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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Wurzeln rassistischen Denkens10.11.2016

Kolonialismus und NationalismusDie Wurzeln rassistischen Denkens

Rassismus gab es in Deutschland lange vor der NS-Zeit - und er endete auch nicht nach 1945. Wie ausländerfeindliches Denken und Handeln entsteht, untersucht ein aktuelles Forschungsprojekt. Im Fokus steht dabei die Frage, inwiefern die Kolonialzeit die Voraussetzung für die Gewaltgeschichte des Dritten Reichs schuf.

Von Isabell Fannrich-Lautenschläger

  Eine Frau fotografiert am 5.9.2003 das Askari-Relief im Tanzania-Park in Hamburg. (Ulrich Perrey, dpa picture-alliance)
Das Askari-Relief in Hamburg zeigt eine Truppe afrikanischer Soldaten, die für die deutsche Kolonie kämpften. Die Nationalsozialisten griffen in vielen Bereichen auf koloniale Muster zurück. (Ulrich Perrey, dpa picture-alliance)
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In der KZ-Gedenkstätte Neuengamme waren die Experten sich einig: Rassistisches Denken und Handeln setzte lange vor der NS-Zeit ein und endete auch danach nicht. Für den Historiker Jürgen Zimmerer hängt diese Kontinuität nach 1945 unter anderem damit zusammen, dass die Bildungsarbeit sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu stark auf den Antisemitismus konzentriert hat. Mit der Folge:

"Dass die deutsche Öffentlichkeit nach 1945 Rassismus ganz stark als Antisemitismus definierte. Antisemitismus ist nach 1945 negativ konnotiert - und daraus eben ein Bild entstand, Deutschland hätte kein Problem mit Rassismus. Wir machen jetzt aber – und nicht nur jetzt in den letzten zwei Jahren – die Erfahrung, dass Rassismus nicht weg ist in der deutschen Gesellschaft."

Diesen allzu engen Blick soll das Forschungsprojekt "Rassismen in Kolonialismus und Nationalsozialismus. Formen – Funktionen – Folgen" nun überwinden. Mit dem Ziel, neues Online-Bildungsmaterial zu erstellen, untersuchen Wissenschaftler der Universität Hamburg und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme neben den antisemitischen die rassistischen Kontinuitäten in der deutschen Geschichte. Jürgen Zimmerer, Autor des Buches "Von Windhuk nach Auschwitz":

"Peter Moors Fahrt nach Südwest': das ist ein Jugendbuch von 1907, das bis 1945 das meist verkaufte Jugendbuch in Deutschland ist. Eine fiktive Geschichte von einem Soldaten, der nach Südwest-Afrika geht. Und der unterhält sich da über das, was passiert. Und dann reden die auch über die Vernichtung der Herero und begründen das: Es ist nicht so, dass wir die Herero nicht mögen. Es ist nur so, sie haben keine Brunnen gebohrt, die haben keine Häuser gebaut. Übersetzt heißt das, die haben keine zivilisatorischen Leistungen im deutschen Sinne erbracht. Sie waren nicht wirtschaftlich effizient, und deshalb haben sie kein Lebensrecht."

Gewaltgeschichte des Dritten Reichs fußt auf Strukturen des Kolonialismus

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, den die Deutschen in ihrer Kolonie Deutsch-Südwestafrika auf dem heutigen Gebiet von Namibia an Zehntausenden Herero und Nama verübten, war nicht die Ursache für die späteren NS-Verbrechen. Ein direkter kausaler Zusammenhang lasse sich nicht herstellen, sagt Zimmerer, der an der Uni Hamburg über die Verflechtung von Kolonial- und NS-Zeit forscht. 

Dennoch stellen die kolonialen Strukturen und der historische Kolonialismus eine wichtige Voraussetzung für die Gewaltgeschichte des so genannten Dritten Reiches dar, betont auch Oliver von Wrochem, Leiter des Studienzentrums in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: 

"Wenn man über Besatzungspolitik nachdenkt in Osteuropa, aber bezogen auch auf die Behandlung von Minderheiten in Deutschland – Stichwort Ausschluss – und den Rassismus, der im Nationalsozialismus ganz ausgeprägt war. Wenn man diese ganzen Dimensionen sich anschaut, dann wird man feststellen, dass der Kolonialismus eine wichtige Wurzel ist für diese Ideologie."

