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StartseiteInterview"Viel Lärm um nichts"25.08.2015

Korruptionsvorwürfe gegen Franz Josef Strauß"Viel Lärm um nichts"

Der Ex-Chefredakteur der CSU-Parteizeitung "Bayernkurier", Wilfried Scharnagl, hat die aktuellen "Spiegel"-Enthüllungen über Franz Josef Strauß als längst bekannt dargestellt. Das Bild des ehemaligen CSU-Ministerpräsidenten müsse nicht korrigiert werden. Die eigentliche Sensation sei vielmehr, dass der "Spiegel" seine zuvor jahrzehntelang erhobenen Vorwürfe gegen Strauß zurücknehme, sagte Scharnagl im DLF.

Wilfried Scharnagl im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Wilfried Scharnagl (imago/Sven Simon)
Der einstige Strauß-Intimus Wilfried Scharnagl (imago/Sven Simon)
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Tobias Armbrüster: In wenigen Tagen, am 6. September, wäre Franz Josef Strauß 100 Jahre alt geworden. Ein wichtiger Termin, vor allem für seine Partei, die CSU, denn dort wird er nach wie vor verehrt. Strauß, so will es die Legende, hat Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg groß gemacht, hat Hochtechnologie und Industrie in den Freistaat gebracht und damit eine einzigartige deutsche Erfolgsgeschichte geschrieben. Aber aktuelle Enthüllungen im "Spiegel" zeigen nun auch ein anderes Bild von FJS. Demnach hat Strauß häufig auch die Hand aufgehalten und von vielen Industrieunternehmen Gelder ohne Gegenleistung kassiert. Der Verdacht der Korruption steht zumindest im Raum.

Am Telefon ist jetzt Wilfried Scharnagl, ehemaliger Chefredakteur der CSU-Parteizeitung "Bayernkurier" und ein enger Weggefährte von Franz Josef Strauß. Schönen guten Morgen, Herr Scharnagl.

Wilfried Scharnagl: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Scharnagl, muss die Geschichte von Franz Josef Strauß neu geschrieben werden?

Vergleich mit Hitler-Tagebüchern

Scharnagl: Wissen Sie, als der "Stern" die größte Pleite seiner Geschichte erlebte, indem er gefälschte Hitler-Tagebücher auf den Markt brachte, geschah das mit dem Beiwort, die Geschichte müsste umgeschrieben werden. Ähnliches kommt mir hier vor, die Geschichte muss umgeschrieben werden. Zudem: Ich wundere mich, dass die größte, die historische Situation, die in dieser Ausgabe des "Spiegel" steht, nicht wahrgenommen wird, offensichtlich auch nicht von Ihnen und auch nicht von den Medien, die alle diese andere Geschichte nachgebetet haben. Denn in diesem "Spiegel" steht für meine Begriffe ungeheuer Aufregendes, Neues und Tolles drin. Da steht drin, dass der zentrale Vorwurf, den der "Spiegel" ein halbes Jahrhundert lang dem Franz Josef Strauß gemacht hat: A - er habe das Parlament belogen, B - er habe das juristische Agieren gegen Augstein in Gang gesetzt. Heute steht im "Spiegel", dass beides nicht zutrifft. Heute steht drin, dass er das Parlament nicht belogen hat. Heute steht drin, dass die Ermittlungen gegen das Magazin wegen Landesverrats bereits lange im Gange waren, bevor Strauß eingriff. Das ist für mich die Sensation dieser "Spiegel"-Ausgabe. Und dass man das natürlich in üblicher Weise mit einer der üblichen Vorwurfvermischungen versucht, ein bisschen zu vernebeln, weil es natürlich nicht angenehm ist, nach 50 Jahren diese zentrale Geschichte einzuräumen, das verstehe ich.

Armbrüster: Ich schätze mal, Herr Scharnagl, das sehen die Kollegen vom "Spiegel" ein wenig anders. - Aber lassen Sie uns vielleicht bei dieser zentralen Geschichte bleiben.

Scharnagl: Entschuldigung! Ich habe zitiert, das steht drin, können Sie nachlesen im "Spiegel" auf Seite 21.

Armbrüster: Der neue Vorwurf lautet ja nun, Franz Josef Strauß hatte eine etwas dubiose Beratungsfirma, in die Unternehmen aus der gesamten deutschen Industrie eingezahlt haben, ohne dass sie dafür eine erkennbare Gegenleistung erhalten haben.

