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StartseiteEuropa heuteUmworbene Bauern 02.08.2018

Kommunalwahlen in PolenUmworbene Bauern

In Polen sind nicht nur Mais und Getreide von der Dürre bedroht, auch die Gemüse- und Obstbauern schlagen Alarm, auch wenn - oder gerade - weil ihre Ernte gut war. Denn das lasse die Preise purzeln. Da die regierende PiS ihre Mehrheit auch den ländlichen Regionen verdankt, ist sie beunruhigt.

Von Florian Kellermann

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Kartoffeln liegen zum Verkauf neben einer Wage. Hier: 3.9.2007 auf dem Swieto-Fest in Strzelce Dolne, Bydgoszcz, Polen (imago stock&people)
Die polnischen Bauern beklagen die niedrigen Preise für Obst und Gemüse (imago stock&people)
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Der Redner auf der Bühne hielt einen abgeschnittenen Schweinekopf hoch: Er symbolisiere die Lage der polnischen Bauern, sagte er. Landwirte aus dem ganzen Land demonstrierten vor kurzem in Warschau. Auf einem der Schilder, das sie hochhielten, stand: 20 Groschen für ein Kilo Kartoffeln. So wenig - umgerechnet fünf Cent - bekommen polnische Bauern in diesem Jahr.

Ähnlich sei die Lage beim Weichobst, sagte die Bäuerin Dorota Szalas, die ganz aus dem Osten des Landes angereist war:

"Hier in Warschau hören wir, dass alles teuer verkauft wird und wir erhalten ein paar Groschen fürs Kilogramm. Wir können uns kaum noch über Wasser halten. Die Zwischenhändler verdienen sehr viel. Jemand müsste den Markt regulieren."

Der neue Landwirtschaftsminister hat Hilfe versprochen

Am Obst verdienten die polnischen Bauern in diesem Jahr weniger als ihre Erntehelfer, erklären sie. Ein Grund dafür ist ein Überangebot, die Obsternte fällt bei vielen Sorten besonders gut aus. Umgekehrt ist die Situation beim Getreide. Hier macht auch den polnischen Bauern die Dürre zu schaffen.

Die polnische Regierungspartei PiS verdankt ihre Mehrheit im Parlament nicht zuletzt den ländlichen Regionen. Dort holte sie bei der Wahl vor drei Jahren besonders viele Stimmen. Entsprechend beunruhigt über den Unmut hat sie also reagiert. Der Landwirtschaftsminister trat zurück. Der Nachfolger Jan Ardanowski versprach Hilfe:

"Unser Programm wird die Betriebskosten der Bauern senken. Künftig werden sie pro Hektar für 100 Liter Treibstoff die Mineralölsteuer zurückerstattet bekommen, bisher waren es nur 86 Liter. Noch mehr werden die Bauern erstattet bekommen, die Tiere züchten. Denn sie müssen ihren Traktor das ganze Jahr über, auch im Winter, nutzen."

Darüber hinaus will die Regierung Einfluss auf die Marktpreise nehmen. Einige der wenigen verbliebenen staatlichen Firmen aus der Lebensmittelbranche sollen eine Holding bilden. Diese Holding werde dann einen kleinen Teil der landwirtschaftlichen Produktion aufkaufen, um damit "ein Signal an die Märkte zu senden", wie sich der neue Landwirtschaftsminister ausdrückte.

In den Augen der traditionellen Bauernpartei PSL ist das nicht genug. Deren Abgeordneter Miroslaw Maliszewski erklärt:

"Natürlich will die PSL, dass es den Bauern gut geht. Aber die Unfähigkeit auch des neuen Agrarministers wird zu weiteren Protesten führen. Die Bauern werden den Satz immer öfter wiederholen, dass sie 2015 von der PiS betrogen wurden."

Neue Konkurrenz für PiS und Bauernpartei

Doch selbst wenn die PiS auf dem Land nachhaltig an Unterstützung verlieren sollte: Davon muss nicht unbedingt die PSL profitieren.

In Polen macht derzeit ein Mann von sich reden, der mit dem radikalen Bauern-Führer Andrzej Lepper aus den 1990er Jahren verglichen wird. Michal Kolodziejczak hat erst vor wenigen Monaten die "Union der Kartoffel- und Gemüseproduzenten" gegründet. Heute führt der 30-jährige Landwirt bereits lautstarke Proteste an. Wie einst Andrzej Lepper äußert er sich skeptisch zur EU:

"Die polnischen Bauern wollen gemeinsam handeln, aber das ist nicht so einfach. Ausländische Ketten beherrschen den Handel in Polen. Sie verkaufen häufig auch Waren aus dem Ausland, zum Beispiel Kartoffeln aus Frankreich, aus Deutschland oder Großbritannien. Diese Unternehmen betrachten Polen vor allem als Absatzmarkt für Waren aus ihren Ländern."

Eine polemische Aussage, denn die ausländischen Ketten exportieren auch polnische Lebensmittel in andere Länder - und das im großen Stil. Aber bei den aufgebrachten Landwirten können Michal Kolodziejczaks Argumente verfangen, eventuell schon bei der landesweiten Kommunalwahl im Herbst.

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