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StartseiteForschung aktuellInfektiologe: Bei bestimmten Altersgruppen auf anderen Impfstoff setzen30.03.2021

Komplikationen nach Astrazeneca-ImpfungInfektiologe: Bei bestimmten Altersgruppen auf anderen Impfstoff setzen

Die Ständige Impfkommission empfiehlt Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Das Risiko sei für Einzelpersonen zwar immer noch sehr gering. Insgesamt gesehen gebe es aber zu viele Fälle von Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Impfstoff, sagte der Infektiologe Leif Erik Sander im Dlf.

Leif Erik Sander im Gespräch mit Ralf Krauter

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Eine Frau im Madrid (Spanien) bereitet eine Impfdosis mit Astrazeneca vor. (imago / Fernnando Villar)
Zunehmend Berichte über eine Impfkomplikation nach der Impfung mit Astrazeneca (imago / Fernnando Villar)
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Erst stand der Corona-Impfstoff von Astrazeneca wegen geringerer Wirksamkeit in der Kritik, dann wegen potenziell gefährlicher Nebenwirkungen in Form von Blutgerinnseln, die Venen im Gehirn verstopfen können. Solche Sinusvenenthrombosen, die vor allem bei Frauen auftreten, sind sehr selten. Aber nach zwei Fällen im Kreis Euskirchen, von denen einer tödlich endete, wurde dort am Montag (29. März) die Gabe des Corona-Vakzins von Astrazeneca an Frauen unter 55 Jahren gestoppt. Nun zog zunächst die Berliner Uniklinik Charité nach, und inzwischen hat auch das Land Berlin alle Impftermine mit Astrazeneca für Menschen unter 60 ausgesetzt. Der Infektiologe Leif Erik Sander von der Charité sagte dazu im Deutschlandfunk, die Datenlage habe sich in den vergangenen Wochen geändert. Das Risiko sei für Einzelpersonen zwar immer noch sehr gering – bei Frauen liege es bei etwa 1 zu 60.000. Insgesamt gesehen seien das aber zu viele Fälle. Da es alternative Impfstoffe gebe, seien diese nun vorzuziehen.

Mittlerweile hat die Ständige Impfkommission (STIKO) bekannt gegeben, dass sie den Corona-Impfstoff von Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren empfiehlt.

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Vor allem junge Frauen betroffen

Ralf Krauter: Was war der Grund dafür, dass jetzt auch die Charité bis auf weiteres keine Frauen unter 55 mehr mit Astrazeneca impft?

Leif Erik Sander: Ja, letzten Endes hatte es in der letzten Zeit mehrere Berichte gegeben über eine Impfkomplikation nach der Impfung mit Astrazeneca, die vor allen Dingen bei jungen Frauen auftritt oder jüngeren Frauen auftritt. Zwar ist das eine Thrombose, der Sinus- oder der Hirnvenen und die auch zu schweren Komplikationen führen kann, wie Schlaganfälle im Gehirn oder auch zu Todesfällen. Und da hat es eben jetzt auch gehäuft Berichte gegeben und auf Grundlage dieser Daten, ohne dass es glücklicherweise an der Charité zu einem solchen Zwischenfall gekommen ist, hat sich dann auch der Vorstand der Charité dafür entschieden, hier diese Impfung erst mal zu pausieren und abzuwarten, wie die Einordnung durch die Behörden ist.

Datenlage hat sich geändert

Krauter: Jetzt ist diese grundsätzliche Gefahr einer Sinuswellen-Thrombose ja nicht neu. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hatte am 18. März nach sorgfältiger Abwägung des Risikos dennoch entschieden, der potenzielle Nutzen der Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin überwiegt die gegenwärtig bekannten Risiken und hat sich damals gegen einen Impfstopp ausgesprochen. Gilt diese Einschätzung jetzt nicht mehr?

Sander: Ich glaube tatsächlich, dass sich die Datenlage seitdem noch mal geändert hat. Damals hat man über sieben Fälle in Deutschland beraten und hat dann in der ganzen EU und teilweise auch in Indien geschaut und hat sich dann ein Gesamtbild angesehen. Es ist aber in Deutschland der Spezialfall, dass hier vor allen Dingen jüngere Menschen geimpft wurden, das ging auf diese vorherige Stiko-Empfehlung zurück, den Impfstart erstmal bei unter 65-Jährigen einzusetzen. Und wir haben den Impfstoff hier beim medizinischen Personal eingesetzt. Und das sind dann eben jüngere Menschen und sind auch viele Frauen. Und da hat es jetzt eben insbesondere auch noch mal in der letzten Woche dann noch mehr Berichte gegeben, sodass man jetzt eben hier in Deutschland auf Grundlage der Daten zu einer anderen Einschätzung kommen kann.

