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StartseiteSonntagsspaziergangFrüher Schlachtfeld, heute natürlicher Lebensraum 10.11.2019

Koreas demilitarisierte ZoneFrüher Schlachtfeld, heute natürlicher Lebensraum

Das Ende des Koreakrieges 1953 brachte keinen Frieden, sondern bis heute nur Waffenstillstand. Die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden der Halbinsel besteht aus einer vier Kilometer breiten entmilitarisierten Zone. Die Geschichte der Grenzregion ist tragisch - die Zukunft birgt ökologisches Potenzial.

Von Bodo Hartwig

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Grenzregion zwischen Nord- und Südkorea (Deutschlandradio / Bodo Hartwig)
Zwar nicht politisch, aber ökologisch ist die Grenzregion zwischen Nord- und Südkorea eine Einheit (Deutschlandradio / Bodo Hartwig)
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"Unsere koreanische Halbinsel ist mittendurch von einem vier Kilometer brei­ten Streifen aus doppeltem Stacheldraht zerteilt, zwei Kilometer weisen nach Norden und zwei Kilometer nach Süden. Die sogenannte "Demilitarisierte Zone" wurde 1953 nach dem Waffenstillstand errichtet. Diesen Zustand der Trennung haben wir bis heute nicht beseitigen können."

Jeong Se Hyeon, Jahrgang 1945, ehemaliger Vereinigungsminister Südkoreas.
 
"Wenn ich daran denke, wie die Deutschen durch die Kraft ihrer Vernunft die Feindschaft überwanden und heute mit Stolz die Reste ihrer Mauer als Mahn­mal präsentieren, dann bin ich schon ziemlich neidisch. In Deutschland ist die Mauer weg, bei uns ist sie noch immer traurige Realität. Insofern ist die DMZ für mich kein Ort, den ich meinen Besuchern mit Stolz zeige, sondern einer, für den ich mich schäme."

Gedenken an die im Koreakrieg gefallenen Soldaten

"Ladies and Gentlemen! The ceremony will begin in a few minutes."
 
Knapp 50 Kilometer Luftlinie nördlich der Hauptstadt Seoul nahe dem Grenzfluss Imjin. Offizielle, Würdenträger und Militärs versammeln sich im "Gloster Hill Memorial Park" am Fuße einer dicht bewaldeten Anhöhe. Alljährlich lädt die Britische Botschaft an den historischen Ort zum Gedenken an die im Korea­krieg gefallenen Soldaten. Unter ihnen waren mehr als eintausend Briten.

"Ladies and Gentlemen! Could I please ask you to stand as the veterans march in."
 
Auch ein knappes Dutzend britischer Veteranen kehrt noch einmal zurück an den Schauplatz ihres damaligen UN-Militäreinsatzes. Symbolisch marschieren sie nun ein.
 
"Ich musste zum Wehrdienst für zwei Jahre und man sagte mir: Du gehst nach Korea!"
 
Terence A. Smith war damals gerade zwanzig. 
 
"Ich wusste gar nicht, wo Korea war, kannte nur China, Japan oder Indien, aber nicht Korea. Niemand von uns kannte das. Es dauerte einen ganzen Monat hierher mit dem Schiff. Am Ende hatte ich Glück, denn wenige Wochen nach meiner Ankunft wurden die Kampfhandlungen eingestellt."
 
Dieses Glück haben nicht alle. Gut zwei Jahre zuvor fallen Hunderte von ihnen am "Hügel 235", jenem "Gloster Hill", als ihr Bataillon von einem unerwartet mächtigen Gegner überrannt und nahezu ausgelöscht wird.

Das Grenzgebiet war ein blutiges Schlachtfeld

"As we driving towards the DMZ, we're heading south to north, I'm gonna talk you through the battle space."
 
Weite Teile des Kampfgebietes bilden heute den Bereich der DMZ. Im Charter­bus dorthin erklärt Andrew Salmon, Korea-Kenner und Autor mehrerer Bücher zum "Vergessenen Krieg" den Veteranen noch einmal Geografie und Gefechts­verlauf.

