Samstag, 28. Mai 2022

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Kolonialgeschichte in Indien
Abgesang auf die überlegene Kultur

Der europäische Kolonialismus hat in vielen Ländern dieser Welt seine Spuren hinterlassen, die bis in die heutige Zeit spürbar sind. In seinem Roman „Die Belagerung von Krishnapur“ manifestiert der anglo-irische Schriftsteller James Gordon Farrell seinen Abgesang auf die überlegene Kultur der Kolonialherren, hinter deren Fassade Rassismus und Gewalt herrschten.

Von Dorothea Dieckmann | 13.06.2016

Zeichnung/Gemälde: historische Schlacht,
Schlacht von Sobrahon 1846: Die East India Company stand mehrfach in kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Einheimischen in Indien (imago/stock&people/United Archives International)
Schon gut zweihundertfünfzig Jahre lang hatte die britische Ostindien-Kompanie den riesigen Subkontinent im kolonialen Würgegriff, als 1857 eine Revolte der indischen, Sepoys genannten Soldaten ausbrach, die mit äußerster Grausamkeit niedergeschlagen wurde. Indiens erster Befreiungskrieg wurde im Vereinigten Königreich zum Sujet der mutiny novels. In diesen "Aufstandsromanen" bildeten britische Tapferkeit und koloniale Exotik, Liebe und Gefahr eine kommerziell wirksame Mixtur. In dem Roman "A Hero of Lucknow" von 1905 etwa wurde die Belagerung von Lakhnau zur Heldenlegende: Dreitausend britische und loyale indische Soldaten sowie Zivilisten, Frauen und Kinder waren monatelang in der britischen Residenz unter Beschuss. Knapp siebzig Jahre später hat der anglo-irische Autor James Gordon Farrell dieselbe blutige Episode des Sepoy-Aufstands zum Gegenstand seines Romans "Die Belagerung von Krishnapur" gemacht. Britisches Heldentum sieht hier allerdings anders aus:
"... da flogen die Türen auf und ein junger Offizier ritt schreiend und einen Säbel schwingend auf dem Rücken eines Pferdes in den Raum. Die Ladies wussten nicht, ob sie vor Angst oder Lachen kreischen sollten Cutter glitt vom Pferderücken. 'Ergeben Sie sich, Sir?', bellte er ein Kissen auf dem Sofa an, den Arm zum Stoß bereit zurückgezogen. 'Ja, es ergibt sich!', kreischte Mrs. Rayne. 'Nein, es fordert Sie heraus!', rief Ford. 'Dann sterben Sie, Sir!', schrie Cutter und stürzte das Kissen aufspießend vorwärts, wobei er im Eifer des Gefechts an einem Teppich hängenblieb und infolgedessen in einem Wirbelwind von Federn auf den Boden stürzte."
Zwar wird Leutnant Cutter im Handlungsverlauf einen klassischen Soldatentod sterben, doch selbst dann wird den Verfasser sein trockener, fast nihilistischer Humor nicht verlassen. Farrells buchstäblich schreiend komisches Buch über die abenteuerliche Situation der Belagerten, konsequent aus britischer Perspektive geschrieben, ist ein Zwitter aus minutiös recherchiertem historischem Roman und burlesker Parodie. In der eingeschlossenen Gruppe lässt sich die dekadente Britishness in der kolonialen Diaspora besonders scharf fokussieren. Und so verkörpern die schrägen Figuren typische Exemplare der viktorianischen Gesellschaft. Allen voran der wissenschafts- und fortschrittsgläubige Distriktskommissar, der Collector:
"Beim Gedanken an Statistiken spürte der Collector, wie sein Herz vor Freude schneller schlug Statistiken waren die Fußeisen, um die Strolche der Unwissenheit und des Aberglaubens, die der Wahrheit auf einsamen Seitenwegen nachstellten, in Ketten zu legen. Nichts konnte Statistiken widerstehen, nicht einmal der Tod, denn gerüstet mit Statistiken konnte der Collector den Tod fassen, ihn beschnüffeln, ihn zerlegen, ihn mit Säure übergießen und sehen, ob er löslich war."
Entwurf eines Sittenbildes
Sein Gegenspieler, der Magistrate, ist sozialistisch gesinnt und zugleich ein Anhänger der Schädelvermessung. Hinzu kommen zwei miteinander verfeindete Ärzte und ein bis zum Wahnsinn eifernder protestantischer Padre. Hauptfigur neben dem Collector ist der junge, schwärmerisch veranlagte Fleury, der sich in eine blassblonde höhere Tochter verliebt, während sein Freund, der fanatische Militär Harry, eine laszive "gefallene Frau" bevorzugt, die von den bigotten Ladies geschnitten wird. Ob religiöse Fehden, Rassenideologien oder Geschlechterrollen, Militärdoktrinen, poetische Salons oder Wohn- und Esskultur: Unter den Laborbedingungen der Belagerung entwirft Farrell ein Sittenbild, das trotz der schrillen Überzeichnung nie platt satirisch gerät. Besonders entlarvend wirkt Fleurys Besuch bei Hari, dem Sohn des indischen Maharadjas, einem Vasallen der Briten. Die Rollen verkehren sich, als Fleury in einem idealistischen Sermon auf die gefeierte Londoner Weltausstellung schimpft:
