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Kolonialkriege - Im Herzen der Finsternis

Das 20. Jahrhundert war das blutigste in der Menschheitsgeschichte. Leider ist die Diskussion über die Ursachen, Manifestationen und Konsequenzen politischer Gewalt allzu oft auf den eigenen Nationalstaat verengt worden. Unsere fünfteilige Serie befasst sich deshalb mit der "politischen Gewalt im 20. Jahrhundert" in einem europäischen Kontext.

Von Stephan Malinowski | 05.09.2010

In der letzten Folge hören Sie nun einen Essay von Stephan Malinowski zum Thema "Kolonialkriege oder: Im Herz der Finsternis". Der Autor lehrt seit 2009 deutsche und westeuropäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am University College in Dublin.


Kolonialkriege - Im Herzen der Finsternis
Von Stephan Malinowski

In seinem Meisterwerk Apocaplypse Now, einem frühen Abgesang auf den Vietnamkrieg, lässt Francis Ford Coppola einen Captain der amerikanischen Spezialeinheiten den Mekong flussaufwärts fahren, um einen abtrünnigen Oberst der amerikanischen Armee zu liquidieren. Oberst Kurtz, ein Kriegsheld der Sonderklasse, hat sich von seiner Einheit abgesetzt und im kambodschanischen Urwald ein Regime aus Terror, Gewalt und Rausch erschaffen.

In der späteren Langfassung des Films erweitert Coppola sein Epos von 1979 um eine Szene, in der Captain Willard die Witwe eines französischen Siedlers trifft, die als Relikt der französischen Kolonialherrschaft in Indochina zurückgeblieben ist. Willard ignoriert ihre Warnungen und verbringt eine rauschhafte Nacht mit ihr. Die Begegnung ist eine Metapher: Die USA, einst selbst hervorgegangen aus einem antikolonialen Aufstand, infizieren sich in Vietnam mit den kolonialen Krankheiten Europas und tragen diese Gewalttradition weiter.

Bereits sieben Jahre vor Coppolas Film hatte der deutsche Avantgarde-Regisseur Werner Herzog das Motiv des Europäers, der sich im kolonialen Abseits selbst abhandenkommt, in den Urwald von Peru verlegt und als Geschichte eines spanischen Konquistadoren im 16. Jahrhundert erzählt. Ein rasender Klaus Kinski interpretiert die historische Figur des Don Lope de Aguirre bei seiner südamerikanischen Flussfahrt auf der Suche nach Eldorado

"Wir werden ganz Neuspanien in der Hand haben – und wir werden Geschichte inszenieren. Wie andere Stücke auf dem Theater. Ich, der Zorn Gottes, werde meine eigene Tochter heiraten. Und mit ihr die reinste Dynastie gründen, die je die Erde gesehen hat. Zusammen werden wir über diesen Kontinent herrschen. Wir halten durch. Ich bin der Zorn Gottes – wer sonst ist mit mir?"

Beide Filme sind von einer der größten europäischen Novellen inspiriert, die über innere und äußere Abgründe kolonialer Gewaltexporte je geschrieben wurden. Heart of Darkness, Im Herzen der Finsternis, so der Titel des 1902 erschienenen Romans eines polnischen Abenteurers und Seefahrers mit britischer Staatsangehörigkeit: Joseph Conrad. Der Strom, auf dem die Reise einer europäisch gemischten Mannschaft flussaufwärts führt, ist der Kongo, den historischen Hintergrund bildet die belgische Kongo-Kolonie, in der nach vagen Schätzungen der Historiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts fünf bis zehn Millionen Afrikaner in einem Inferno aus Gier, Zwangsarbeit und abgehackten Händen als Währungseinheit der Kautschukhändler ihr Leben verlieren.

Die Globalisierung hat uns um den Begriff der Sonderhandelszone bereichert. Für den Kolonialismus ließe sich in Anlehnung daran von Sondererfahrungszonen sprechen.

Die Leichtigkeit, mit der sich das Motiv von der Flussfahrt in die Finsternis von Südamerika um 1560, über den Kongo um 1900 bis ins Vietnam des Jahres 1967 transportieren lässt, spricht für eine gewisse Zeitlosigkeit des Phänomens. In seiner berühmten Analyse der Eroberung Amerikas im 16. Jahrhundert schreibt Tzvetan Todorov:

" >Alles ist erlaubt<. Fern der Zentralmacht, fern dem königlichen Gesetz, fallen alle Schranken, das bereits gelockert soziale Band zerreißt, und es offenbart sich nicht eine primitive Natur, die in jedem von uns schlummernde Bestie, sondern ein modernes und sogar zukunftsvolles Wesen, das keine Moral mehr kennt und tötet, weil und wann immer es ihm Spaß macht."

