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StartseiteMusikjournal"Der eigentliche Kampf beginnt erst noch"09.11.2020

Komponisten in der Corona-Krise"Der eigentliche Kampf beginnt erst noch"

Der Präsident des Deutschen Komponistenverbandes, Moritz Eggert, erkennt die schwierige Situation, sieht die deutsche Kulturszene aber besser aufgestellt als die anderer Länder. Doch die "eigentliche Krise" beginne erst in zwei Jahren, nach "langen Zeiten ohne Konzerte, ohne Tantiemen", sagte er im Dlf.

Moritz Eggert im Gespräch mit Christoph Vratz

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Ein Mann mit dunklen und grauen Haaren blickt nach links aus dem Bild, im Hintergrund ist verschwommen Grün zu erkennen. (Mara Eggert)
"Kammermusik hat in den letzten Monaten eine kleine Renaissance erlebt", sagt Moritz Eggert. (Mara Eggert)
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Christoph Vratz: Die Corona-Krise hat sich wie ein weltweiter Schleier bekanntlich auch über das Kulturleben gebreitet und vieles zum Erliegen, hoffentlich nicht zum Ersticken gebracht. Wir sprechen hier im Musikjournal öfters über die Konsequenzen für die ausübenden Musiker. Was aber bedeutet das für die Komponisten, deren neue Werke derzeit ja auch nicht an die Öffentlichkeit gelangen, zumindest nicht bei Live-Veranstaltungen? Auskunft geben kann und wird jetzt Moritz Eggert. Er wurde Ende Oktober als Nachfolger von Enjott Schneider zum neuen Präsidenten des Deutschen Komponistenverbandes gewählt. Herr Eggert, herzlichen Glückwunsch noch!

Moritz Eggert: Dankeschön!

Vratz: Was unterscheidet in der derzeitigen Situation ausübende Musiker von Komponisten?

Eggert: Naja, wir arbeiten ja quasi in die Zukunft. Das heißt, wir schreiben Stücke, die dann erst noch aufgeführt werden müssen. Das ist natürlich ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis, würde ich sagen. Ohne Musikerinnen wird unsere Musik nicht aufgeführt und umgekehrt brauchen die auch uns, um neue Stücke zu bekommen. Natürlich betrifft auch uns die aktuelle Krise, weil einfach im Moment ganz viele Aufführungen unklar sind. Sie fallen beispielsweise aus. Bei mir ist gerade eben sogar eine ganze Oper ausgefallen, und zwar ersatzlos, denn die Aufführung kann nicht nachgeholt werden. Ähnlich geht es natürlich den Kolleginnen und Kollegen.

Vratz: Ist das ein Einzelfall, dass es wirklich ersatzlos gestrichen wird oder ist es doch eher die Ausnahme im Moment?

Eggert: Die Veranstalter sind natürlich genauso betroffen. Die meinen das ja nicht böse. Bei der ausgefallenen Oper ging es jetzt zum Beispiel um eine Aufführung in Münster. Das Stück hieß sogar lustigerweise "The Last Days of Virus". Das hat man jetzt kurzfristig ins Programm genommen, weil man auch einen Kommentar zur Corona-Zeit machen wollte. Das fiel genau in den weichen Lockdown, den wir jetzt im November haben. Das Problem ist, dass es einfach nicht nachgeholt werden kann, weil der Spielplan schon für die nächsten Saisons feststeht. Die Opernhäuser ändern gerade ihre Spielpläne jede Woche. Da fällt manches auch mal unter den Tisch und das höre ich auch von anderen Kollegen.

"Praktische Überlegungen verhindern das Komponieren"

Vratz: Sie haben es mit dem Titel Ihres neuen Stückes schon angedeutet. Gibt es letztlich durch diese Krise auch Chancen, dass man bestimmte neue Möglichkeiten entdeckt, Musik zu schreiben?