"'Was ich meine, ist, dass die Great Exhibition nicht der Markstein der Zivilisation war; sie war größtenteils eine Sammlung von unwesentlichem Plunder, den Ihre Vorfahren sicher auch gesammelt hätten.' Hari zuckte bei dieser Anspielung auf seine Vorfahren zusammen und wurde bleicher denn je ‚ ich fürchte, ich drücke mich nicht klar aus', stöhnte Fleury. 'Ich meine, dass die Sammlungen von Objekten nur Zerstreuungen für Leute sind, die unfähig waren, einen wirklichen geistigen Fortschritt zu machen.' 'Und Wissenschaft? Gab es da nicht viele wunderbare Maschinen?'' Aber denken Sie nach, in Wirklichkeit waren diese Geräte nur verbesserte Methoden, das Falsche zu tun.' 'Das Falsche! Ich bedaure, Fleury, wie ungemein rückständig Sie sind. Diese Maschinen machen mehr Essen, mehr Geld, sparen sehr viel Arbeitskraft', sagte Hari kühl."
Der zivilisatorische "Plunder", den dagegen der Collector, getreu seiner Amtsbezeichnung, mit Begeisterung sammelt, muss schließlich als Kanonenladung herhalten, genau wie die Rosenkränze und Heiligenfiguren des katholischen Paters, dessen protestantischer Kollege ihnen ein hohes Zerstörungspotential zutraut. Nippes, Haushaltsgegenstände und das gesamte Mobiliar werden zur Verstärkung im Befestigungswall versenkt. So drastisch manifestiert sich Farrells Abgesang auf die sogenannte überlegene Kultur, hinter deren Fassade Rassismus und Gewalt herrschen. Trotz des Sarkasmus spürt man eine bittere Melancholie, ja bedauernde Sympathie für die verblendeten Briten auf ihrem verlorenen Posten. Bei der Beschreibung der ausgehungerten Residenz äußert sich das wieder in einer Rollenverkehrung:
"Einige der reicheren Eingeborenen brachten nach europäischer Manier Picknickkörbe mit; während ihr Festmahl auf den Teppichen ausgebreitet wurde, konnten sie durch wohlweislich mitgebrachte Operngläser beobachten, was vor sich ging, obwohl das, was sie sahen, kaum sehr eindrucksvoll für sie gewesen sein dürfte: nur ein paar hinter Erdwällen kauernde zerlumpte, mit Furunkeln bedeckte Gerippe. Trotzdem ließen sie sich mit Genugtuung im Getümmel des Festplatzes nieder, wie Gentlemen, die nach der Pause auf ihre Plätze im Theater zurückkehren. Auch die Besatzung hatte begonnen, die Zuschauer durch Fernrohre zu betrachten, vor allem, um zu sehen, was sie aßen. Aber (es war) vielleicht gut, dass nichts davon erreichbar war, denn in ihrem ausgehungerten Zustand wären sie von einem schweren Curry höchstwahrscheinlich ebenso tot umgefallen wie von einer Kanonenkugel."
Ein groß angelegtes Kammerstück
Diese theatralische Anordnung spiegelt die Machart des gesamten Romans. Er ist ein groß angelegtes Kammerstück, in dem das viktorianische Rollenensemble einer verzerrenden, aber umso radikaleren Beobachtung unterzogen wird. Das Buch ist der Mittelteil der sogenannten Empire-Trilogie. Jeder der drei voluminösen Romane schildert einen kriegerischen Ausnahmezustand als Versuchsanordnung, in der der dekadente Zustand der britischen Gesellschaft untersucht wird: "Troubles", der erste, thematisiert den irischen Unabhängigkeitskrieg am Schauplatz eines verwahrlosten Hotels; "Die Umzingelung von Singapur", dessen deutsche Veröffentlichung noch aussteht, handelt vom Fall der britischen Kolonie im Jahr 1939. James Gordon Farrell war als satirisch-moralischer Diagnostiker seines Landes ein eminent politischer Romancier. Am Ende der "Belagerung von Krishnapur" lässt er Jahrzehnte später in London den mittlerweile zynisch-blasierten Fleury einen geläuterten Collector treffen, der zu einer resignierten Weltsicht gelangt ist:
"'Kultur ist Trug', sagte er nur. 'Ein Schönheitsanstrich, der dem Leben von reichen Leuten gegeben wird, um seine Hässlichkeit zu verbergen.'"

James Gordon Farrell: "Die Belagerung von Krishnapur"
Aus dem Englischen von Grete Osterwald,
Verlag Matthes & Seitz, 475 Seiten, 24,90 Euro.