Donnerstag, 08. Dezember 2022

Cho Nam-Joo: „Miss Kim weiß Bescheid“
Koreanischer Doppelwumms: Kapitalismus & Patriarchat

Sie rackern sich ganz schön ab – die Koreanerinnen in den acht neuen Erzählungen von Erfolgsautorin Cho Nam-Joo. Die Autorin erzählt aus dem stressigen Leben ihrer Landsfrauen.

Von Katharina Borchardt | 08.11.2022

Cho Nam-Joo: "Miss Kim weiß Bescheid"
Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover
"Miss Kim weiß Bescheid" - über den Stress koreanischer Frauen (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch / Foto: Minumsa)
Koreanerinnen sind immer im Stress: Schule, Uni, Job! Und dann auch noch rechtzeitig einen Ehemann finden. Und sobald das erste Kind da ist, muss auch das gemanagt werden. – Willkommen in der Erzählwelt von Cho Nam-Joo, durch die stets ein Hauch von Burnout zieht.
„Eine Freundin von ihr ließ ihr Kind einfach bei ihren Eltern und nahm es nur an Wochenenden zu sich; die Mutter einer Kollegin hatte ihren Beruf aufgegeben, um ihr Enkelkind zu betreuen; und bei einer Bekannten gab es einen Stundenplan, nach dem die ganze Verwandtschaft – die Eltern, Schwiegereltern, Tanten und Schwestern – abwechselnd das Kind betreuten.“
Mit 0,81 Kindern pro Frau ist die südkoreanische Geburtenrate aktuell die niedrigste der Welt. Das liegt Cho zufolge am Mix aus beinhartem Kapitalismus und einem konfuzianisch grundierten Patriarchat, der eine berufstätige Koreanerin ihr ganzes Leben lang im Schwitzkasten hat. Man könnte dieses nette Gewaltgespann auch den koreanischen Doppelwumms nennen, und man darf dabei auch kurz einmal an die Netflix-Serie „Squid Game“ denken, in der am Ende nur demjenigen die Schulden erlassen werden, der nicht bei den vorherigen Konkurrenzspielen liquidiert wurde.

Parallele zum Vorgängerroman

Auch Cho Nam-Joos Frauenfiguren rackern sich immens ab. Das war schon bei „Kim Jiyoung, geboren 1982“ so, der Hauptfigur in Chos gleichnamigem Debütroman. Obwohl damals alle westlichen Leser meinten „na, so schlimm ist es bei uns aber nun nicht“, wurde der Roman ein internationaler Bestseller. Darüber muss man vielleicht mal nachdenken. Aufgrund des Erfolgs kommt jetzt auch schon ein Band mit acht Kurzgeschichten hinterher. Der Titel: „Miss Kim weiß Bescheid“. Auch darin erzählt Cho vor allem von Frauen. Von Frauen ganz unterschiedlichen Alters. Da ist zum Beispiel die titelgebende Miss Kim, die in einer PR-Agentur arbeitet und der plötzlich gekündigt wird.
„Miss Kims Einfluss war offenbar zu groß geworden. Miss Kim, die keine leitende Position hatte, sondern ungeachtet ihrer langjährigen Erfahrung in der Agentur auf dem niedrigsten Rang und der untersten Gehaltsstufe stand, überblickte, organisierte und übernahm sämtliche Arbeiten in der Firma. Aber eine Beförderung oder Gehaltserhöhung kam nicht infrage, denn Miss Kim war schließlich nur Miss Kim.“
Es ist die Erzählerin selbst, die die freigewordene Stelle übernimmt und die miterlebt, wie vieles, was Miss Kim eingerichtet, aufgebaut, bereitgestellt hat, auf rätselhafte Weise wieder verschwindet. Wie ist das möglich? Gelegentlich schleichen sich solch poetische Elemente in Cho Nam-Joos Geschichten, und dann sind sie richtig gut. So auch in der Geschichte der schon etwas älteren Lehrerin, die mit ihrer noch älteren Schwiegermutter nach Kanada fliegt. Sie wollen lieber im Schnee liegen und Polarlichter sehen, als sich um Enkel und Urenkel kümmern.

Beklemmende Fallstudien

Meistens aber gelingt es Cho Nam-Joo nicht, ihren Geschichten einen wirklich schönen erzählerischen Dreh zu geben. Oft wirken die Storys eher wie Fallstudien. Ihre Figuren sind vor allem sozioökonomische Subjekte. Sie wirken so austauschbar wie „Kim Jiyoung, geboren 1982“ und sind meist nur leicht in eine Handlung eingebunden. All dies detailreich und streng realistisch. In der Geschichte „Trotz“ tritt sogar eine Autorin auf, die Cho selbst sehr ähnelt, und sie erklärt:
„Ich war der festen Ansicht, dass man mit dem Schreiben Dinge erreichen konnte, dass ich eine Art Schreiben vertrat, dem man sich mit Verantwortung hingeben musste. Es fühlte sich zwar oft beklemmend einsam und scheinbar sinnlos an, aber ich bemühte mich, viel zu lesen, vielen Fragen nachzugehen und viel zu schreiben. Aber anstelle von Wohlwollen wurde mir nur Feindseligkeit entgegengebracht.“

Gelungene Übersetzung

Auch Cho Nam-Joo hat für ihre feministischen Texte viele Hasskommentare bekommen. Doch sie hat Verbündete im Geiste. Die eben zitierte Erzählerin etwa liest immer wieder den Roman „Ein Geschenk des Vogels“, mit dem Chos Autorenkollegin Eun Heekyung in den 90er Jahren bekannt wurde. Dieser Roman erschien 2005 auf Deutsch, und er wurde – wie jetzt auch „Miss Kim“ – von Inwon Park übersetzt. Klang die deutsche Übersetzung des „Vogels“ damals aber noch etwas umständlich, so fließt die Übersetzung von „Miss Kim“ jetzt überaus elegant, und sie klingt ganz natürlich. Da merkt man dann auch, wie sich Übersetzerinnen und Übersetzer mit den Jahren entwickeln. Glückwunsch an Inwon Park!
Als Euns Roman „Ein Geschenk des Vogels“ in den 90ern auf Koreanisch erschien, traten erstmals Autorinnen hervor, die sich von den bis dahin in Korea sehr geschätzten polithistorischen Großromanen lösten und dezidiert private Geschichten erzählten. In dieser Tradition steht auch Cho Nam-Joo mit ihren ganz neuen Büchern. Wer diese Bücher liest, merkt aber sofort: Nichts ist politischer als das Private.
Cho Nam-Joo: „Miss Kim weiß Bescheid. Storys“
Aus dem Koreanischen von Inwon Park
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
304 Seiten, 22 Euro.