"Was passierte hier also in der Schlacht am Imjin: Die Chinesen starteten den größten Angriff im Koreakrieg. Mehr als 300.000 Mann stürmen südwärts in einer Breite von gut 50 Kilometern. Ihr Ziel war es, die Haupt-UN-Verbände zu durchstoßen, sie einzukesseln und zu vernichten."

Doch trotz ihrer schieren Überzahl erleiden die nur spärlich ausgestatteten Soldaten der chinesischen "Volksfreiwilligenarmee" dabei schwerste Verluste. Denn die Alliierten des Südens verteidigten standhaft und hatten zum Teil schlagkräftigere Waffen.
 

Reste eines Stahlhelms im Bereich der DMZ (Jeon Young Jae)


"Das war ein extrem blutiger Krieg. Ein Krieg, in dem Bataillone oder ganze Di­visionen durch Feindeinwirkung verheizt werden konnten. - Wir erreichen jetzt den Fluss, hier drüben ist eine südkoreanische Militärbasis, wahrscheinlich können Sie die Artillerieposten erkennen. Korea ist in diesem Teil massiv befestigt. Wenn Sie die Hügel hochsteigen, die Gräben sind noch da, selbst Telefondräh­te. Denn der Imjin ist die zweite Rückzugsposition, falls die DMZ von einem nordkoreanischen Angriff überrollt würde."
 
Nachdenklich blicken die Veteranen durchs Fenster in die verschlungene, grün bewachsene Flusslandschaft. Nicht wenige von ihnen sind noch traumatisiert von den Kriegserlebnissen.

Erinnerungen von Veteranen

Der Bus hat die Zivil-Kontrollzone passiert und hält jetzt an einem hochgele­genen Beobachtungsposten des Militärs, direkt an der südlichen Grenzlinie zur menschenleeren DMZ. Koreanische Wehrdienstleistende in Felduniform berei­ten den Ankömmlingen einen herzlichen Empfang. Schnell noch ein Gruppen­foto, danach geht es zur Besucherterrasse.

Der Blick über den Stacheldraht, hinein in die zerfurchte und versteppte Land­schaft lässt Erinnerungen wach werden, wie die von Frederic Grundy:

"Die Bombardierungen waren heftig wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Sie dezimierten die Bergkuppen und zerstörten die meisten unserer Bunker. Wer sich retten konnte, wurde gefangen genommen. Ein Freund von mir leidet noch heute psychisch darunter und ist deshalb in Behandlung."

Ein anderer, groß gewachsener Veteran beugt sich über eines der schwenkba­ren Ferngläser. 

"Die braune Bergspitze da drüben, nicht ganz am Horizont - ich will mal se­hen, ob ich dort etwas wiedererkenne."

"I was on the other side of 355."

Peter H. Marsh war 19, als er 1953 in Korea zum Einsatz kam. Der Krieg hatte sich seit über zwei Jahren um die heutige Demarkationslinie herum festgebis­sen und wollte nicht enden.
 
"Wir sahen gewöhnlich die Suchscheinwerfer von Panmunjom, wo damals die Friedensverhandlungen stattfanden. Wir hofften, der Frieden sei auf einem guten Weg. Nun, wir hoffen noch immer!"

Sehnsucht nach Frieden und Wiedervereinigung

Ein kühler Wind weht durch die Maschen des Y-förmigen Zauns, der eine kahle Schneise in die Höhenzüge der Berge gegraben hat. Mehrmals täglich kontrol­lieren Patrouillen die Unversehrtheit der Signaldrähte.

"Don't touch! Alright." 
 
Seit im Zuge der jüngsten Entspannungsphase die Propagandalautsprecher auf beiden Seiten abgebaut sind, ist es hier etwas ruhiger geworden, bestätigt dieser junge Offizier:

"Ab und zu sind Wortfetzen oder militärische Befehle aus Nordkorea zu hören. Zumindest dort, wo die DMZ etwas schmaler ist."

Der Soldat bleibt an einer weißen Drahtskulptur stehen: das Abbild einer riesi­gen Hand, die vorsichtig ein Stück Stacheldraht anhebt. 
 
