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Kommunismus im 20. JahrhundertBlinde Flecken in der Geschichtsbetrachtung?

Die Geschichte der politischen und gesellschaftlichen Realität des Kommunismus wurde bislang nur unzureichend aufgearbeitet. Stalin gilt in Russland weiter als großer Führer des Volkes und Mao in China als Nationalheld. Auf einer Tagung in Berlin diskutierten Experten unter anderem die Frage: Was haben wir aus der Geschichte des Kommunismus gelernt?

Von Cornelius Wüllenkemper | 26.02.2017

Porträts des chinesischen Politikers Mao Tse-tung, die der Künstler Andy Warhol im Siebdruckverfahren angefertigt hat - hier in der Ausstelllung "The Original Silkscreens" mit Originalen von Andy Warhol am 25.11.2015 in der Städtischen Galerie in Rosenheim
Porträts des chinesischen Politikers Mao Tse-tung: Andy Warhol machte ihn damit zur Pop-Ikone. Trotz der vielen Opfer während der Kulturrevolution wurde Mao als Nationalheld gefeiert. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
"So lange es soziale Ungerechtigkeit gibt oder die Zukunft unseres Planeten bedroht ist, wird es Menschen mit radikalen Ideen geben. Aber ich denke, aus dem historischen Kommunismus können wir nichts mehr lernen. Natürlich gibt es bis heute eine Opposition gegen den Kapitalismus als vermeintliche Naturgewalt, und das ist eine Verbindung zum Kommunismus. Aber sein Erbe ist düster und geprägt durch Repressionen. Das Fortschrittspotenzial des Kommunismus ist durch den Kapitalismus weit überholt worden."
Der aus Oxford angereiste Historiker Stephen Anthony Smith postulierte gleich zu Beginn den Tenor der Tagung in Berlin. Der Kommunismus als politisches System ist heute nur mehr als historisches Phänomen zu betrachten. Wenn die Tagung die "blinden Flecken" der Geschichtsbetrachtung untersuchen wollte, ging es dabei vor allem um die mittelbare Fortwirkung der kommunistischen Realität.
Mao als Idol oppositioneller Bewegungen im Westen
Detlef Siegfried von der Universität Stockholm befasste sich mit der Bedeutung kommunistischer Ikonografie in der Popkultur des Westens. Mao etwa, der in China zu Zeiten der Kulturrevolution Hunderttausende Menschen verfolgen und exekutieren ließ, war das Idol oppositioneller Bewegungen im Westen und wurde 1972 von Andy Warhol gar als Pop-Ikone verewigt. Detlef Siegfried:
"Man traute auch dem neuen Antikommunismus noch weniger als dem alten, eben weil die Medien mit Horrormeldungen über China nur so um sich warfen und die radikalen Studenten einmal mehr als ferngesteuert denunzierten. Später hat man immer wieder gesagt, man habe eigentlich nicht viel gewusst und sich eine Wirklichkeit zurecht geträumt, die es nicht gab. Allerdings stellt sich die Frage, ob nicht gerade die Entschiedenheit der Kulturrevolution, von der man durchaus wusste, erheblich zur Attraktion beitrug, während ihre Opfer als notwendige Kosten des revolutionären Prozesses in Kauf genommen wurden. Das Schreckliche war eben attraktiv, weil es schrecklich war."
Wer aus den Schrecken des Kommunismus Folgerungen für die politische Bildungsarbeit und für die Stabilisierung von Demokratie ziehen wolle, so sagte der Trierer Politikwissenschaftler Hans-Joachim Veen, der müsse die historische Realität des Kommunismus ins Auge fassen: ein Repressionsapparat, der unterdrückend, menschenverachtend und freiheitsfeindlich gewirkt habe:
"Was natürlich immer droht, sind diese neuen Mixturen. Neue Formen diktatorischer Herrschaft mit kommunistischen Versatzstücken. Und ich verweise einmal mehr darauf, wie sehr sich die Welt insgesamt in den letzten Jahren in vielen Dingen rückentwickelt hat. Rückentwicklungen, die wir als liberale Demokraten vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten haben. Das gilt für die neuen Fundamentalismen religiöser Art. Das gilt auch für autoritäre Rückentwicklungen, ganz Osteuropa, Russland ist da zu sehen."
Kommunismusforschung: das "Stiefkind" der historischen Forschung in Europa
Der Autoritarismus rechtspopulistischer Parteien, die konservative Welle in Osteuropa und Angriffe auf die Arbeit der Presse ob in Polen, Russland oder den USA verwiesen auf zeitgenössische Relikte des Kommunismus, so ein Kommentar aus dem Publikum. Der Kommunismus ist also zumindest mittelbar noch durchaus aktuell. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, bezeichnete die Kommunismusforschung als "Stiefkind" der historischen Forschung in Europa.
"Aktuell ist die europäische Erinnerungskultur unvollständig. Und in einer Situation, in der nicht vorhersehbar ist, ob sich die europäischen Staaten weiter integrieren, oder voneinander entfernen werden, wird das Wissen über die Geschichte der beteiligten Staaten wichtiger denn je, um Verständnis für die jeweiligen nationalen Belange zu entwickeln. Eine mangelnde Beachtung des Kommunismus in Wissenschaft, Bildung und Aufarbeitung bedeutet in der Praxis Arroganz vor allem gegenüber unseren mittel-ost- und süd-ost-europäischen Partnern."
Der bekennende Kommunist und renommierte Historiker Gerd Koenen sprach von einer "fürchterlichen Klitterung" der kommunistischen Geschichte sowohl in Russland als auch in China. Grund dafür seien nicht nur Denkverbote des Regimes, sondern ebenso sehr eine "sozialpsychologische Disposition" dieser Gesellschaften. Sie seien so sehr in die Gewaltgeschichte des Kommunismus involviert, dass eine Auseinandersetzung damit äußerst schwierig sei. Koenen war damit der einzige Teilnehmer der Tagung, der eine differenzierte Perspektive auf das Täter-Opfer-Verhältnis einnahm. Der Kommunismus hat sich als politisches und gesellschaftliches System historisch diskreditiert. Das Ende dieses Menschheitstraums, der sich für die meisten Menschen als Albtraum entpuppte, dient heute vor allem zur Sensibilisierung gegen Autoritarismus und politisches Freund-Feind-Denken.