Gewalt ist zur Errichtung, zur Aufrechterhaltung und zur Beendigung von Kolonialherrschaft nötig. Innerhalb der Gewaltgeschichte Europas sind die Kolonialkriege eine erst in letzter Zeit genauer beachtete Traditionslinie. Bis vor einigen Jahren wurde diese Traditionslinie den stillen Kämmerlein von Fachwissenschaften wie der Afrikanistik überlassen, oder beim Feiern des vermeintlich friedlichen Teils europäischer Geschichte nach 1945 völlig ignoriert.

Es sprechen allerdings tatsächlich gute Gründe dafür, Kolonialkriege als einen Sonderfall innerhalb der europäischen Gewalttraditionen zu betrachten, wenn man darüber nicht aus den Augen verliert, dass es sich um eine Linie handelt, die europäische Politik und Kultur über Jahrhunderte geprägt hat.

Kolonisatoren agieren als numerische Minderheit in einer fremden, als leer oder feindlich wahrgenommenen Natur.

Die Metapher von der Reise ins Herz der Finsternis bezieht sich neben der Finsternis des unbekannten Äußeren auf die Finsternis im eigenen Inneren. Conrads persönliche Kenntnis vom grausamen Regime aus Ausbeutung und Massenmord, dass sich europäische Handelsinteressen im Kongo gezimmert hatten, schien zumindest vor den Weltkriegen die darauf zu deuten, das bestimmte europäische Grausamkeiten nur außerhalb Europas denkbar seien. Der Zusammenbruch der Mitmenschlichkeit, von dem die Philosophen Hannah Arendt und Alain Finkielkraut für spätere Zusammenhänge gesprochen haben, findet in kolonialen Kontexten an unzähligen Stellen statt. In ihrer einflussreichen Analyse totaler Herrschaft hat Hannah Arendt diese Verwandlung am Beispiel der Buren beschrieben, jener holländischen Siedler, die seit dem 17. Jahrhundert Teile Südafrikas besiedelt hatten.

"Die Buren sind die ersten Kolonialmenschen, die sich nie wieder in normale europäische Verhältnisse hätten schicken können, weil ihnen das grundsätzliche Ethos des Europäers, der in einer von ihm selbst mitgeschaffenen und dauernd mitveränderten Welt lebt, nicht mehr begreiflich war."

Was hier auf den Typus weißer Siedler in den sogenannten Siedlungskolonien gemünzt ist, lässt sich auch im militärischen Bereich zeigen. General Lothar v. Trotha, der preußische General, der 1904 das deutsche Kolonialmassaker in Südwestafrika befehligt, hatte zuvor Kommandopositionen in Deutsch-Ostafrika und davor beim Boxeraufstand in China inne. Kolonialkriege brachten wandernde Gewaltspezialisten hervor. Noch stärker bildete sich in Kolonialmächten wie England und Frankreich der Typus des Kolonialkriegers heraus, Spezialisten für Kriege gegen "Unzivilisierte".

Französische Kolonialkarrieren konnten von den Fronten des Ersten Weltkrieges in den Nahen Osten, von dort ins Debakel der französischen Niederlage von 1940, auf afrikanische Kriegsschauplätze, dann bis 1954 in den Indochinakrieg, zwei Jahre später in die Kommandoaktion gegen den Suezkanal und von dort bis 1962 zu Kommandeurspositionen beim Angriff auf die Altstadt von Algier oder bei der Durchkämmung algerischer Bergdörfer führen. Europäische Kolonialmächte haben Biografien hervorgebracht, die zwischen Jahrhundertwende und den Kolonialkriegen der 1950er-Jahre praktisch 30 Jahre lang im Kampfeinsatz waren.
Blickt man auf das 20. Jahrhundert, so fällt zunächst die massive Konzentration von Kolonialkriegen zu Beginn des Jahrhunderts auf. Geführt werden diese Kriege von hochmodernen Industriestaaten, den wichtigsten Demokratien der westlichen Welt.

