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Kosovo-RückkehrerAbgeschoben, pleite, hoffnungslos

Deutschland ist für viele Kosovaren ein Sehnsuchtsort - auch für Faton Latifi und seine Familie. Er wollte mit Frau und zwei Kindern nach Deutschland auswandern und nahm dafür eine beschwerliche Reise auf sich - am Ende wurde die Hoffnung auf ein besseres Leben jedoch enttäuscht.

Von Ralf Borchard | 06.03.2015

Eine Mädchen schaut Plementina bei Pristina im Kosovo aus dem Fenster einer Wohnung fotografiert am
Jugendlichen im Kosovo bieten sich kaum Perspektiven. (picture-alliance / ZB / Jens Kalaene)
Er wollte nach Deutschland, wie tausende andere aus dem Kosovo, vier Wochen war Faton Latifi unterwegs, jetzt sitzt er in einem Café in Pristina und erzählt:
"Ich wollte gehen mit Familie. Weil in Deutschland ist das Leben besser als hier. Hier sind ökonomische Probleme. Für normale Leute wie mich - kein Job, kein gar nichts. Überhaupt keine Chance für einen Job."
Er ist ausgebildeter Koch, hat schon in den 90er-Jahren in Hannover und Mainz gejobbt, und weil hier im Kosovo niemand ohne Beziehungen zur Regierung, zu einem der mächtigen Familienclans gute Job-Chancen hat, weil sich seit Jahren Hoffnungslosigkeit breit macht, hat sich Faton Ende Januar auf den Weg gemacht, mit seiner Frau und zwei Söhnen, vier und sieben Jahre alt. Erst mit dem Bus von Pristina nach Belgrad, dann mit dem Taxi zur serbisch-ungarischen Grenze. Dort begann ein Albtraum:
"Erst haben uns auf serbischer Seite vermummte Kriminelle bedroht und Geld abgepresst", erzählt Faton, abwechselnd auf deutsch und albanisch.
"Sechs Stunden sind wir zu Fuß durch den Wald nach Ungarn, auch einen Fluss mussten wir durchqueren. Dann haben uns ungarische Grenzer festgehalten, von 9 Uhr abends bis 5 Uhr früh, im Freien, ohne irgendeinen Schutz. Die Kinder haben geweint."
"Für die Kinder war es schlimm. Immer habe ich gesagt: Kinder, jetzt gehen wir nach Deutschland, und da ist es gut. Ich gehe arbeiten, und kauf dir das und kauf dir das. Dafür, dass die Kinder nicht weinen."
Keine Hilfe von der Regierung
Per Bus ging es schließlich in ein ungarisches Aufnahmelager, das ihnen wie ein Gefängnis vorkam, sagt Latif. Als klar war, dass sie weiter nach Deutschland wollen, ließen sie die ungarischen Behörden ziehen. Die Latifis schöpften wieder Hoffnung, in Budapest kauften sie ein Zugticket nach München:
"Ich wollte gehen von München dann nach Mainz."
Doch kurz vor der Grenze nach Österreich war Schluss. Polizisten holten sie aus dem Zug, wieder in ein Lager, am Ende Abschiebung per Flugzeug zurück nach Pristina. Wie viel Geld er verloren hat?
"1.500 Euro."
Hilfe von der Regierung gibt es für Rückkehrer wie die Latifis keine - das bestätigt auch der zuständige Abteilungsleiter im kosovarischen Innenministerium:
"Wir haben unsere Gesetze", sagt Valon Krasniqi. "Es gibt einen Fond zur Wiedereingliederung über 2,5 Millionen Euro. Aber nur für die, die Kosovo vor 2010 verlassen haben."
"Jetzt habe ich die Nase voll"
Den jetzigen Rückkehrern bleibt meist nur Sozialhilfe, für eine Familie mit zwei Kindern rund 80 Euro im Monat, was nicht einmal entfernt für Lebensmittel reicht. Die Latifis haben das Glück, dass sie wieder bei Fatons Eltern wohnen können, doch selbst wenn er im Sommer, wenn es ein wenig Tourismus im Kosovo gibt, kurzzeitig Arbeit als Koch findet, wird er höchstens 350 Euro im Monat verdienen. Am meisten Sorgen aber macht ihm sein Vierjähriger. Der Siebenjährige geht nach einem Monat Pause wieder zur Schule, er ist okay, sagt Faton, aber sein jüngerer Sohn ist traumatisiert. Sobald ein Hund bellt, erinnert ihn das an die ungarischen Polizeihunde:
"Das kleine Kind hat auch jetzt Angst. Wenn die Nacht kommt, hat er Angst."
Werden sie es trotzdem wieder Richtung Deutschland versuchen?
"Nein, für jetzt habe ich die Nase voll. Wenn ich allein bin, ohne Kinder, ohne Frau, gehe ich normal wieder, aber mit Familien nein, für jetzt nie wieder."
Aussicht auf Besserung der Lage im Kosovo sieht er kaum. Die Hoffnung, sagt Faton Latifi, bleibt für viele hier Deutschland:
"Für uns kosovarische Leute ist Deutschland das beste Land, nicht nur in Europa, auf der ganzen Welt. Weil die haben uns viel geholfen. Es war der Krieg hier. Wenn dir eine Person hilft, wirst du das nicht vergessen. Für das wollen wir gehen. Weil Deutschland hilft uns - immer."