Scharnagl: Erstens schreibt sogar zu diesem Vorgang der "Spiegel", dass strafrechtlich "korrupt" der Vorwurf überhaupt nicht zutrifft. Das steht selbst in der Geschichte drin. Zweitens wunder ich mich. Strauß ist wirklich wohl der einzige Mann, der eine Generation nach seinem Tod hinaus noch mit großer Hartnäckigkeit verfolgt wird. Okay, kann man tun, gegen Tote kann man ja relativ risikolos Krieg führen. Aber was ich besonders auch hier absurd finde, dass man so tut, als ob hier eine unglaubliche Novität auf den medialen Markt gekommen sei. Würden alle, die die Geschichte geschrieben haben, aber vor allem, die sie nachschreiben und kritiklos nachbeten, sich der Mühe unterzogen haben, die seit drei Monaten auf dem Markt befindliche umfängliche wissenschaftliche Biografie von Professor Horst Möller, lange Jahre, Jahrzehnte Präsident des Instituts für Zeitgeschichte in München, da steht diese Geschichte bereits drin. Man tut jetzt so, als ob hier was Neues war. Wenn man ein bisschen die Augen aufmachen würde, sich ein bisschen, was ich eigentlich zu seriösem Journalismus als dazugehörig empfinde, informieren würde, hätte man längst Bescheid gewusst und müsste jetzt nicht tun, aufgeregt mit den Flügeln flattern, als ob man irgendwas Tolles, Dramatisches entdeckt hätte.

Armbrüster: Herr Scharnagl, wir können das ja ganz, ganz unaufgeregt machen. Und die Frage lautet einfach nur: Wenn wir das jetzt wissen. Egal ob diese Vorwürfe nun schon seit längerer Zeit bekannt sind und vielleicht in einigen kleinen Publikationen geschrieben wurden oder jetzt im "Spiegel" erscheinen, die Frage ist doch: Muss das Bild von Franz Josef Strauß neu gezeichnet werden, wenn wir von dieser dubiosen Treuhand-Firma wissen?

"Überhaupt nichts muss neu geschrieben werden"

Scharnagl: Die Frage, Entschuldigung, Herr Armbrüster, finde ich ein bisschen abstrus. Überhaupt nichts muss neu geschrieben werden. Ich habe Ihnen gesagt, was ich von diesen schrillen Trompetenschreien halte, es müsse die Geschichte neu geschrieben werden. Es ist ein Unternehmen, das beraten hat. In welcher Form, kann ich nicht beurteilen, aber die, die darüber schreiben, überhaupt nicht. Es ist alles ordentlich, wie ich auch handschriftlich Notizen entnehme, über die der Professor Möller berichtet und nicht etwa der "Spiegel". Da steht drin, es ist alles korrekt versteuert worden, es ist alles in Ordnung gegangen, es ist nicht geschmiert worden und es ist auch nicht korrupt. Es ist eine Gesellschaft gewesen zur Beratung, an der Strauß beteiligt war. Okay, Strauß war das - Sie haben das gerade von Peter Gauweiler gehört - in seiner Zeit als Abgeordneter, als er kein Staatsamt, kein Ministeramt hatte. Darum ist das wirklich viel Lärm um nichts. Und das ist meine Überzeugung. Es ist eine Nebelwerferaktion, um die zentrale Aussage, auf die Sie ja auch bemerkenswerterweise nicht näher eingehen: Das, was man Strauß ein halbes Jahrhundert angehängt hat, Parlament belogen und gegen Augstein juristisch vorgegangen, wird beides in diesem "Spiegel" widerrufen. Darüber würde ich gern auch irgendwas lesen in allen Zeitungen, die sich jetzt auf diese Veröffentlichung berufen.

Armbrüster: Herr Scharnagl, was würde denn heute passieren, wenn beispielsweise über die Bundesverteidigungsministerin bekannt würde, dass sie eine derartige Treuhandgesellschaft betreibt und vor ihrer Zeit als Ministerin Gelder kassiert hat und möglicherweise auch nach ihrer Zeit als Ministerin weiter dort Gelder kassieren möchte?

Scharnagl: Da kann ich Ihnen nur Folgendes sagen. Gehen Sie in die jüngere Geschichte der Bundesrepublik zurück. Die ehemaligen Minister Schily, die ehemaligen Minister Fischer haben umgehend nach dem Ausscheiden aus dem Ministeramt umfängliche ökonomische, wirtschaftliche Tätigkeiten übernommen. Da habe ich nicht gehört, dass deren Geschichte neu geschrieben werden muss.