Im Spanisch-Kubanischen Krieg vertreiben die Spanier 1897 im Rahmen ihrer Anti-Guerillataktik Hunderttausende von Zivilisten und systematisieren unter dem Begriff campos de reconcentración das Konzentrationslager. Im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 zerschlagen die USA die Reste der maroden spanischen Kolonialmacht und trumpfen in der Folge endgültig als global player und Kolonialmacht auf den Philippinen und in Kuba auf. Vor allem auf den Philippinen wird jahrlang ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt, die Zivilopfer liegen im Bereich von mehreren Hunderttausend. England entsendet wenig später über 70.000 Mann nach Südafrika, die im Zweiten Burenkrieg von der Guerilla-Taktik kleiner berittener Einheiten zermürbt werden und mit einer Strategie der verbrannten Erde sowie einer Fortentwicklung der concentration camps antworten.

Nach einem Aufstand der Herero und Nama entsendet das Deutsche Kaiserreich ein Expeditionskorps. Nach scheiternder Entscheidungsschlacht treiben deutsche Truppen im Sommer 1904 afrikanische Männer, Frauen und Kinder in ein wasserloses Gebiet und jagen die Flüchtenden in berittenen search-and-destroy-Aktionen wie Tiere. Der Feldzug gerät zum groß angelegten Massenmord, den einige Historiker heute als den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts einordnen. Ein Jahr später werden deutsche Truppen in Ostafrika während des sogenannten Maji-Maji-Krieges bei dem deutsche Truppen 23 Mann verlieren und vagen Schätzungen etwa 200.000 Afrikaner umbringen.

Zeitgleich gerieten immer mehr Details über die Gräuel in der dem belgischen König als Privatbesitz zugeschlagenen Kongo-Kolonie in die Öffentlichkeit – die höchsten Schätzungen vermuten, dass in den zwei Jahrzehnten um 1900 40-50 Prozent der kongolesischen Gesamtbevölkerung in einem Mahlwerk aus Zwangsarbeit, Vertreibung, Hunger und Erschießungen umgekommen sind. Emblematisch für die europäische Gemeinsamkeiten dieser Gewaltexpeditionen war wenige Jahre zuvor die europäisch-amerikanische Streitmacht, die 1900 nach China aufbricht, um dort den sogenannten Boxer-Aufstand niederzuschlagen. In seiner berüchtigten Hunnenrede hatte Kaiser Wilhelm II. die deutschen Soldaten aufgefordert, vor dem Feinde kein Pardon zu geben, keine "Gefangenen zu machen" und wie einst die Horden des Hunnenkönigs Attila nachhaltig Angst und Schrecken zu verbreiten.

So verschieden diese Kriege motiviert waren und so unterschiedlich sie verliefen, sie weisen Gemeinsamkeiten auf, die für Kolonialkriege typisch sind. Den Charakter des Raubkrieges, in dem es um Bodenschätze, landwirtschaftliche Nutzflächen, Handelsplätze oder strategische Positionen geht. Eine Verwischung der Grenzen zwischen Zivilisten und Kombattanten und Wellen militärischer Gewalt, deren Hauptwucht Zivilisten – Männer, Frauen, Kinder – trifft. Eine Politik der verbrannten Erde, die Vertreibung ganzer Völkerschaften, die Verwendung einheimischer Hilfstruppen und die Einrichtung von Konzentrationslagern, in denen Zivilisten in hohen Todesraten sterben.

Gemein ist diesen Kriegen stets eine rassistische Begründung und Legitimation sowie die schmerzliche Erfahrung, dass sich hochgerüstete europäische Heere auf unwegsamen Gelände gegen kleine, bewegliche, eng mit der Zivilbevölkerung verbundene Guerillaeinheiten vielfach als unbrauchbar erweisen.

Bereits in den Kriegen zur Jahrhundertwende wird ein typisches Muster von Kolonialkriegen deutlich, das Mao Tse Tung einige Jahrzehnte später in eine berühmt gewordene Formel fassen wird: "Der Guerillakämpfer muss sich in der Bevölkerung bewegen wie der Fisch im Wasser". Von den frühen Strategen der Kolonialkriege bis zur heutigen counter-insurgency bedeutete dies, dass der Fisch dort, wo er sich nicht fangen ließ, vom Wasser getrennt werden müsse.