Eggert: Ja, wenn man sehr, sehr diszipliniert ist. Aber das fällt natürlich auch schwer. Ich habe selber durchaus mit Krisen zu kämpfen gehabt. Das waren nicht grundsätzliche Sinnkrisen, aber man ist ja normalerweise so im Produktionsmodus, dass man immer von Deadline zu Deadline schreibt. Man weiß auch genau, für welche Situation man schreibt. Aber jetzt fühlt man sich ein bisschen wie ein Architekt, der einen Auftrag bekommt, ein Haus zu bauen. Aber man weiß gar nicht, wie groß das Haus sein darf, welche Materialien verwendet werden, wie viele Leute am Bau tatsächlich mitarbeiten können. Da würde natürlich auch ein Architekt irgendwann sagen, ich weiß nicht, was ich machen soll. Nur um ein Beispiel zu geben: Ich habe an einem großen Projekt für das Beethoven Orchester gearbeitet und das involvierter einen Chor und ein großes Orchester. Das hätte jetzt zum Beethoven-Jahr stattfinden müssen, aber nun war einfach lange nicht klar, wie dieses Stück überhaupt stattfindet. Macht man eine Ersatzversion, die man online streamt? Dann geht das aber mit dem Chor nicht. Das sind alles rein praktische Überlegungen, die ständig das Komponieren verhindern. Aber natürlich haben Sie recht, dass man jetzt sehr viele Ideen einfach mal entwickeln kann. Ganz frei. Das habe ich auch so weit wie möglich versucht. Ich weiß aber auch, dass viele Kollegen gerade nicht wie verrückt arbeiten. Die sind natürlich einfach ein bisschen frustriert, ein bisschen gelähmt. Ich höre das auch von Schriftstellern, die ja im Grunde eigentlich ganz toll arbeiten könnten im Moment, dass sie auch nicht so richtig wissen, was sie machen sollen. Also ich glaube, das geht vielen so und man muss auch ehrlich sein und sich das eingestehen. Warum soll es uns besser gehen als anderen Menschen, die genauso unter dieser Krise leiden?

"Es wird eine große Sehnsucht geben"

Vratz: Werden denn beispielsweise kleiner besetzte Werke in Zukunft bei Komponisten höher im Kurs stehen, weil ja die Aufführungschancen derzeit zumindest etwas größer sind?

Eggert: Es ist schon richtig, dass gerade Kammermusik in den letzten Monaten eigentlich ein bisschen eine Renaissance erlebt hat. Ich kenne sogar Musiker*innen, die mir erzählt haben, dass sie so viel zu tun haben wie noch nie. Das sind natürlich Konzerte vor zum Teil nur zehn Leuten oder es waren Streaming-Konzerte. Es ist dann auch immer ständig ausverkauft, weil in viele Sälen einfach nur ganz wenige Leute dürfen. Da gab es durchaus Möglichkeiten, sich zu betätigen. Katastrophal sieht es aber natürlich bei allem aus, das größer besetzt ist. Ich denke, danach wird auch eine große Sehnsucht bestehen, sollte das alles mal vorbei sein. Man freut sich dann schon, wenn man wieder Opern in großer Besetzung hören kann, einen ganzen Chor singen lassen kann, ein großes Orchester wieder auf der Bühne sitzen kann. Dass das im Moment nicht möglich ist, gibt natürlich der Kammermusik auch eine Chance. Das ist richtig.

Vratz: Kommen wir von den Werken zu den Rahmenbedingungen eines Komponisten. Was können oder müssen Komponisten derzeit tun, um wirtschaftlich überleben zu können?

Eggert: Das ist schwierig zu beantworten, weil es natürlich ganz unterschiedliche Berufsmodelle sind. Ich vertrete im Komponistenverband nicht nur sogenannte akademische Komponisten, die Streichquartette und Opern schreiben, sondern eben auch Filmkomponisten, Popkomponisten, U-Komponisten. Denen geht es zum Teil sehr, sehr unterschiedlich. Ich weiß, dass die Filmmusik-Kollegen zum Beispiel sehr viel zu tun haben, weil gerade einfach viele Filmproduktionen nach wie vor stattfinden. Die haben gewissermaßen endlich mal Zeit, ihre Filmmusiken in Ruhe zu komponieren und beklagen sich gar nicht so sehr im Moment.