Armbrüster: Hier im Zusammenhang mit Franz Josef Strauß und dieser Treuhandgesellschaft ist allerdings immer die Rede davon, dass er ja Gelder kassiert hat, diese auch ordentlich versteuert hat, aber niemand weiß, was genau er dafür geleistet hat.

Scharnagl: Ja gut. Aber Sie liefern ja jetzt das beste Argument gegen diese Art von Journalismus. Sie schreiben, niemand weiß, was er dafür geleistet hat. Aber diejenigen, die Ihnen das jetzt bekübeln, wissen es auch nicht.

Armbrüster: Muss einen das denn nicht zum Nachdenken bringen, wenn man Aktenordner findet voller Geldeinzahlungen und voller Steuerbescheide, dass alles zahlungsmäßig korrekt läuft, aber mit keinem Wort wird erwähnt, welche Gegenleistung erbracht wird.

"Bei Strauß schafft auch der Tod keinen Frieden"

Scharnagl: Sie kennen Sie wahrscheinlich auch nicht. Ich lese nur darüber. Und auf jeden Fall: Die Bilanz dieses Artikels, dieses Beitrags, auf dem Sie so verständlicherweise herumreiten, ist: Es war kein Fall von Korruption, es war nichts Strafrechtliches. All das steht da drin und das genügt mir.

Nach 50 Jahren kann man leicht gegen jemand Vorwürfe erheben, der schon seit 27 Jahren tot ist. Dieser Kampf, diese Schlachten post mortem, dieser Kampf gegen einen Toten - normalerweise schafft der Tod irgendwo auch, dass man sagt, der Tod schafft Frieden. Bei Strauß schafft der Tod auch keinen Frieden und dem "Spiegel" fällt es schwer, obwohl ich wirklich diese historische Korrektur dem Blatt hoch anrechne, weil es ist sicherlich dem "Spiegel" nicht leicht gefallen zu sagen, mein Zentrales, was ich gegen den Strauß über 50 Jahre vorgetragen habe, war falsch. Das ist das richtige, aber sonst könnte man vielleicht auch sagen, hört mal auf. Aber gut, sie werden nicht aufhören. Das zeigt auch die Größe von Strauß, dass man sich heute noch an ihm reiben muss, dass man ihn nicht in Ruhe lassen kann, obwohl er seit 27 Jahren in Rott am Inn in seinem Grab liegt. Das ist so, das war ein kämpferisches Leben, dieser Kampf geht offensichtlich nach dem Tod weiter. Strauß, würde ich sagen, müsste damit leben, aber er wird es hinzunehmen wissen, dort wo er gerade ist.

Armbrüster: Hat denn Ihrer Einschätzung nach, Herr Scharnagl, die CSU ein Interesse daran, diesen Vorwürfen weiter nachzugehen?

Scharnagl: Überhaupt nicht. Die Vorwürfe, das ist alles klar, steht ja alles drin. Es steht drin, das ist strafrechtlich nichts, das ist kein Fall von Korruption. Es ist nichts passiert, es ist gar nichts, man weiß es nicht. Und was gemacht worden ist, soweit es bekannt ist, ist das alles in Ordnung gegangen. Die CSU hat Anlass, sich zu freuen über das, worauf Sie ja bewusst nicht eingehen, Herr Armbrüster - entschuldigen Sie bitte -, nämlich was sagen sie denn dazu, dass der "Spiegel" plötzlich nicht mehr seine zentralen Vorwürfe gegen Strauß, 50 Jahre erhoben, nicht mehr erhebt. Das ist doch eigentlich die Sensation. Aber das passt natürlich nicht in das Bild, das man sich gemacht hat. Okay, das ist so. Ich meine, auf Strauß trifft zu, was Friedrich Schiller über den großen Wallenstein gesagt hat: Von der Parteiengunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Für die einen wird Strauß zurecht und vor allem für seine Bayern, die ihn immer mit absoluter Mehrheit gewählt haben, und für seine große Anhängerschaft außerhalb Deutschlands ein Bild der Hoffnung, der Erwartung, der Zuversicht, des Vertrauens sein. Für die anderen der Dämon, der den Untergang mit sich hat. Das war sein Schicksal als Lebender und ist offensichtlich auch sein Schicksal als Toter.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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