Militärisch übersetzt bedeute dies die Vertreibung, Umsiedelung, Entvölkerung riesiger Gebiete, die Einrichtung von überwachten Konzentrationslagern und den Versuch, jede Kommunikation zwischen kämpfenden Einheiten und Zivilbevölkerung zu unterbinden.

Vonseiten der Aufständischen bedeute dies: Hinterhalte, hit-and-run-Angriffe kleiner, mobiler, ortskundiger Einheiten, Scharfschützen, Sprengfallen, Angriffe auf Siedler, kurz, Gewaltformen, die bis heute als Terrorismus bezeichnet werden. Kolonialkriege sind deshalb fast immer asymmetrische Kriege, in denen Kombattanten und Zivilisten schwer zu trennen sind und in denen die Front überall ist.

Zu den Besonderheiten gehört weiter die Ansicht, dass im kolonialen Raum andere Methoden zulässig sind als im eigenen Kulturkreis. Hin und wieder waren Kolonialkriege Testfelder für neue Gewalttechniken. In der Schlacht von Omdurman im Sudan hatte eine kleine britische Einheit 1898 einige der ersten Maschinengewehre eingesetzt. Auf dem Schlachtfeld blieben 49 gefallene Engländer und ca. 19.000 niedergemähte Gegner zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist die Antwort noch negativ – und die Flugzeuge üben Angriffe dieser Art in Indien und im Nahen Osten.

Etwa zehn Jahre später ist diese Spaltung weit folgenreicher. Beim Angriff des faschistischen Italien auf Äthiopien schickt Mussolini im Jahre 1935 eine Streitmacht von 300.000 Mann plus 80.000 afrikanische Hilfsverbände zur Eroberung des ostafrikanischen Staates. Die italienische Luftwaffe bombardiert massiv militärische und zivile Ziele und setzt dabei großflächig völkerrechtlich geächtete Giftgase ein – wie zuvor bereits in Libyen und wie Spanien etwa 10 Jahre zuvor in Marokko. Die italienische Landnahme soll das Leben von ca. 500.000 afrikanischen Zivilisten gekostet haben.

Die doppelten Standards, was im Krieg gegen inner- und außereuropäische Feinde erlaubt sei, werden erst Wehrmacht, Waffen-SS und Einsatzgruppen seit 1939 in großem Maßstab zertrümmern.

Von nicht-europäischen Intellektuellen ist diese doppelte Buchführung immer wieder aufgespießt worden. Die berühmteste Formel stammt von dem auf Martinique geborenen Schriftsteller Aimé Césaire, der 1955 formulierte, was man Hitler nicht verzeihe, sei allein, Mitglieder der weißen Bourgeoise wie Afrikaner behandelt zu haben. Der nationalsozialistische Auftritt in Osteuropa erscheint bei Césaire wie eine Übertragung jahrhundertealter Kolonialmuster auf inner-europäische Kontexte:

"[Was man Hitler im Grunde nicht verzeiht ist] nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen am Menschen, dass es nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass es das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass es die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa, denen bisher nur die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas ausgesetzt waren."

Einige Historiker haben versucht, eine Linie aufzuzeigen, die von den Kolonialmassakern, insbesondere vom deutschen Massenmord in Südwestafrika im Jahre 1904, bis nach Auschwitz führt. Eine direkte, auf Deutschland beschränkte, von den kolonialen Gewalterfahrungen vor 1918 bis nach Auschwitz führende Traditionslinie ist in letzter Zeit leidenschaftlich diskutiert, bislang aber nicht bewiesen worden.

Allerdings dürfte die weiter gefasste Frage, wie Kolonialgewalt und die Abgründe des Zweiten Weltkriegs zusammenhängen, die Forschung noch lange beschäftigen. Tatsächlich liefert die Kolonialgeschichte von Anfang bis Ende Anleitungen dafür, wie schnell sich Unbekannte in Untermenschen verwandeln lassen.