"Die GEMA hat gut gehandelt"

Aber viele andere sind natürlich direkt davon betroffen, dass einfach keine Konzerte stattfinden. Das geht natürlich in der U-Musik genauso wie in der E-Musik. Wir haben es in diesem Jahr in der GEMA noch nicht bemerkt - von der leben wir alle ja auch - weil die GEMA sehr gut gehandelt hat. Sie hat auch sehr schnell Hilfsgelder fließen lassen. Die sogenannte Ausschüttung, die Wertung war in diesem Jahr auch okay, aber das wird natürlich nächstes Jahr und übernächstes Jahr ganz anders aussehen und das wird sehr, sehr sinken. Das heißt, die eigentliche Krise beginnt erst in zwei Jahren, wenn die Auswirkungen von Corona zu spüren sind, also von den langen Zeiten ohne Konzerte, ohne Tantiemen. Das wird uns alle betreffen. Da hab ich schon jetzt Sorgen, dass das viele Kollegen auch wirtschaftlich sehr betreffen wird.

Vratz: Ja, ich denke auch, dass die Langzeitfolgen noch zu wenig im Fokus der derzeitigen Betrachtung stehen.

Eggert: Ich sage auch immer haltet euch mal zurück mit dem Gejammer im Moment. Wie toll ist es denn gerade, in ausgestorbenen Innenstädten noch irgendwie Konzerte zu machen, wo keine Kneipen und Restaurants geöffnet haben, in die man nachher gehen kann. Viele verstehen nicht, dass es ja nicht die Angst vor der Ansteckung im Konzertsaal ist, sondern dass einfach das Event an sich Menschen in großer Zahl zusammenbringt. Das scheint uns eben im Moment doch sehr gefährlich - und auch zu Recht, wenn ich mir anschaue, was in den Krankenhäusern langsam los ist. Ich weiß gar nicht, ob das so erstrebenswert ist.

"Die Politik will die Kultur nicht vernichten"

Ich glaube auch nicht, dass jetzt der Moment ist, die Politik anklagend zu beschimpfen, dass sie jetzt die Kultur vergessen hat. Ich sehe eigentlich nicht, dass die Politik die Kultur vergessen hat. Wir haben Hilfsprogramme, die besser als in den meisten anderen Ländern der Welt sind. Die Politiker wollen auf keinen Fall die Kultur vernichten. Nur wird es ihnen in der Zeit nach Corona natürlich auch darum gehen, Geld einzusparen und dann wird eigentlich der richtige Kampf losgehen. Dann werden wir Einsparungen erleben in der Kulturszene, wie wir sie nach der Finanzkrise ja auch erlebt haben. Da gab es ja plötzlich Orchesterkürzungen und Fusionen, Theater wurden geschlossen. Das haben wir ja alles schon mal erlebt. Das wird vielleicht sogar schlimmer als nach 2007 sein, weil einfach noch größere Summen im Moment ausgegeben werden müssen, um den ganzen Laden irgendwie am Laufen zu halten. Also ich glaube, der eigentliche Kampf beginnt erst noch.

Vratz: Und was einmal eingespart worden ist, das wird dann nicht wieder eröffnet. Sie haben den Staat schon angesprochen. Welche Verantwortung sehen Sie derzeit denn beim Staat und wird er dieser Verantwortung auch letztlich gerecht?

