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StartseiteKalenderblattWenig Anerkennung für erste Friedensordnung in Europa05.10.2015

Konferenz von LocarnoWenig Anerkennung für erste Friedensordnung in Europa

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es nur wenige Ereignisse, die Anlass zur Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden in Europa gaben. Die Konferenz von Locarno, die heute vor 90 Jahren begann, war ein solcher historischer Augenblick. Doch das vereinbarte Sicherheitsabkommen fand in Deutschland nur wenig Anerkennung. 1936 wurde der Vertrag dann von Adolf Hitler gebrochen.

Von Bert-Oliver Manig

Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann nach der Unterzeichnung des Pakts von Locarno am 16.10.1925. Er erklärte den ihn bestürmenden Journalisten: "Wir haben den Text des Protokolls nicht nur aufrichtig, sondern auch mit Freuden begrüßt und angenommen."  (picture alliance / dpa)
Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann nach der Unterzeichnung des Vertrags von Locarno (picture alliance / dpa)

Am 5. Oktober 1925 lag über dem Städtchen Locarno am Lago Maggiore der Zauber des Neuanfangs. Erstmals seit dem Ende des Ersten Weltkriegs kamen Staatsmänner aus sieben der wichtigsten europäischen Nationen zusammen, um von gleich zu gleich über die Idee eines multilateralen Sicherheitspakts zu verhandeln, die der deutsche Außenminister Gustav Stresemann ins Spiel gebracht hatte. Geradezu elektrisiert schrieb der britische Diplomat Lord d’Abernon: "Gewaltige Möglichkeiten liegen vor uns. Noch nie zuvor hat sich eine solch große Chance geboten, eine Friedensordnung in Westeuropa zu etablieren."

Die Drohung amerikanischer Finanzkreise, den Kreditstrom nach Europa zu stoppen, sollte dort keine stabile Ordnung geschaffen werden, war ein wesentlicher Faktor für den Erfolg der Konferenz von Locarno. Doch wäre sie ohne den überzeugten Willen zur Verständigung und ohne starke Führungspersönlichkeiten wie Gustav Stresemann und den französischen Außenminister Aristide Briand gescheitert. Der Schweizer Historiker Jean Rudolf von Salis schrieb 1960 in seiner Weltgeschichte der Neuesten Zeit über den viel beschworenen "Geist von Locarno":

"Der Kontrast zu den früheren Konferenzen, wo sich die Deutschen in der Rolle der Angeklagten, die Alliierten in der Rolle der Ankläger befanden, war so überwältigend, dass begeisterte und rührende Worte über das wunderbare Gelingen einer Verständigung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern nicht ausbleiben konnten. Welcher Unterschied zum Stacheldraht vor dem Hôtel des Réservoirs in Versailles! Endlich entdeckten Staatsmänner, dass sie wie vernünftige Menschen zwanglos, gutwillig und mitteilsam miteinander reden konnten und der eine für die Schwierigkeiten des anderen Verständnis aufbringen konnte." 

Polen und Tschechoslowakei als Verlierer

Deutschland war der größte Gewinner des am 16. Oktober paraphierten Abkommens: Zwar erkannte das Reich noch einmal die 1919 erzwungene Abtretung von Elsass-Lothringen und die Entmilitarisierung des Rheinlandes an, Stresemann konnte dafür aber die von Großbritannien und Italien garantierte Anerkennung der deutschen Westgrenze heraushandeln - eine neuerliche Besetzung des Ruhrgebiets durch die Siegermächte, die 1923 das Reich in den Ruin getrieben hatte, war damit ausgeschlossen. Die im Rheinland noch vorübergehend stationierten alliierten Besatzungstruppen wurden wesentlich reduziert, die zivile Verwaltung kam dort wieder unter deutsche Kontrolle. Und: Deutschland erhielt einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat - sichtbarer Ausdruck seiner wiedererlangten Großmachtrolle.

Verlierer gab es in Locarno auch: Polen und die Tschechoslowakei erhielten keine Garantie ihrer Grenzen, Deutschland war lediglich zum Abschluss von Schiedsgerichtsverträgen bereit. In Warschau war man zudem enttäuscht, dass man die Deutschen im Falle eines sowjetischen Angriffs auf Polen von den Hilfsverpflichtungen der Völkerbundsatzung befreit hatte. Marschall Pilsudski prägte das Wort: "Jeder anständige Pole spuckt aus, wenn er den Namen Locarno hört!"

Wenig Anerkennung in Deutschland

In Deutschland war das Echo auf Locarno trotz der Verhandlungserfolge Stresemanns nicht euphorisch. Das Entgegenkommen der Franzosen und Briten wurde auch im gemäßigten Lager kaum gewürdigt. In der Rechtspresse wurde der Außenminister als Verräter verunglimpft, die Deutschnationalen traten aus der Regierung aus. Und die Generalität setzte nicht auf Verständigung mit den ehemaligen Kriegsgegnern, sondern auf die Wiedererlangung der militärischen Macht, um eine Revision des Versailler Vertrags erzwingen zu können. Der Rückhalt für Stresemanns Außenpolitik schwand mehr und mehr.

Selbst die bedeutendste Rückwirkung Locarnos: Der vorzeitige Abzug der alliierten Besatzungstruppen aus dem Rheinland im Juni 1930, dämpfte den deutschen Nationalismus nicht, im Gegenteil. Bei den Befreiungsfeiern ließen die politischen Repräsentanten antifranzösischen Ressentiments freien Lauf. Der Oberbürgermeister von Trier etwa, Heinrich Weitz, triumphierte: "Deutsche Frauen, deutsche Männer! Trier ist frei. Der letzte Franzose hat die Mauern unserer Stadt verlassen. Die fremden Fahnen am deutschen Rhein sind niedergegangen. In die finstere Nacht versunken sind das Leid und die Schmach fast zwölfjähriger militärischer Fremdherrschaft. Der tausendjährige Traum Frankreichs nach der deutschen Rheingrenze ist ausgeträumt!"

Es dauerte nur noch wenige Jahre, bis ein weit gefährlicherer Traum Gestalt annahm: der von der tausendjährigen deutschen Herrschaft über Europa. 1936 befahl Adolf Hitler den Einmarsch der Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland und brach damit den Vertrag von Locarno.

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