Die Klassifikationen, das Vokabular und die Techniken des Massen- und Völkermordes wurden zweifellos hier eingeübt. Methodisch ist es äußerst schwierig nachzuweisen, wo, wie und in welchem Maß das Rassedenken des europäischen Kolonialismus im späten 19. Jh. In die ideologisch-politischen Schaltkreise auf dem Kontinent selbst eingespeist wurde. Plausibel ist an der These von einer direkten Verbindung, dass in der Tat die Grenzen zwischen militärisch und zivil, männlich weiblich, erwachsen, Kind, Mensch, Tier bzw. Mensch-"Untermensch" schwer beschädigt werden. Hannah Arendt hatte über die europäischen Erfahrungen in Afrika um 1900 formuliert:

"Entscheidend für den Rassebegriff des 20. Jahrhunderts sind die Erfahrungen, welche die europäische Menschheit in Afrika macht und die erst durch den scramble for Africa und die Expansionspolitik in das allgemeine Bewusstsein Europas eindrangen (...) Hier, unter dem Zwang des Zusammenlebens mit schwarzen Stämmen, verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts, wie die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes sie lehrt, zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich hier zum ersten Mal fest."

Die Figur des Untermenschen, gegen den ein regelhafter Krieg weder nötig noch möglich ist, wird hier praktisch ausprobiert und einstudiert.

Neuere Arbeiten zum Dritten Reich beschreiben die im nationalsozialistischen Raubkrieg eroberten Territorien zum Teil wie selbstverständlich als Empire. Der Krieg im Osten ließe sich als kolonialer Raubkrieg interpretieren. Die rassistisch grundierte, auf pseudo-wissenschaftliche Expertise aufbauende Eroberung von "Räumen", die durch Vertreibung von Millionen Menschen umgestaltet und "erschlossen" werden sollten, weisen ebenso in diese Richtung wie die schonungslose Ausnutzung von Arbeitskraft und Rohstoffen.

Führende SS-Denker, die maßgeblichen Rasse- und Raumplaner sowie auch Adolf Hitler selbst hatten immer wieder Parallelen zum europäischen Kolonialismus gezogen. Hitler formulierte im September 1942:

"Der Kampf um die Hegemonie in der Welt wird für Europa durch den Besitz des russischen Raumes entschieden; er macht Europa zum blockadefestesten Ort der Welt. Die slawischen Völker hingegen sind zu einem eigenen Leben nicht bestimmt. Der russische Raum ist unser Indien, und wie die Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir diesen unseren Kolonialraum regieren."

Einige Monate später schrieb der Soldat und spätere Nobelpreisträger Heinrich Böll seinen Eltern aus einem Lazarett, oft denke er in Russland "über die Möglichkeit eines kolonialen Daseins hier im Osten nach einem gewonnen Krieg" nach. Die Parallelen gehen in der Tat über das Sprachliche hinaus.

Die Grenzen der Theorie liegen unter anderem in der Beobachtung, dass gerade die Kolonialmächte mit der längsten und gewaltreichsten Kolonialtradition die demokratische Staatsform nicht aufgeben und selbst im Totalen Krieg keinen Völkermord hervorbringen.

Zum kolonialen Zugriff auf fremde Welten gehört sodann eine stetige Angst vor der Veränderung des Bekannten durch das koloniale Fremde.

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Angst ist die berühmte rivers of blood Rede, die Enoch Powell, Abgeordneter der Britischen Konservativen, im April 1968 hält, um das Horrorgemälde eines von Immigranten überlaufenen Englands zu malen. Englische Frauen fänden zur Geburt ihrer Kinder keine Betten mehr, ganze Viertel gehörten Dunkelhäutigen, rechtschaffene Engländer stünden unter der Knute des schwarzen Mannes und bald schon würden, wie einst in Rom, Ströme von Blut die Flüsse rot aufschäumen lassen. Ein anderes Beispiel: Am 17. Oktober 1961 eskaliert in Paris eine Großdemonstration algerischer Arbeiter. Die Straßenschlacht endet in einem Massaker, bei dem französische Sicherheitskräfte im Herzen von Paris zwischen 100 und 200 Algerier erschlagen, erschießen oder mit gefesselten Gliedern in die Seine werfen und ertrinken lassen.

