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Kolumbien"Kultur hält die Leute von der Gewalt ab"

Seit einem Jahr existiert der Friedensvertrag Kolumbiens mit der FARC-Guerilla. Für den Aussöhnungsprozess engagieren sich auch Kulturschaffende, darunter der HipHop-Musiker Jeihhco. Doch bei vielen Menschen fehlt das Geld, um an Bildungs- und Kulturprojekten tatsächlich teilnehmen zu können.

Von Peter B. Schumann | 26.11.2017

Der Künstler Jeihhco steht in einem Raum mit Graffiti vor zwei Schallplattenspielern
Revolution ohne Tote: Der Künstler Jeihhco, Chef des Kulturzentrums Casa Kolacho in Medellin (Max Oppel)
HipHop kann Leben verändern, wie das von Jeison Castaño aus der Comuna 13, einem der gewaltreichsten Armenviertel von Medellín, Kolumbiens zweitgrößter Stadt. Dort ist der heute 31-Jährige aufgewachsen und hat früh die Musik entdeckt. Als Jeihhco ist er mit seinen Songs berühmt geworden, hat die Casa Kolacho aufgebaut, eine Schule für HipHop und ein Kulturzentrum, das einer Reihe von jungen Leuten ein bescheidenes Einkommen sichert. Er ist inzwischen einer der bekanntesten kulturellen und sozialen Aktivisten Kolumbiens.
"HipHop hat mir buchstäblich das Leben gerettet. Er hat mir und vielen anderen Jugendlichen in meinem Viertel, das von der Gewalt der Drogenbanden beherrscht wurde, eine Alternative zum Kampf auf der Straße geboten. Heute gibt es viele solcher kulturellen Offerten: die Video-, Musik- und Graffiti-Werkstätten oder die Straßenkunst- und Straßentheater-Gruppen, die sich in Kirchengemeinden und in Schulen gebildet haben. Ich erinnere mich auch an das kommunale Theaterzentrum La Comparsa. Es existiert heute noch und hat in den 90er Jahren vielen Jugendlichen eine Lebensperspektive eröffnet. Seine Mitarbeiter haben sie aus ihrem Viertel rausgeholt, als sie Gefahr liefen, ermordet zu werden."
Von der Mafia-Hochburg zum Kultur-Zentrum
Medellín war in den 80er und 90er Jahren eine Mafia-Hochburg, aus der sich der Staat weitgehend zurückgezogen hatte. Nachdem sich der Drogenhandel in andere Länder verlagerte, begann die Stadtregierung mit einer intelligenten Reformpolitik, die konfliktreichsten Viertel zu sanieren, unter anderem mithilfe der Kultur. Schulen wurden gebaut und Bibliotheken als eine Art Gemeinde- und Kulturzentrum. Medellín verfügt heute über den zweithöchsten Kulturetat Kolumbiens. 25 städtisch geförderte Theater spielen hier täglich. Der Kommunikationswissenschaftler Omar Rincón ist sehr optimistisch.
"Einer der großen Vorzüge der Kultur besteht darin, dass sie die Leute von der Gewalt abhält. Statt sich umzubringen, nutzen sie die Zeit, um sich auszudrücken. Dazu hat Jeihhco in den Armenvierteln wesentlich beigetragen. Aber über die Kultur werden auch neue Inhalte vermittelt, wird kritisches Bewusstsein geschaffen und können positive Ideen über unsere Zukunft verbreitet werden, denn wir schauen viel zu sehr auf unsere furchtbare Vergangenheit zurück. In Medellín spielt dabei die Musik eine Vorreiterrolle, denn sie hat sich zu einer großen Bewegung entwickelt. Der Rap, diese städtische Poesie, hat die Musik demokratisiert.
"Nicht mal Geld, um Schulbücher zu kaufen"
Medellín, diese vom organisierten Verbrechen einst am stärksten gebeutelte Stadt Kolumbiens, ist das Paradebeispiel für einen gelungenen Transformationsprozess. Die Gewalt ist hier in den letzten 15 Jahren um rund 75 Prozent zurückgegangen. Dazu haben auch die zahlreichen öffentlichen und privaten kulturellen Initiativen beigetragen. Die Kultur spielt zwar überall in Kolumbien eine wichtige Rolle im Friedens- und Aussöhnungsprozess. Doch sie hat nirgends so tiefe Wurzeln geschlagen wie hier. Jeihhco kennt die Grenzen ihrer Möglichkeiten.
"Diese Stadt hat zwei Gesichter. Hier wurde zwar viel in das kulturelle Erscheinungsbild investiert, aber zu wenig in die tatsächlichen Bedürfnisse. Es wurden viele Bibliotheken gebaut, es fehlen jedoch oft öffentliche Transportmittel für potenzielle Besucher, oder die Leute haben kein Geld, sie zu bezahlen. Es gibt viele neue Schulen für jedermann, doch viele Eltern haben nicht mal das Geld, um die Schulbücher für die Kinder zu kaufen. Und so mancher der viel gelobten Neubauten ist bereits in einem schlechten baulichen Zustand. Selbst die berühmte Bibliothek in der Comuna 13, ein Geschenk Spaniens, ist vom Verfall gezeichnet."
Und außerdem ist sie geschlossen, seit Architekt und bauausführende Firma sich über die Schuldfrage streiten. Abgesehen von solchen Beispielen haben die Populär- und die Hoch-Kultur in ihren vielfältigen Ausdrucksformen einen wesentlichen Anteil an der Befriedung von Medellín und darüber hinaus von ganz Kolumbien.