"Friedenshand".

Drahtskulptur des französischen Bildhauers Jean Michel Rubio (Jean-Michel Rubio)Die Drahtskulptur von Jean Michel Rubio verkörpert die Sehnsucht nach Frieden (Jean-Michel Rubio)
Die Arbeit des französischen Bildhauers Jean Michel Rubio verkörpert die Sehnsucht vieler Menschen nach Frieden und  Wiedervereinigung. Doch der Weg dorthin bleibt weiter unklar.

"Letztlich hängt viel davon ab, welche Art von Wiedervereinigung man in Nord­korea möchte. Ob sie wie wir mit einer friedlichen Demokratie einverstanden wären? Wir werden sehen. – Irgendwann."

Tragische Geschichte der Grenzregion

Ortswechsel. Rund 50 Kilometer weiter nordwestlich fährt ein Dorfbus die kleinen Ort­schaften der Region Cheorwon ab. Gerade hat er im grenznahen Yangji-Ri ge­halten, das auch "Durumi Town" genannt wird, "Stadt der Kraniche". Frau Kim Il-nam lebt hier seit Mitte der 80er-Jahre in der Zivil-Kontrollzone, arbeitet mit bei Umwelt- und Forschungsprojekten im Grenzgebiet. Jetzt steigt sie auf einen markanten, kegelförmigen Hügel, der sich steil inmitten einer Ebene aus Feldern erhebt.
 
"Hier oben ist ein guter Ort, um Kranichrufe, Vogel- und Windgeräusche zu hö­ren. Außerdem kann man bis weit nach Norden reinschauen."
 
Eine angerostete Stahltür führt durch einen kühlen Bunker mit Schießscharten in alle Himmelsrichtungen. Bis vor kurzem wurde der Berg noch von Soldaten genutzt. Jetzt befindet sich darauf eine Beobachtungsstation für Zugvögel.
 
"Das da drüben ist alles Nordkorea."
 
Frau Kim zeigt auf ein paar grünlich schimmernde Berge. Bis dorthin erstreckt sich eine breite Fläche aus bewirtschafteten Feldern, die noch zum Süden ge­hören. 

"Diese fruchtbare Ebene hier unten gehörte ja vorher zu Nordkorea. Im Zuge der Kampfhandlungen ging das Gebiet dann an Südkorea. Damit verbinden sich auch etliche traurige Geschichten. Hier ringsum befand sich früher eine größere Stadt. Die Gegend war so hart umkämpft, dass davon nichts übriggeblieben ist. Auch der Berg, auf dem wir stehen, war um einiges höher. Man kann sich vorstellen, wie er durch den Granathagel, die Hitze und den Regen samt all der getöteten Soldaten wie Eis in der Sonne förmlich dahinschmolz. So zumindest umschrieb es damals ein britischer UNO-Soldat. Seitdem trägt dieser Hügel den Namen "Icecream Pla­teau".

Vogel auf einem Stacheldraht der koreanischen Demilitarisierten Zone (Bernhard Seliger)Das Sperrgebiet hat einen hohe Qualität als natürlicher Lebensraum (Bernhard Seliger)
 
Auch wenn wie bei jüngsten Ausgrabungen in der DMZ immer wieder Gebei­ne und persönliche Gegenstände gefallener Soldaten geborgen werden, wach­se allmählich Gras über die Wunden des Bruderkriegs, rückten bei der Vernar­bung andere Aspekte in den Vordergrund.
 
"Ironischerweise fasziniert das Sperrgebiet gerade dadurch, weil es schon so lange existiert und nicht betreten werden darf. Ich selbst bin sehr neugierig, welche Pflanzen und Tiere inzwischen dort leben. Dass auch viele seltene Kra­niche so gerne hier her kommen, ist ein Indiz für die außerordentliche Qualität als natürlicher Lebensraum. Und so tritt gerade in der internationalen Wahr­nehmung die schmerzhafte Geschichte ein wenig zurück hinter dem großen ökologischen Potenzial, das in dieser Grenzregion steckt.

