. Auch für ältere Menschen supergeeignet. Ich sehe hier vor meinem geistigen Auge auch so Tanzveranstaltungen für ältere Leute. Man könnte diesen Innenraum wunderbar beleben!"

Und das wäre vermutlich gar nicht schwer - verlassen, wie das Atrium ist. 20 bis 30 Wohneinheiten wünschen sich die Aktivistinnen und Aktivisten vom Projekt "AltersStarrSinn". Jede soll bescheidene 55 Quadratmeter groß sein. Und unter sich wolle man sein, so Tschikowani. Ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt soll es explizit nicht werden, auch wenn die gerade schwer in Mode sind:

"Wir wollen nicht dazu gezwungen werden, mit Menschen, die wir nicht kennen, ein Projekt zu machen, nur weil Stadtplaner das integrativ finden!"

Die renitenten Alten wollen noch lange nicht klein beigeben. Immerhin stehe die Prüfung ihrer Projektpläne noch aus. Schriftlich haben sie das, erzählt die Aktivistin, vom Ersten Bürgermeister Olaf Scholz persönlich. Der Behördensprecher Daniel Stricker bestreitet das nicht.

"Die Prüfung ist de facto aber von Anfang an klar gewesen."

Vor allem wohl ihr Ergebnis: Viel zu teuer wäre ein Umbau der Räume. Überall müssten Bäder eingebaut werden, Abflüsse gelegt, Wände versetzt werden.

"Und wenn jemand jetzt herkommt und sagt: ‚Koste es, was es wolle! Plant mal. Und hier ist das Geld!‘ Nachdenken kann man über vieles. Aber so einen Vorschlag haben wir bisher nicht auf dem Tisch gehabt."

Aber dieser Vorschlag könnte noch kommen. Über eine Genossenschaft wollen die ergrauten Aktivisten Gelder von den zukünftigen Mieterinnen einsammeln. Als Einlage, um die fälligen Mieten zu deckeln.

Wöchentlich treffen sich die sturen Alten. Abends stecken sie die Köpfe zusammen, im Infozentrum Altona, ein Dutzend älterer Männer und Frauen. Straff organisiert, sehr geübt. Tagesordnungspunkt 1: Wahl des Protokollführers. TOP 2: Analyse der "Vivo"-Besetzung und so weiter. Gegenüber von Tamara Tschikowani sitzt Harald Holzmann und erklärt, was die Gruppe antreibt:

"Wir haben, glaube ich, alle eine ähnliche Sozialisation. Wir kommen aus einem relativ politischen Umfeld. Dieses klassische: Brokdorf, Jugendzentren, blabla. Wir haben in Bergedorf mal ein Haus besetzt, da gibt es jetzt ein Jugendzentrum. Das gibt es immer noch. Das einzige autonome Jugendzentrum in ganz Deutschland! Solche Sachen halt …"

Und auch im Alter wollen sie ihren widerständischen Ideen und Idealen treu bleiben. Wie alle anderen "AltersStarrSinnigen" will sich auch Regula Bott mit den Erklärungen des Senats nicht begnügen. Bott, schwarzer Seidenschal, glattes graues Haar und randlose Brille, will mehr:

"Dass das wirklich mal ein Architekt sich das anguckt. Ich habe gerade gehört von einem Architekten: Umbauten sind generell günstiger als Neubauten. Es ist also überhaupt nicht einzusehen, warum das nicht genauer angeguckt wird! Wenn es denn nicht geht, dann geht es nicht. Aber das würden wir gern genauer wissen. Vielleicht geht es ja eben doch!"

Der Kampf geht also weiter. Und wenn sich der Hamburger Senat nicht rührt, fällt den Demo-erfahrenen Alten sicherlich wieder etwas ein. Ist die nächste Aktion denn schon in Planung? Regula Bott senkt den Kopf, breites Lächeln:

"Und wenn, dann würden wir es Ihnen nicht verraten … Der Überraschungseffekt muss schon sein."

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