Doch zum bleibenden Erbe der Kolonialkriege gehört ein weiterer Zug, der in der Geschichte schierer Vernichtung nicht aufgeht. Von Beginn an hatte das europäische Wüten im nicht-europäischen Raum eine zweite, vermeintlich hellere Seite. Im Kielwasser von Entdeckungs- und Eroberungsspezialisten wie Columbus und Cortés fand eine Armee von Wohlmeinenden über den Atlantik und andere Meere. Missionare wie Bartlomé de las Casas, den man das "Gewissen des Abendlandes" genannt hat, und Bernadino de Sahagún, der im 16. Jahrhundert feinsinnige, fast anthropologische Werke über die Azteken verfasst – Missionare, die Menschenwürde und Interessen der Indianer immer wieder gegen die Konquistadoren verteidigen. Einerseits sind diese Missionare Teil der Eroberungsmaschine. Doch sie sind zugleich die ersten Repräsentanten einer europäischen Kraft, die über Jahrhunderte bemüht sein wird, den Kulturen anderer Kontinente europäische Lebensweisen aufzunötigen.

Einige der Kolonialkriege im zweiten Teil des 20. Jahrhunderts haben als Besonderheit, den Gegner nicht vernichten, sondern erziehen, auf ein "höheres Niveau heben", modernisieren und der europäischen Lebensweise annähern zu wollen. Begriff und Institution der "Entwicklungshilfe" sind eine Erfindung des europäischen Kolonialismus der Zwischenkriegszeit.

Über die Jahrhunderte haben Europäer die Leitparolen nuanciert und verändert, Christianisierung, Zivilisierung, Modernisierung, Demokratisierung. In der Phase des Hochimperialismus um 1900 war das europäische Selbstverständnis auf den selbstgefälligen Gedanken kommen, das gewaltreiche Wirken des weißen Mannes als Bürde zu definieren, die von den weißen Herrenrassen zu schultern sei. Rudyard Kipling, hierzulande besser bekannt als Erfinder von Mogli und dem Dschungelbuch, gehörte zu den einflussreichsten Barden des britischen Kolonialismus.

Diese Tradition mit ihrer merkwürdigen Verbindung aus Missionierung, Zwangsmodernisierung und brutaler, von militärischen und zivilen Apparaten exekutierter Gewalt erlebte in den 1950er und -60er-Jahren ihre letzte koloniale Hochkonjunktur. Die Abgründe des Zweiten Weltkrieges, vor allem aber die stark dynamisierten Unabhängigkeitsbewegungen in Asien und Afrika, zwangen die Kolonialmächte, neue Legitimationen und Konzepte zu präsentieren.

In Malaysia, wo die Briten seit 1948 einen Kolonialkrieg mit der neuen Logik des Kalten Krieges kreuzen, wird die Taktik des Anti-Guerillakampfes um den Versuch erweitert, die Zivilbevölkerung zu überzeugen und sogar ihre Herzen zu gewinnen. Die Lager heißen nun nicht länger Lager, sondern werden als new villages tituliert. Wer sich an die Kolonialmacht hielt, durfte zum Beispiel auf ein Heim mit weißen Mauern hoffen.
Nicht wenige Lager kombinierten Stacheldraht und Maschinengewehrtürme mit Fußballplätzen, Mädchenschulen und mobilen Kinos. Die Rede spätkolonialer Strategen vom neuen Menschen war Teil des militärischen Planes und wie die Schaffung blühender Landschaften durchaus ernst gemeint. Das englische Konzept von der battle for the hearts and minds, dem Kampf um die Unterstützung eines Teils der Bevölkerung wird nach 1945 zum kolonialkriegerischen Exportschlager.

Das Konzept wandert von Malaya nach Kenia, wo die Engländer 1952-1957 im Mau-Mau Krieg vorgeben, einen Sumpf der Rückständigkeit trockenlegen und das Land dem Fortschritt zuführen zu wollen. Geschaffen wird ein Lagersystem mit Erniedrigung und Folter, über 1.000 Hinrichtungen und mindestens 50.000 Ziviltoten. Zeitlich parallel führt Frankreich in Algerien 1954-1962 den umfangreichsten und brutalsten Kolonialkrieg nach 1945. 500 Jahre verpasster Entwicklung sollten wie im Zeitraffer und in 20 Jahren aufgeholt werden. Oberst Charles Lacheroy, einer der wichtigsten Theoretiker des Algerienkrieges, findet eine Kurzformel dafür:

"Wir überreichen den Muslimen das schönste Geschenk, das wir ihnen machen können. Wir sagen ihnen: Du wirst sein wie wir."

