Kommentar zum Dresscode an Schulen
Lernen geht auch in Jogginghose

Der Bundeselternrat will Kleiderregeln an den Schulen etablieren - nicht zu freizügig und auch nicht zu "lottrig" sollen die Klamotten der Kids sein. Macht das Sinn? Katharina Hermes kann dem Vorschlag nichts abgewinnen.

Ein Kommentar von Katharina Hermes | 16.09.2023
Fünf Jugendliche auf dem Schulweg in Düsseldorf. Sie tragen lockere, bunt bedruckte Kleidung. Zwei Jungen sind oberkörperfrei unterwegs.
Auf dem Schulweg: Es geht auch ohne T-Shirt, wenn es warm ist. (imago/Michael Gstettenbauer)
Ein vorgegebener Dresscode für Schülerinnen und Schüler ist ein Einschnitt in die Freiheit – und auch das falsche Signal. Was einfach klingt, wirft viele Fragen auf: Was ist angemessen und was nicht? Wann entsprechen Kleider nicht mehr der Kleiderordnung? Und wer soll das kontrollieren?
Vor allem Lehrkräfte könnten sich auf Zusatzaufgaben "freuen": Morgens mit dem Zollstock abmessen, ob der Rock zu kurz oder das T-Shirt zu tief ausgeschnitten ist? Das klingt wenig praxistauglich. Bedenkt man die schwierige Situation an deutschen Schulen, an denen Lehrermangel zu ständigem Unterrichtsausfall führt, klingt diese Forderung schlichtweg unrealistisch. Gestresste Lehrerinnen und Lehrer mit einer weiteren Aufgabe betreuen – das ist wenig praktikabel.

Rollenbilder überdenken

Dabei sollte diese vorgeschlagene Regelung doch eigentlich für mehr Vereinfachung sorgen. Besonders bei Müttern, die dann laut Christiane Gotte, der Vorsitzenden des Bundeselternrats, „keine morgendlichen Diskussionen mehr führen müssten“.
Abgesehen davon, dass auch Väter familiäre Aufgaben übernehmen, zeigt sich nicht nur hier das veraltete Rollenbild, es steckt auch in dem Vorwurf der Freizügigkeit. Dieser richtet sich in der Regel an Schülerinnen - und nicht an männliche Schüler.
Ein Blickwinkel der Sexualisierung: Mädchen seien dafür verantwortlich, dass sie Jungs vom Unterrichtsstoff ablenken würden. Dabei wäre es viel wichtiger, den Jungen beizubringen, Mädchen nicht als sexuelle Objekte wahrzunehmen – unabhängig von deren Kleidung.
Oft haben Aufrufe zu Kleiderordnungen an Schulen ein Ziel: mehr Gleichheit unter den Schülerinnen und Schülern zu schaffen. Keiner soll wegen seiner Kleidung ausgeschlossen oder gar gemobbt werden. Ein Argument, dass in dieser Diskussion fehl am Platz ist: Bei dieser Regel geht es NICHT darum, eine Einheitskleidung, wie eine Schuluniform, einzuführen. Die Jugendlichen könnten weiterhin in ihrer eigenen Kleidung zur Schule kommen. Teure Markenkleidung und soziale Unterschiede werden also - wie gehabt - zur Schau getragen.

Ein Dresscode von oben herab

Der Aufruf ist verständlich, wenn man die Schule als Vorbereitung auf das Arbeitsleben begreift. Dort sind Jogginghosen und bauchfreie Tops in der Regel nicht gern gesehen. Doch das ist den meisten Jugendlichen klar.
Die Bundesschülerkonferenz weist zurecht darauf hin, dass es wichtig sei, die Schülerinnen und Schüler bei der Diskussion nicht auszuschließen. Schließlich sind sie es, die sich an die Regeln halten müssten. Den Dresscode von oben herab zu diktieren, könnte auf viel Unmut stoßen.
Eine gemeinsame demokratische Erarbeitung von Kleiderregeln an den Schulen wäre da vielleicht eine Alternative. Und selbst wenn sich die Jugendlichen dann gegen die neuen Regeln entscheiden: In der Schule lernen geht auch in Jogginghose.