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StartseiteCorso"Wer schreibt den Kanon?"23.07.2019

Kolonialismus im Global Pop"Wer schreibt den Kanon?"

Compilation-Alben boomen: Funk, Soul und traditionelle Sounds der 60er- oder 70er-Jahre aus Brasilien, der Türkei oder Afrika sind bei uns gefragt. Auch wenn der Westen dabei helfe, diese alten Pop-Perlen neu zu entdecken - dahinter steckten koloniale Strukturen, sagte Labelmacher Holger Lund im Dlf.

Holger Lund im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski

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Das Cover der LP "Saz Beat Vol. 3" des Berliner Labels "Global Pop First Wave" verschmilzt bunte Farben und das Bild eines Saz-Spielers (Global Pop First Wave/Veit Grünert)
Das Cover der LP "Saz Beat Vol. 3" des Berliner Labels "Global Pop First Wave" (Global Pop First Wave/Veit Grünert)
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Musik-Schätze der 1960er- und 1970er-Jahre aus der Geschichte der nicht-westlichen Pop- und Rockmusik aufzuspüren und auf Vinyl wiederzuveröffentlichen - das hat sich das Berliner Label "Global Pop First Wave" zur Aufgabe gemacht. Erschienen sind etwa die Reihen "Saz Beat" oder "The Trip. Psychedelic Music From the Hippie Trail" oder die LP "Funky Gospel-Soul from Chicago". Raritäten aus dem Ausland, die im Westen entdeckt und rückwirkend auch in der Heimat für Aufsehen gesorgt haben.

Der Kurator der Reihe ist Holger Lund - er ist auch DJ und Professor für Mediendesign, Angewandte Kunst- und Designwissenschaften in Ravensburg. In einem Essay im Netz reflektiert er seine Arbeit als Labelmacher und führt aus, wie Pop-Musik der 60er- und 70er-Jahre aus der Türkei und Brasilien im Westen aufgespürt und katalogisiert wird und wie man auf diese Weise die Geschichte des Global Pop neu schreibt. 

Wir haben noch länger mit Holger Lund gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Lunds Kernargument ist, dass die verschollene Musik häufig erst von westlichen Labels entdeckt werde und nicht in den Ursprungsländern selbst. Dies sei erst nach dem Re-Realase im Westen geschehen. Musikfans in der Türkei beispielsweise erkannten den Reichtum ihrer Musikgeschichte erst über die Aktivitäten aus dem Ausland. Das Problem dabei: "Die Geschichtsfortschreibung dieser nicht-westlichen Musikstile, die jetzt weltweit so sehr geschätzt werden, geschah im Westen", sagte er im Dlf, vor allem in Sammlerkreisen oder über Archivierungsdatenbanken wie Discogs.com. "Das ist ein Erbe der kolonialen Strukturierung", kritisierte Lund, "denn das sind westliche Kultur- und Machttechniken".

Lund bezeichnet das Phänomen als "Brooklyn-Hipsterismus": Was in dem Trendstadtteil New Yorks als angesagte Musik gelte, werde in den Ursprungsländern als cool und wichtig angesehen. Bei der Dekolonialisierung gehe es darum, "zu hinterfragen, wer welche Musik von wo aus heute veröffentlicht und ob es ein Zusammenspiel mit den regionalen Partnern gibt". Das geschehe nicht immer klischeefrei. Ein weiterer Nachteil sei, dass Musik, die einen zu geringen Anteil westlicher Sound-Einflüsse aufweise, tendentiell als nicht relevant gelte.

Startschuss für Presswerke

Durch den Aufbau von Vinyl-Presswerken in Brasilien oder der Türkei gebe es aber die Initiative, die Re-Releases in den Ursprungsländern wieder in die eigene Hand zu nehmen. Zudem hätten es manche Musikerinnen und Musiker auf diesem Wege geschafft, eine zweite Karriere aufzubauen und interantional auf Tour zu gehen. 

"Warum tauchen bestimmte Dinge aus der Pop-Geschichte immer wieder - fast penetrant - auf und manche überhaupt nicht?", dies sei eine der Ursprungsfragen für ihn gewesen, sagte Holger Lund im Dlf. Deswegen sei es wichtig, die musikalische Welt zu entdecken. Er habe die Platten über die Suche im Netz oder über Online-Verkaufsplattformen entdeckt. Dann bin ich Schritt für Schritt in den Austausch mit den Leuten gekommen." Man sei auf diese Musikliebhaber angewiesen, weil es in vielen Ländern keine Archivkultur für Popmsuik gebe. In vielen Ländern herrschte in den 60ern und 70ern Militärdiktaturen, die das kulturelle Erbe gekappt hätten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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