Korea eine ökologische Einheit

Mit Naturschutz- und Entwicklungsprojekten rund um die DMZ beschäftigt sich auch die deutsche "Hans Seidel Stiftung", deren Repräsentant in Korea Dr. Bernhard Seliger ist. An diesem Tag besichtigt der gebürtige Münsteraner ein unlängst erneuertes Observatorium am nördöstlichsten Zipfel Südkoreas, knapp 70 Kilometer nördlich des 38. Breitengrades.
 
"Was eben wirklich schön ist hier, man kann rüber gucken und Fotos machen, was man sonst fast nirgendwo machen kann."
 
Auf der hochgebauten Besucherplattform stehen nur wenige Touristen, die sich gegenseitig ablichten vor einer spektakulären Kulisse aus Bäumen, schroffen Felsen und blauem Meer.
 
"Da vorne sehen Sie einen Zaun, keine zehn Meter von uns entfernt, dort fängt die Demilitarisierte Zone an, die hat hier einige Besonderheiten, nämlich, Sie sehen, hier geht eine Eisenbahnlinie durch und hier geht eine Straße durch. Die Eisenbahnlinie ist in der Zeit der "Sonnenscheinpolitik", also von ungefähr 2000 bis 2007 erneuert worden."
 
Wandel durch Annäherung hieß damals auch hier die Devise, mit dem Neben­effekt, Südkorea an das eurasische Schienennetz anzubinden. Doch Züge fah­ren hier bis heute nicht, und auch die Straße, über die gelegentlich Hilfsgüter in den Norden gelangen, wirkt unschuldig und leer wie eine Uferstraße an ei­nem autofreien Sonntag.

"Das sieht unheimlich friedlich aus, ist wirklich eine friedliche Sonntagnach­mittagatmosphäre, könnte man denken. Das schöne Laub, die Bäume, die sich hier im Wind wiegen. Aber, Sie dürfen nicht vergessen, wir sind hier auf der südkoreanischen Seite, danach ist die nordkoreanische Seite und dann beginnt eigentlich erst der Versuch der Nordkoreaner, Leute auch vor der Flucht zu hindern: zusätzliche Zäune, zusätzliche Wachanlagen, wir haben in diesem Gebiet bis zu hundert Millionen Minen. Die sind allerdings im Wesentli­chen während des Kriegs gestreut worden, und nicht dazu da, die Flucht zu verhindern, aber die erschweren sie natürlich auch."

Minenwarnung am Sperrgebiet (Deutschlandradio / Bodo  Hartwig)Minenwarnung am Sperrgebiet (Deutschlandradio / Bodo Hartwig)

Als Deutscher darf Dr. Seliger hin und wieder in das abgeschottete Land rei­sen, um mit Verantwortlichen vor Ort zwingend notwendige Umweltprojekte in Gang zu bringen und dabei auch so weit wie möglich die Natur zu ergründen.
 
"Normalerweise ist es sehr schwierig, überhaupt in Grenznähe zu kommen, denn die Grenzlandkreise sind in der Regel für Ausländer geschlossen. Es gibt aber eine Ausnahme und das ist sehr schön. Deshalb wird mein Herz auch wirklich warm, wenn ich hier stehe, denn ich blicke jetzt nach Hae-Geumgang, das 'Meeresdiamantengebirge' und ich habe in den letzten Jahren oft auch auf der anderen Seite gestanden und nach hierhin geguckt, denn dort gibt es eine Stelle, wo man bis an das Meer tatsächlich in die DMZ hineingehen kann, dort haben wir Vogel-Surveys durchgeführt und eben auch bestätigt, dass die­se Landschaft nicht nur historisch und politisch einmal eine Einheit war, son­dern auch ökologisch eine Einheit ist."
 
Niemand weiß, wann und wie die Menschen in Nord- und Südkorea wieder zu­einander finden. Eine Aufgabe wird sein, der teilenden DMZ den Schrecken zu nehmen und sie gleichzeitig im Ganzen als Naturreservoir zu erhalten.

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