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StartseiteInterview"Biden ist ein Kandidat, der auch eine positive Botschaft hat"11.03.2020

Kornblum zu Vorwahlen der US-Demokraten "Biden ist ein Kandidat, der auch eine positive Botschaft hat"

Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden habe gute Chancen, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden, sagte der ehemalige US-Botschafter John Kornblum im Dlf. Biden könne wichtige Wählergruppen an sich binden und habe dann auch eine Chance gegen Präsident Donald Trump.

John Kornblum im Gespräch mit Philipp May

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John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (imago)
John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (imago)
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In den USA haben in sechs weiteren Staaten Vorwahlen stattgefunden, in denen die Parteien ihren Präsidentschaftskandidaten ermitteln. Bei den Demokraten könnte eine Vorentscheidung gefallen sein. Der frühere US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, hat einen klare Meinung, wen er sich als Kandidaten wünscht.

Philipp May: Herr Kornblum, Sie kommen aus Detroit (Michigan) und haben mir im Vorgespräch schon verraten, dass Sie auch gewählt haben, aber noch nicht, wen. Verraten Sie es uns.

John Kornblum: Ich habe für Bloomberg gewählt, und aus ganz einfachem Grund: Biden hat es angesprochen in dem Clip, den Sie eben gebracht haben. Ich habe vor sechs Wochen gewählt per Briefwahl. Meine Stimme ist noch nicht ausgezählt worden. Zu dem Zeitpunkt sah es sehr schlecht für Biden aus und da mein Ziel war, einen guten, stabilen Kandidaten gegen Trump zu haben, also nicht Sanders, da habe ich für Bloomberg gewählt. Das war vielleicht ein Fehler, aber man kann die Bloomberg-Stimmen zu Biden zählen, und er hat weit über 60 Prozent der Stimmen in Michigan.

US-Wahl 2020 (dpa/Daniel Bockwoldt) Alle Beiträge zur Präsidentschaftswahl in den USA (dpa/Daniel Bockwoldt)

"Ein Kandidat, der auch gewinnen kann"

May: Sie hätten, wenn Sie es vor sechs Wochen gewusst hätten, dass Bloomberg aus dem Rennen ausscheidet, für Joe Biden gestimmt?

Kornblum: Ja.

May: Aber auch Sie zweifeln an Joe Biden?

Kornblum: Nein, ich zweifele gar nicht an ihm. Ich war sehr traurig, dass sein Wahlkampf nicht gut ging. Aber manchmal ist das in der Politik so. Ich kenne ihn persönlich. Ich habe sogar über die Jahre sehr viel mit ihm zusammengearbeitet und ich halte sehr viel von ihm. Aber meine Stimme war, was man meistens bei Wahlen wahrscheinlich nicht tun soll, taktisch gemeint und nicht persönlich gemeint.

May: Auf der anderen Seite Bernie Sanders, den Sie nicht wollen, der die enorme Ungleichheit in den USA anprangert, dass sich junge Leute immens verschulden müssen, nur um aufs College zu gehen, dass Konzerne eine enorme Macht haben, dass es keine Krankenversicherung für alle gibt, obwohl das US-Gesundheitssystem ja eines der teuersten der Welt ist. Hat er da nicht schlicht recht, wenn er nach Revolution schreit?

Kornblum: Nein, natürlich nicht. Erstens: Sie reihen da eine Reihe von Vorurteilen über Amerika, die nicht unbedingt stimmen. Aber zweitens: In einer Demokratie gerade jetzt ist die Frage nicht nach der Revolution. Sie wollen auch nicht nach einer Revolution in Deutschland rufen. Bestimmt nicht. Aber die Frage ist, wer ist ein Kandidat, der auch eine positive Botschaft hat und wer gewinnen kann, und das ist Biden.

Offizielle Twitter Seite von Donald J. Trump, @realDonaldTrump, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (imago/imagebroker)Offizielle Twitter Seite von Donald J. Trump, @realDonaldTrump, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (imago/imagebroker)Soziale Medien im US-Präsidentschaftswahlkampf
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May: Was stimmte jetzt nicht an den Vorurteilen? Da muss ich jetzt noch mal ganz kurz nachhaken.