Frankreich treibt die Doppelgestalt von Modernisierungsangeboten, neuen Dörfern und Schulen einerseits, systematischer Folter, Vertreibung und Internierung von 30 Prozent der Bevölkerung andererseits auf die Spitze. Der Krieg wird bis zu 500.000 Algerier das Leben kosten. Die Folterkenntnisse französischer Spezialeinheiten werden noch während des Krieges von amerikanischen Geheimdiensten und südamerikanischen Militärdiktatoren angefragt und importiert.

Die Doppelstrategie aus counter-insurgency, Folter zur Informationsgewinnung und die Offensive im Kampf um hearts and minds in einem islamischen Land erlebt seit einigen Jahren eine neue Hochkonjunktur. Die französischen Strategien der Aufstandsbekämpfung werden in den Eliteakademien der US-Armee für die Bedürfnisse in Afghanistan und im Irak umgearbeitet.

Bei den europäischen Kolonialkriegen nach 1945 handelt es sich zudem um Phänomene der Ungleichzeitigkeit. Les Trente Glorieuses, die ersten Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die man mit Wirtschaftswunder, Frieden, Aufbau, Kooperation, Wohlstand und Europäischer Gemeinschaft assoziiert, haben eine selten beachtete Rückseite in Form der vielfach gegen die Zivilbevölkerung geführten Kolonialkriege.

Am Tag des offiziellen Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa, dem 8. Mai 1945, eskaliert in der algerischen Stadt Sétif die Niederschlagung von Demonstrationen und Aufständen derart, dass französische Sicherheitskräfte nach mittleren Schätzungen 10.000 Zivilisten niedermachen. Nur an wenigen Stellen prallt die Diskrepanz zwischen europäischem Frieden und kolonialem Massaker so hart und emblematisch aufeinander wie hier.

Doch für die Zeit nach 1945 fügt sich die innereuropäische Geschichte von Frieden, Annäherung und Wohlstand insgesamt nicht in die letzten kolonialen Auftritte der europäischen Demokratien Frankreich, England, Holland, Belgien sowie der hartnäckig brutalen Auftritte Portugals bis 1975.

Ein auf "Entdeckungen" und Fortschritt stolzes Europa wird gut beraten sein, seine Fahrten in die Finsternis stärker als Teil seiner Geschichte zu akzeptieren. Der Umgang mit Fremdartigkeit ist einer der Kerne dieser Geschichte. In einer der Urszenen des europäischen Kolonialismus steht Hernán Cortés im Jahre 1519 mit etwa 300 Mann, einigen Pferden und wenigen Geschützen an den Küsten des Aztekenreiches. Er steht einer Hochkultur und einer Übermacht von mindestens 200.000 Kriegern gegenüber.

Ein Jahr später ist der Aztekenherrscher Montezuma tot, sechs Jahre später wird der letzte Aztekenherrscher umgebracht, zwei Generationen später sind von 25 Millionen Ureinwohnern noch etwa 2 Millionen am Leben und die von den Spaniern vorgefundenen Zivilisationen ausgelöscht. Tzvetan Todorov hat die Begegnung als Kommunikationsdesaster beschrieben, in dem die Azteken die Spanier zunächst als Götter, die Spanier die Azteken von Beginn an als Tiere interpretieren.

"Was der Europäer auf der einen Seite gewann, verlor er auf der anderen; indem er sich mit dem, worin der überlegen war, auf der ganzen Erde durchsetzte, erstickte er in sich selbst die Fähigkeit, sich in die Welt zu integrieren. Während der folgenden Jahrhunderte träumt er vom guten Wilden; doch der Wilde war tot oder assimiliert, und dieser Traum sollte niemals Früchte tragen."


Alle Teile der Reihe:
Das Zeitalter des Völkermordes (Teil 4)
Der Zweite Weltkrieg oder: Gesellschaften im Ausnahmezustand (Teil 3)
"Die größte aller Revolutionen" (Teil 2)
Die Dämonen des Terrors (Teil 1)


Am kommenden Sonntag bringen wir einen Beitrag von Peter von Becker über "Frida Kahlo – die Künstlerin als Poetin."
Französische Soldaten in einem Schützengraben (Ort und Zeit unbekannt)
Französische Soldaten in einem Schützengraben im ersten Weltkrieg. (AP Archiv)
Mao Zedong, erster Staatspräsident Chinas, Aufnahme von 1949
Mao Zedong, erster Staatspräsident Chinas, Aufnahme von 1949. (AP Archiv)
Adolf Hitler
Adolf Hitler. (AP)