
Es ist schon wieder ein Moment der Wahrheit für uns Männer. Wieder heißt es, eine wichtige Frage zu beantworten, nämlich: Haben wir endlich verstanden, wie tief verankert und gravierend das Problem von häuslicher und sexualisierter Gewalt für Frauen ist? Oder tun wir weiter so, als gehe es uns nichts an?
Der Kanzler dieser Republik, der CDU-Politiker Friedrich Merz, scheint leider zur zweiten Gruppe Männer zu gehören. Er musste nach Tagen des Schweigens im Bundestag von einer Abgeordneten aktiv auf das Thema angesprochen werden.
Merz lenkt ab
Und statt mit Demut und Mitgefühl zu reagieren, statt sich als Politiker und Mann zu befragen, wie das patriarchale politische und gesellschaftliche System in Deutschland grundsätzlich reformiert werden kann, statt anzuerkennen, wie unendlich viel noch für Frauen getan werden muss, tut er leider das Erwartbare für einen Mann in dieser Situation: Er weicht aus. Schlimmer noch, er lenkt ab zu einem anderen Thema, nämlich zur Gewalt, die von migrantischen Gruppen ausgeht.
Als ob diese verfehlte Antwort nicht schon fragwürdig genug wäre, behauptet er auch noch, dass das Thema sexualisierte und häusliche Gewalt gegen Frauen auch unter Männern diskutiert werde. Ich weiß nicht, mit welchen Männern er spricht, aber diese Erfahrung kann ich nicht teilen. Wer ist wütend, wer steht auf, wer will endlich, dass sich was ändert? Es sind die Betroffenen, die Frauen.
Wir Männer tun es überwiegend so wie der Kanzler. Wir weichen aus. Wir sagen „Ja, aber…“ Wir relativieren, verharmlosen, legen falsche Fährten. In besser gestellten Kreisen behaupten wir, wir seien „Feministen“. Wir schmücken uns mit dieser Behauptung, um unseren sozialen Marktwert zu eröhen. Um besser bei Frauen anzukommen. Die aber haben das längst durchschaut.
Unangemessene Reaktion
Frauenrechte, und da sind wir wieder beim Kanzler, werden von Männern dann angeführt, wenn es in deren Agenda passt. Etwa bei der damals vom Kanzler gestarteten Stadtbild-Debatte, als er angeblich die Interessen von Töchtern im Auge hatte. Oder eben jetzt wieder, wenn Millionen Frauen in dieser Republik aufstehen gegen das von Männern geschaffene patriarchale System, das Missbrauch und Gewalt ermöglicht.
Der Kanzler reagiert wieder dem Thema unangemessen. Schlimmer noch. Er beweist erneut seine schlechte politische Kultur. Friedrich Merz zeigt sich als politischer Repräsentant eines patriarchalen Systems. Sein Habitus ist ein Rückschritt. Er scheint die Frage an uns Männer bereits persönlich und politisch beantwortet zu haben, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Was sind wir bereit dagegen zu tun? Was ändern wir wirklich? Was geben wir dafür auf? Kanzler Merz scheint das Thema nicht wichtig genug. Und damit ist er sich mit den meisten Männern ihn diesem Land leider einig. Dies ist ein Moment der Wahrheit, und die heißt: Wir Männer lassen Frauen wieder allein.









