
Es klingt nach einem Drehbuch für Superspreading: Auf einem Kreuzfahrtschiff mit 150 Menschen aus etwa 20 Ländern an Bord verbreitet sich eine tödliche Variante des Hantavirus. Mutmaßlich wurde sie von Mensch zu Mensch übertragen. Inzwischen wurde das Schiff evakuiert, und die Menschen haben sich über die Welt verteilt – darunter auch Infizierte. Sie wurden isoliert. Wegen der langen Inkubationszeit sollen auch enge Kontaktpersonen mehrere Wochen in Quarantäne. Eine spezifische Therapie gegen das Hantavirus gibt es nicht.
Dass die Lage Ängste weckt, ist verständlich. Die bange Frage: Beginnt hier die nächste Pandemie? Nach jetzigem Stand sehr unwahrscheinlich, sind sich Fachleute einig. Deshalb ist jetzt nicht die Zeit für Panik, aber für wachsame Wissenschaft.
Hanta ist kein neues Covid
Zuerst die gute Nachricht: Hanta ist kein neues Covid, wie die Weltgesundheitsorganisation betont. Und dafür gibt es eine Reihe von Argumenten. Hantaviren sind schon lange bekannt, auch die Andes-Variante in Südamerika. Dort infizieren sich jedes Jahr hunderte Menschen damit. Eine Studie berichtet von einem regelrechten Superspreading-Event in Argentinien, bei dem sich 34 Menschen angesteckt haben – auch das konnte eingedämmt werden.
Denn die Andes-Variante ist nicht so leicht von Mensch zu Mensch übertragbar wie Sars-CoV-2. Dafür braucht es offenbar engen, längeren Kontakt – wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Natürlich können Viren sich verändern. Aber erste genetische Analysen weisen darauf hin, dass es sich im aktuellen Fall nicht um eine infektiösere Andes-Variante handelt.
Dennoch: Die Lage ist ernst. Bis zu 50 Prozent der Infektionen mit dem Andes-Virus verlaufen tödlich. Entscheidend ist jetzt: Infizierte Menschen medizinisch betreuen und isolieren, Kontaktpersonen identifizieren, alle Infektionsketten so schnell wie möglich unterbrechen – sonst drohen lokale Infektionscluster. Außerdem sind auch einige Eigenschaften des Virus noch unbekannt.
Wissenslücken schließen
Das sollten die Gesundheitsbehörden klar und transparent kommunizieren. Und die Forschung sollte den Ausbruch nutzen, um Wissenslücken zu schließen: Wie genau verbreitet sich das Andes-Virus? Wie mutiert es mit der Zeit? Das Andes-Virus ist in Südamerika auf Zwergreisratten als natürlicher Wirt angewiesen – könnte es in Europa auch andere Nagetiere als Reservoir erschließen? Vielleicht bringt die aktuelle Aufmerksamkeit sogar Geld und Ressourcen für weitere Studien mit sich.
Großflächig zugelassene Impfstoffe gegen das Hantavirus gibt es bisher nicht, auch weil Infektionen so selten sind und es viele unterschiedliche Virustypen gibt. Geforscht wird daran aber schon länger. Der Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff könnte jetzt die Diskussion um die Entwicklung von Impfstoffen neu anfachen. Den Nutzen und die Kosten von Impfstoffen angesichts der aktuellen Ereignisse zu ergründen, wäre in jedem Fall ein Gewinn.






