Donnerstag, 11. August 2022

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Konzertreihe "Give a home"
360 Geheim-Konzerte an einem Tag

Heute veranstalten Amnesty International und die Organisation Sofar Sounds ein weltweites Musik-Ereignis. An 360 Orten auf der ganzen Welt geben berühmte Künstler wie Kate Tempest oder Ed Sheeran Konzerte an geheimen Orten. Die Besucher müssen vorher etwas spenden und werden dann per Los ausgewählt.

Von Amy Zayed | 20.09.2017

    Auf dem Roskilde-Festival trat das "Orchestra of Syrian Musicians" noch vor hundertausend Menschen auf. Heute werden es nur einige hundert sein.
    Das "Orchestra of Syrian Musicians" auf dem Roskilde-Festival. Für "Give a home" treten sie heute in einer Privatwohnung auf. (AFP PHOTO/ Mathias Loevgreen Bojesen)
    Eigentlich fing alles mit einer fixen Idee an. Sie stammte vom langjährigen Musikmanager und Plattenproduzenten Stephen Budd. Er kennt sich mit Benefizkonzerten aus, aber auch mit Weltmusik und Musik aus Kriegsgebieten.
    "In den vergangenen Jahren habe ich vielen geholfen, Benefizkonzerte für 'Warchild UK' zu organisieren. Das ist eine Wohltätigkeitsorganisation, die Kindern in Kriegsgebieten hilft. Und ich hatte diese Idee, dass sich Leute eine Art Los kaufen, und wenn sie gezogen werden, dürfen sie sich dann mit 200 anderen ein Konzert in irgendeiner Minilocation ansehen. Nun wollte ich mich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Also haben wir das Konzept genauso umgesetzt, nur dass diesmal all diese Minikonzerte an ein und demselben Tag in 360 Städten auf der ganzen Welt bei Leuten Zuhause stattfinden werden."
    Kate Tempest und das "Orchestra of Syrian Musicians"
    Auch die Künstler fanden die Idee gut. Und so treten heute viele namhafte Acts in Mumbay, London, Washington, München, Hamburg oder Berlin auf: Ed Sheeran, Kate Tempest oder The National zum Beispiel. Es sind aber auch unbekanntere Künstler dabei, die selbst einen Migrations- oder Flüchtlingshintergrund haben. Unter anderem spielt das "Orchestra of Syrian Musicians" zusammen mit Kate Tempest in irgendeiner Privatwohnung in London. Hamsa Mounif ist eine der Sängerinnen. Sie ist inzwischen in Großbritannien als Flüchtling anerkannt und freut sich sehr auf ihren "Give A Home"- Auftritt.
    "Mir ist es eine Ehre dieses Konzert zu spielen. Ich will dass die Menschen verstehen, dass Flüchtlinge nicht irgendwelche ungebildeten, verlotterten Menschen sind, sondern einfach Leute, die das Pech hatten, in Kriege hineinzugeraten, mit denen sie nie etwas zu tun haben wollten. Im Grunde genommen kann das jedem Menschen passieren. Ich bin ein Flüchtling, aber ich bin gut ausgebildet, und möchte meine Zukunft aufbauen. Überhaupt eine Zukunft haben!"
    Zu den vielen geheimen Locations gehört auch der Hamburger Altbau, in dem ich gerade stehe. Gleich soll hier die US-amerikanische Band "Dispatch" auftreten. Es ist ein riesiges Großraumbüro, in dem gestern noch die Angestellten wie jeden Tag gearbeitet haben. Jetzt sind hier Sofas, eine improvisierte Bar und eine Bühne aufgebaut. Hier passen doch ein paar mehr Leute rein, als bei – sagen wir mal - Hans Müller zu Hause. Normalerweise treffen sich hier kreative Köpfe, um sich zu vernetzen. Lena Bücker ist die Hausherrin:
    "Sofar Sounds sind eines der tollsten Projekte, die es in Hamburg gibt. Die bringen auf ganz wunderschöne Weise Menschen zusammen. Musik ist ein großeses Herzensthema von mir und Kunst auch, und dass wir das hier machen dürfen, in unserer wunderschönen geheimen Location, ja da sind wir sehr dankbar für."
    Zuhause-Gefühl im Großraumbüro
    Sofar-Sounds-Veranstalter Lars Nemet erklärt, warum man sich in Hamburg ausgerechnet für diesen Ort entschieden hat.
    "Wir wollten massiv darauf aufmerksam machen. Auch viele Leute einladen, Leute, die schon länger Sofar Sounds begleiten. Und da bot sich das an, es eben nicht bei 'Hans Müller' im kleinen Wohnzimmer zu machen, sondern etwas größer."
    Dabei war es Lars Nemet wichtig, dass auch Flüchtlinge das Konzert besuchen.
    "Vor einiger Zeit haben wir mal das Welcome Dinner veranstaltet oder mehrere und dann haben wir Flüchtlinge zu uns nach Hause eingeladen. Wir haben zusammen gekocht und einfach einen wundervollen Abend zusammen verbracht, uns ausgetauscht, kennengelernt, die ersten Deutschschritte mit denen ... beigebracht, das waren wirklich wahnsinnige Begegnungen."
    Die Veranstaltungsorte der Benefiz-Konzerte werden aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich gemacht, aber natürlich soll diese Geheimniskrämerei auch den Reiz verstärken, ein Los zu kaufen. Wie viel man dafür spendet, bleibt jedem selbst überlassen. Im Hamburger Großraumbüro werden heute ungefähr 120 glückliche Gewinner dabei sein. Und Tausende mehr an vielen anderen Orten der Welt.