Parallelen zwischen Kolonialkriegen und NS-Vernichtungskrieg

In Deutsch-Südwestafrika hatten die Deutschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine großräumige Besiedelung geplant. 30 Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen waren dort bereits Misch-Ehen verboten.  

Die Nationalsozialisten griffen auf diese kolonialen Muster zurück. Nach ihrer Machtübernahme planten sie, den so genannten 'Lebensraum im Osten' zu besiedeln und rund 60 Millionen Slawen nach Sibirien zu transportieren. Die Polen und Russen, in der rassistisch geprägten NS-Ideologie Menschen zweiter Klasse, sollten Platz für die Deutschen machen. 

Parallelen lassen sich auch zwischen den Kolonialkriegen und dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg in Osteuropa ziehen, der 1939 in Polen begann und sich ab 1941 vorwiegend auf die Sowjetunion konzentrierte. Für die Historikerin Cäcilia Maag, die über "Das Kolonialprojekt Osteuropa" forscht, ist ein Verständnis des europäischen Kolonialismus unabdingbar. Denn betrachtet man den Vernichtungskrieg im Osten nur im europäischen Kontext, erscheint er präzedenzlos – ein Tabubruch. 

"Und der Punkt daran ist, dass die Interpretation dieses Ostkrieges immer in einem europäischen Kontext gesehen wird. Man schaut sich an: Oh, es unterscheidet sich ganz stark von der Westfront. Die Kriegführung unterscheidet sich ganz stark von beispielsweise dem Ersten Weltkrieg. Wenn man aber den Blick zum kolonialen Kontext öffnet, dann sieht man dass die Gewaltpraktiken, die angewandt werden gegen die russische Zivilbevölkerung beispielsweise wir in einem kolonialen Kontext schon längst gesehen haben."

Forschungsobjekt: Das Schicksal von Farbigen in NS-Deutschland

Aus einer anderen Perspektive nähert sich Susann Lewerenz der Verflechtung von Kolonial- und NS-Zeit. Sie untersucht die Biographien von people of colour, von farbigen Menschen, die aus früheren Kolonien wie Togo oder Deutsch-Südwestafrika stammten.

Mit dem NS-Staat waren sie auf ganz unterschiedliche Weise konfrontiert. Einige hundert Menschen etwa, die überwiegend im Unterhaltungsgewerbe tätig waren, lebten in Deutschland, als Hitler an die Macht kam. Andere kämpften als Kolonialsoldaten für die Alliierten und gerieten in deutsche Gefangenschaft. Wieder andere wurden beim Widerstand in den besetzten Ländern von den Deutschen verhaftet. 

"Das Interessante ist, dass es durchaus Verbindungen zwischen den einen und den anderen gibt, also dass sich die Perspektive zum Beispiel auf Personen, die in Deutschland lebten, änderte, in dem Moment, in dem im Kriegskontext auf der anderen, auf der gegnerischen Seite Kolonialtruppen standen. Um mal ein Beispiel zu nennen, wie das miteinander verklammert war. Weil die Nationalsozialisten eine massive rassistische Kriegspropaganda-Kampagne 1940 starteten, um genau gegen diese Kolonialtruppen auf französischer und britischer Seite zu mobilisieren."

Im Krieg verschärfte sich Diskriminierung

Mit welchen Formen von Rassismus wurden die 'People of colour' konfrontiert? Wie waren ihre Handlungsspielräume und Überlebenschancen? Zu Beginn seien Schwarze nicht nur ausgegrenzt worden – hofften die Nationalsozialisten doch darauf, die alten Kolonien zurück zu gewinnen. Infolge der NS-Propaganda, die sich eigentlich nach außen gegen die Kriegsgegner richtete, verschlechterten sich aber die Lebens- und Arbeitsbedingungen von schwarzen Menschen massiv, berichtet die promovierte Historikerin. Mit der Folge: 

"Dass sich im Krieg die rassistische Diskriminierung verschärfte und im Krieg eben Menschen auch in Konzentrationslager gerieten, die vor dem Krieg noch mehr Handlungsspielräume hatten und sogar die Möglichkeit hatten zu arbeiten – auch sogar mit staatlicher Unterstützung, weil sie zum Beispiel aus den ehemaligen deutschen Kolonien kamen."

 

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