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StartseiteInterview"Museum hat sich nicht mit Antisemiten gemein gemacht"30.06.2019

Kontroverse um Jüdisches Museum Berlin "Museum hat sich nicht mit Antisemiten gemein gemacht"

Ein jüdisches Museum müsse die Vielfalt jüdischer Stimmen abbilden, erklärte der Direktor des jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy im Dlf. Genau das habe das Jüdische Museum Berlin in der Kontroverse um die Israel-Boykott-Kampagne BDS getan. "Wo da jetzt ein Skandal liegt, müsste man mir erst einmal erklären."

Hanno Loewy im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Dritter von vier Tagen zur Veranstaltungsreihe Ein Fest für Michael Köhlmeier im Rahmen der Salzkammergut Festwochen, im Stadttheater Gmunden. Dieses Bild zeigt den Publizisten und Direktor Hanno Loewy während seines Referates. Hanno Loewy ist ein deutscher Literatur- und Medienwissenschaftler, Publizist und Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. (imago images / Rudolf Gigler)
Hanno Loewy, Literatur- und Medienwissenschaftler, Publizist und Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Österreich (imago images / Rudolf Gigler)
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Früher seien jüdische Museen Orte gewesen, an denen die jüdischen Gemeinden ihr kulturell-religiöses Erbe versuchten aufzubewahren, erklärte Hanno Loewy. Das 19. Jahrhundert sei durch Assimilation geprägt gewesen - und die jüdischen Museen, die vor gut 100 Jahren von jüdischen Gemeinden gegründet worden waren, hätten versucht, jüdische Identität zu bewahren.

"Jüdische Museen handeln im öffentlichen Auftrag"

"Das ist seit 1945 etwas völlig anderes", so der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Österreich. Heute seien jüdische Museen öffentliche Museen, die hauptsächlich von der öffentlichen Hand getragen würden und im öffentlichen Auftrag handelten. "Das sind Museen, die sich mit der Frage beschäftigen: Was interessiert unsere Gesellschaft am Judentum, an jüdischer Geschichte, an jüdischem Leben - also alles Fragen, die nicht einseitig, und schon gar nicht von Autoritäten, die es im Judentum in dieser Form auch eigentlich gar nicht gibt, entschieden werden können."

Dass Fragen des Nahostkonflikts Fragen der europäischen Gesellschaft werden, sei unvermeidbar, so Loewy. "Diese Gesellschaft, in der wir hier leben, interessiert sich für Israel und Palästina - und dieser Konflikt hat etwas mit der europäischen Geschichte zu tun. Er hat schlicht und einfach auch etwas mit der Vertreibung der Juden aus Europa zu tun." Dass jüdische Museen sich mit Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus beschäftigen sollten, sei "evident".

"Die Pressesprecherin hat ihren Job gemacht"

In Bezug auf die Kontroverse um das jüdische Museum in Berlin sagte Loewy, dass es schon eine Interpretation sei, zu behaupten, dass Antisemitismus und die Israel-Boykott-Kampagne BDS dasselbe seien. Das sei eine "These", die innerjüdisch heftigst diskutiert werde.

Der Anlass, der dazu geführt habe, dass der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, zurückgetreten ist, sei ja keine Unterstützung des Museums für BDS gewesen. Bei dem Fall habe das Museum, die Pressesprecherin des Museums nichts anderes gemacht, als ihren Job auszuüben. "Sie hat den Link zu einem Zeitungsbericht getweetet."

In dem Bericht sei es darum gegangen, dass 240 jüdische Wissenschaftler und Autoren den Deutschen Bundestag davor gewarnt hätten, BDS und Antisemitismus gleichzusetzen. "Wo da jetzt ein Skandal liegt, müsste man mir erst einmal erklären", so Loewy.

"Wir reden hier gar nicht davon, dass das Museum sich mit Antisemiten gemein macht". Das Museum gebe der Vielfalt jüdischer Stimmen eine Bühne: "Und die Frage ist: Dürfen diese Stimmen gehört werden - auch in Deutschland - oder nicht."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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