"Die starke Mitte hat auch in Michigan gewonnen"

Kornblum: Sie geben den Eindruck, als ob die Gesellschaft auseinanderfällt. Einige der Punkte sind richtig, aber die amerikanische Gesellschaft arbeitet nach anderer Dynamik als die europäischen Gesellschaften und die Politik wird zusammengestellt nicht unbedingt von Regierungsprogrammen, sondern von dem Engagement oder von der Stimmung der Bevölkerung.

Sanders hat nicht Unrecht in vielen seiner Punkte, aber wo er Unrecht hat, ist zu glauben, dass man diese amerikanische Gesellschaft auf der Basis von quasi sozialistischen Botschaften gewinnen kann oder sogar leiten könnte. Außerdem: Die Programme, die er vorgeschlagen hat, hätten Milliarden, Trillionen gekostet, und das wäre nicht zu bezahlen gewesen. Amerika ist ein Land immer der Mitte gewesen und was mich besonders freut und überzeugt bei dieser Wahl jetzt mit Biden ist genau das, trotz den Schwierigkeiten, die wir haben, und auch trotz der polarisierenden Haltung von Trump, dass die Mitte hier auch gesiegt hat. Ich kenne Michigan sehr gut, bin da aufgewachsen, meine Familie lebt da, und es war doch ein Hammer für die Demokraten letztes Mal, dass Trump in Michigan gewonnen hat. Und ich kann nur sagen, dass man jetzt gesehen hat, dass die starke Mitte auch in Michigan gewonnen hat.

May: Mit anderen Worten, Sie sind sich jetzt sicher, dass Joe Biden auch das Rennen machen wird um die Präsidentschaftsnominierung bei den Demokraten?

Kornblum: Ich glaube es. Ich meine, die Prozeduren für die Delegierten sind ja etwas kompliziert, und ich habe eben versucht, das zusammenzuaddieren, aber das ist mir nicht gelungen. Ich glaube, dass sein Vorsprung jetzt groß genug ist, dass er gewinnt. Sie haben in dem Bericht aus Washington gehört, wie er schon auf Versöhnung ist und schon zu Sanders sagt, wir müssen zusammenarbeiten. Das war sehr klug von ihm. Ich hoffe, dass er mit Sanders zusammenkommt, so dass der demokratische Konvent eher ein Einheitskonvent ist und nicht irgendwie ein Kampf zwischen Links und Rechts.

May: Schauen wir noch mal auf die Demokraten, traditionell die Partei der Minderheiten, der Latinos, der Schwarzen und, auch wenn man sich den Kongress anschaut, die Partei der Frauen - viel mehr als bei den Republikanern. Das ursprüngliche Bewerberfeld hat das ja auch wiedergespielt. Und jetzt stehen mit Verlaub zwei alte weiße Männer nur noch im Ring. Wie passt das zusammen?

"Biden hat über 50 Jahre für diese Minderheiten gekämpft"

Kornblum: Ja, aber Biden ist der Jüngste von denen. Immerhin!

May: Aber er ist trotzdem, glaube ich, sechs Jahre älter als Donald Trump, oder fünf Jahre.

Kornblum: Ich finde das auch merkwürdig. Die Soziologen müssen uns sagen, warum das so ist. Wenn man Elizabeth Warren dazuzählt, die vier führenden Kandidaten der Demokraten waren alle über 70, und Trump ist auch über 70. Das ist eine Sache; ich weiß nicht, wie man das erklären soll.

Was man vielleicht sagen kann über Biden ist: Er kommt erstens aus derselben Schicht, die in Michigan sehr stark sind, die Facharbeiterschaft. Zweitens: Er hat über 50 Jahre in der Politik immer für Positives genau für diese Minderheiten gekämpft, die Sie erwähnt haben. Und Sie können sehen: In Mississippi, wo die Demokraten sehr stark Afroamerikaner sind, hat er 80 Prozent der Stimmen bekommen. Das ist schon fast nicht zu erwarten. Ich glaube, er hat die Chance jetzt auch, weil er älter ist, das Volk zusammenzubringen. Aber wir müssen warten. Es ist immer noch sehr früh und Trump ist, wie wir gesehen haben, ein sehr guter und auch ziemlich rücksichtsloser Politiker und der Wahlkampf wird nicht einfach sein. Aber ich glaube doch, dass Biden die beste Wahl ist.

May: Dennoch haben Sie es auch schon angesprochen. Der Wahlkampf von Joe Biden war in großen Teilen sehr schwerfällig. Er wirkte manchmal nicht so, mit Verlaub auch wieder, als sei er noch auf der Höhe seines Schaffens.