Auf anderen Impfstoff setzen

Krauter: In Deutschland sind bisher, habe ich gelesen, 31 Hirnvenen-Thrombosen registriert worden, bei insgesamt rund 2,7 Millionen Geimpften mit dem Astrazeneca-Vakzin. Das ist ja immer noch eine recht kleine Zahl. Alles in allem aber trotzdem alarmierend?

Sander: Ja, also man muss es, glaube ich, so sehen: Natürlich ist es für die Einzelpersonen, die jetzt vielleicht auch geimpft wurde, wenn Sie eine Frau sind und schon geimpft wurden das Risiko. Es ist ja immer noch sehr gering, wie gesagt, wenn man jetzt mal so die Zahlen hochrechnet. 2,7 Millionen insgesamt geimpft, 31 dieser Komplikationen sind bisher registriert worden. Wenn man grob schätzt, dass circa zwei Drittel der Geimpften Frauen waren, dann landet man bei einem Risiko von eins zu 60.000. Das ist für die Einzelne dann wieder ein sehr kleines Risiko. Aber insgesamt gesehen trotzdem viel zu viele. Und die Nutzen- und Risikoabwägung ist ja bei jedem Impfstoff ganz wichtig. Jetzt muss man aber natürlich bedenken, dass wir auch Impfstoffe haben, bei denen diese Komplikation bisher so nicht registriert wurden und man damit also eine Alternative hatte. Das heißt, man wägt nicht ab zwischen überhaupt nicht impfen und diese seltenen Risiken in Kauf zu nehmen, sondern man legt eigentlich ab zwischen dem einen oder dem anderen Impfstoff. Und dann, denke ich, sollte man eher zu dem Ergebnis kommen, dass man jetzt auf den anderen Impfstoff setzt.

Krauter: Warum sind denn vorwiegend jüngere Frauen betroffen von dieser Komplikation?

Sander: Das eine sehr gute Frage, das ist sicherlich nicht geklärt. Es ist so, dass man vermutet, dass hinter diesen seltenen und auch in sehr ungewöhnlichen Lokalisationen auftretenden Thrombosen ein Immun-Phänomen steckt und es tatsächlich so ist, dass jüngere Frauen eher zu so Autoimmunreaktionen neigen. Das könnte ein Zusammenhang sein, aber die Hintergründe kenne ich auch nicht genau. Die wird man sicherlich intensiv jetzt untersuchen. Gibt es bestimmte Risikofaktoren oder Konstellationen, die man identifizieren kann, die eben dazu führen.

Cut-Off ab 60

Krauter: Welche Lehren sollte man jetzt daraus ziehen? Die Ständige Impfkommission befasst sich ja erneut mit dem Astrazeneca-Vakzin aufgrund der aktuellen Ereignisse. Wozu raten Sie den Experten im Licht der neuen Befunde?

Sander: Die werden viel detailliertere Zahlen haben als ich sie habe und werden sich dieselben Fragen stellen nach Zusammenhängen und Häufungen bei bestimmten Personen und werden sich relative Risiken ansehen und werden dementsprechend auch zu Entschlüssen kommen, die so ähnlich ausfallen, dass man vermutlich bestimmte Altersgruppen dann eben jetzt erstmal von dieser Impfung ausnimmt und andere Impfstoffe empfiehlt. Da bin ich ganz zuversichtlich, dass sie da zu sehr vernünftigen Empfehlungen kommen.

Krauter: Das heißt, man wird für jüngere Menschen unter 50 oder unter 60 wahrscheinlich dieses Vakzin generell nicht empfehlen oder erst mal nur für Frauen nicht?

Sander: Ich glaube dazu muss man die Zahlen ganz detailliert kennen. Meinem Kenntnisstand nach waren es eben nur zwei Männer von diesen 31 Fällen, sodass man das Risiko speziell für Männer ausrechnen würde, das deutlich, bis zehnfach geringer ist als für Frauen. Von daher könnte man sich die Frage stellen, sollte man so eine Einschränkung erst mal für Frauen machen. So hat der Vorstand an der Charité des erst mal entschieden. Das finde ich sehr vernünftig. Und wo man genau die Altersgrenze zieht, dafür muss man auch wiederum die Zahlen haben und sich Wahrscheinlichkeiten angucken und auch Verfügbarkeit anderer Impfstoffe und so weiter. Ich glaube, dass das irgendwie im Bereich von 60 Jahren oder um den Dreh herum möglicherweise dann einen Cut-Off geben wird. Aber wie gesagt, dafür muss man die exakten Zahlen haben und noch bessere Berechnungen machen, als ich die jetzt über den Daumen gepeilt mache. Und dann wird da eine gute Empfehlung bei rauskommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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