Eggert: Ich glaube, dass der Staat die Verantwortung schon erkennt, aber dass wir natürlich durch unser föderales System einfach einen Flickenteppich aus Maßnahmen haben, die zum Teil weniger, zum Teil mehr effektiv sind. Es ist sehr, sehr interessant mit Kollegen aus allen Bundesländern zu sprechen. Manche sind zufrieden damit, wie sie unterstützt werden, manche sind total unzufrieden. Das sind Tausende von Einzelgeschichten und Einzelfällen, die jeweils mit den Förderprogrammen zu tun haben.

"Es gibt viel Solidarität"

Ich glaube, dass man sich schon bemüht. Dass es ein totales Chaos ist, kann ich irgendwie auch verstehen. Jetzt hilft es eigentlich nur, da anzusetzen und zu sagen: ,Okay, was sind die Probleme der Verteilung, die es im Moment gibt? Was kann man besser machen, was kann man kritisieren? Das halte ich für sehr sinnvoll im Moment, weil diese Gelder sollen ja auch bei den richtigen Leuten ankommen. Ich finde es auch toll, wenn ich zum Beispiel von Kollegen höre, dass sie auf Hilfsgelder verzichten, weil sie die einfach nicht dringend brauchen und möchten, dass es die bekommen, denen es wirklich schlecht geht. Also da gibt es auch sehr viel positive Solidarität.

Vratz: Verstehe ich Sie aber richtig, dass dieses föderale System in Ihren Augen auch erhebliche Nachteile derzeit mit sich bringt.

Eggert: Ich würde sagen, es bringt ein gewisses Chaos mit sich, dem man eine gewisse Toleranz entgegenbringen muss. Man kann ja damit auch umgehen. Das föderale System hat natürlich auch Vorteile, weil man hat einfach ganz verschiedene Modelle, wo man probieren kann, wie das funktioniert? Wenn wir nur eine staatliche Linie hätten, die nicht gut ist und unter der viele leiden, dann wäre das ja viel schlimmer als dieser Flickenteppich. Das hat alles Für und Wider. Im Grunde haben wir in Deutschland immer ein bisschen die Eigenschaft, viel zu jammern und im Vergleich geht es uns dann doch immer noch ganz gut. Das muss man auch ab und zu mal erkennen. Das heißt aber nicht, dass man nicht trotzdem auch kritisieren darf und das tun wir ja auch.

Neue Musik als Konkurrenz zu Memes?

Vratz: Zum Schluss noch eine Frage, die auch ein bisschen über die Corona-Zeit hinaus reicht: Sind die Komponisten selbst auf die Herausforderungen des digitalen Wandels vorbereitet?

Eggert: Wenn ich mir meine jungen Studentinnen und Studenten anschaue, dann denke ich schon. Die wachsen ja damit auf und unterscheiden sich schon als Komponistingeneration zu meiner. Die sind da viel schneller, sind natürlich auch der veränderten Umgebung ausgesetzt. Ich habe erst vor ein paar Tagen mit Kollegen darüber diskutiert: Die Medien machen ja nicht die Musik an sich neu, sie verorten sie nur neu. Wir haben das Phänomen, dass dieser sogenannte Elfenbeinturm, der zum Beispiel der Neuen Musik lange vorgeworfen wurde, eigentlich nicht mehr existiert und alle stehen draußen mit ihren Youtube-Videos und Soundcloud-Dateien, mit denen sie die Welt beglücken. Aber im Grunde nehmen das nicht viele Menschen wahr. Sie stehen etwas verloren in der Gegend herum, in diesen ganzen Medien. Sie nutzen sie durchaus, aber es stellt sich jetzt dringend die Frage der Relevanz und der Aufmerksamkeit, die man bekommt - und auch ob man überhaupt mit diesen Aufmerksamkeitsmechanismen der Memes und TikTok-Videos überhaupt konkurrieren will. Oder ob man da nicht vielleicht auch eine Gegenwelt dagegensetzen kann. Diese Frage ist sicherlich im Moment ganz drängend, aber ich denke, der stellen sich die jungen Kolleginnen und Kollegen sehr.

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