"Trump sieht das Virus als einen Gegner"

Kornblum: Ja!

May: Er wirkte häufig fahrig, unkonzentriert in den Debatten, und er hat natürlich auch noch die schwache Flanke mit der Verwicklung seines Sohnes in der Ukraine-Affäre. Wie groß sind Ihre Sorgen, dass er Donald Trump am Ende doch nicht gewachsen sein könnte?

Kornblum: Werden wir sehen! Ich weiß es nicht. Was passiert ist – Sie haben recht -, deshalb sah es sehr schlecht für ihn aus, nicht unbedingt wegen seines Sohnes, sondern weil er ziemlich unkonzentriert war und nicht so sehr zur Sache ging in der ersten Hälfte des Wahlkampfes. In den letzten drei, vier Wochen hat er sich irgendwie gefunden. Ich weiß nicht den Grund, aber er hat sich gefunden und in den letzten paar Wahlkämpfen in den Bundesstaaten hat er sich sehr gut geschlagen. Ich glaube – man hat es gestern oder heute Nacht gesehen, auch in dem Bericht, den Sie gebracht haben -, er hat jetzt irgendwie seine Füße gefunden, wie man auf Englisch sagt, dass er richtig fest dasteht, und er hat gestern auch einen sehr guten Eindruck gemacht.

May: Jetzt gibt es auch einige Experten, die sagen, am Ende wird gar nicht Joe Biden Donald Trump besiegen, auch nicht Sanders, sowieso nicht, sondern das Corona-Virus. Könnte das passieren?

Kornblum: Es könnte passieren, ja. Trump hat alle seine Schwächen, auch seinen Egoismus gezeigt, und er sieht irgendwie das Virus als einen Gegner, der ihn in Frage stellt, statt für das Volk wichtig ist, und er möchte irgendwie persönlich durch sein Auftreten und durch seinen, wenn Sie wollen, Optimismus das Virus durch Reden bekämpfen und nicht an die Experten glauben.

Dasselbe ist George Bush passiert mit dem Wirbelsturm, dem Hurrikan Katrina in New Orleans damals, wo seine Administration auch die Bearbeitung der Schäden etc. total vermasselt hatte. Es kann sein, dass das für Trump auch ein riesen Negativpunkt sein wird.

May: Läuft denn der Ärger über Donald Trump nur quer an den Parteilinien entlang, haben Sie den Eindruck, oder ist das tatsächlich ein Ärger, der auch wirklich lagerübergreifend anschwillt, jetzt hier in der Coronakrise so wie damals bei Bush im Falle vom Wirbelsturm Katrina?

Die Rolle der Afroamerikaner

Kornblum: Es gibt drei Parteien wie in den meisten Ländern in Amerika. Es gibt die Republikaner, es gibt die Demokraten und dann gibt es die sogenannten Unentschiedenen und die große Gruppe der Nichtwähler. Die Statistik aus 2016 beweist ziemlich klar, wenn die Afroamerikaner zum selben Prozentsatz gewählt hätten wie damals für Obama, hätte Hillary Clinton gewonnen. Aber die Afroamerikaner haben gedacht, na ja, wir haben unseren Obama gehabt, dann brauchen wir nicht mehr zu wählen.

Es gibt drei Gruppen. Es gibt eine ziemlich große Gruppe unverbesserlicher Republikaner. Es gibt eine noch größere Gruppe unverbesserlicher (ich benutze das Wort Demokraten) Demokraten. Aber wie Sie wissen, wir haben ein indirektes Wahlsystem. Es sind mehr die Bundesstaaten, die entscheiden, als die Direktwahl.

Wichtig sind zwei Gruppen: die sogenannten Suburban Women, die Vororts-Hausfrauen, die letztes Mal für Trump waren. Die gehen jetzt – die Berichte zeigen das – sehr schnell in die Richtung der Demokraten. Und zweitens die Nichtwähler, und die Nichtwähler waren letztes Mal hauptsächlich, nicht nur, aber hauptsächlich Schwarze, Afroamerikaner. Wenn diese beiden Gruppen zu Biden gehen – und er hat eine gute Chance; genau er ist der Kandidat, der diese Menschen anspricht -, wenn diese Gruppen zu Biden gehen, dann hat Trump es sehr schwer.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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