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StartseiteSprechstundeSchnellere Hilfe für Transsexuelle19.09.2017

Kostenerstattung einer GeschlechtsumwandlungSchnellere Hilfe für Transsexuelle

Für Transsexuelle in Deutschland ist es ein langer Weg bis zu einer Geschlechtsumwandlung. Ihnen werden, neben den gesellschaftlichen Hürden wie Intoleranz, auch medizinische Steine in den Weg gelegt. Doch in Zukunft sollen Operation und Hormon-Therapie schneller möglich sein.

Von Christina Sartori

Mann geht auf einem Drahtseil zwischen männlichem und weiblichem Geschlechtssymbol PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xGaryxWatersx Man is on a Wire rope between male and female PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xGaryxWatersx  (imago stock&people)
Bevor die Krankenkasse eine Geschlechtsumwandlung bezahlt, heißt es bisher: zwölf Monate Alltagstest und Psychotherapie (imago stock&people)
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Wenn die Schilddrüse erkrankt ist oder eine Frau besonders stark unter Beschwerden der Wechseljahre leidet, dann kann ein Arzt helfen, indem er Hormone verschreibt. Zum Beispiel ein Hormonspezialist, ein Endokrinologe. Das Gleiche gilt für Menschen, die unter ihrem körperlichen Geschlecht leiden, sagt Professor Josef Köhrle von der Charite Berlin und Präsident der Deutschen Endokrinologischen Gesellschaft.

"Ähnliche Anwendungen können wir auch bei der Verwendung von Hormonen bei Transgender-Patienten haben. Hier wollen Männer zu Frauen werden, weil sie sich so fühlen, weil ihre sexuelle Identität so ist oder umgekehrt: Frauen, die zu Männern werden wollen."

Der Wechsel vom Mann zur Frau oder von der Frau zum Mann bedarf einer lebenslangen Hormonbehandlung und einer Operation. Generell übernehmen die Krankenkassen die Kosten dafür - doch nur, wenn vorher mehrere Hürden überwunden wurden. Unnötige Hürden, findet der Endokrinologe Sven Diederich.

"Das derzeitige Szenario ist sehr lange. Man soll zwölf Monate Alltagstest machen, man soll zwölf Monate Psychotherapie machen und das ist in der Regel oder fast nie nötig. Die Leute, wenn sie die treffen und fragen, die sagen: "Schon mit zehn Jahren wusste ich eigentlich: das hier ist nicht richtig."

Gefährlich: Selbstmedikation

Der geforderte Alltagstest ist nach Meinung von Sven Diederich überflüssig. Tatsächlich erinnert den Hormonfachmann dieser Test an eine Filmkomödie, in der vor mehr als 50 Jahren Peter Alexander die Zuschauer zum Lachen brachte.

"Das ist im Grunde Charlys Tante. Sie müssen als Mann in Frauenkleidern in die S-Bahn, wenn sie Mann zu Frau machen wollen, oder Sie müssen als Frau in männlichen Kleidern in ihr soziales Umfeld gehen. An den Arbeitsplatz und so, das ist dieser Alltagstest."

Mit dem tatsächlichen Leben und Alltag eines Mannes, der erfolgreich zur Frau umgewandelt wurde, hat das nichts zu tun. Denn wer den Alltagstest macht, der hat noch keine Hormone genommen und keine Operation gehabt. So soll dann ein Mann mit Bartwuchs, tiefer Stimme und flacher Brust in Frauenkleidern erscheinen oder eine Frau mit hoher Stimme und Busen sich als Mann ausgeben.

Dass die Vorgaben der Krankenkassen so streng sind, bevor sie die Kosten einer Geschlechtsumwandlung übernehmen, führt manchmal zu Schwierigkeiten, erzählt Sven Diederich.

"Die Patienten sind dann auch in die Selbstmedikation gelaufen, weil wir Ärzte nicht so schnell helfen konnten, haben die gesagt: 'Dann hole ich mir selber im Internet die Hormone', sind teilweise auch im Ausland operiert worden, es gibt da wirklich schlimme Geschichten."

Kassen bezahlen Umwandlung

Auch der Hormonfachmann Josef Köhrle hält es für gefährlich, wenn Patienten die hormonelle Therapie ohne Arzt durchführen: "Diese Art von Behandlung sollte nicht übers Internet stattfinden, sondern in den Händen erfahrener Endokrinologinnen und Endokrinologen, die wirklich wissenschaftlich arbeiten."

Hormon-Fachleute wie Josef Köhrle und Sven Diederich sind daher froh, dass die Voraussetzungen für die Kostenerstattung einer Geschlechtsumwandlung sich bald ändern werden. Gegen Ende des Jahres soll die neue Leitlinie veröffentlicht werden, sagt Sven Diederich: Alltagstest und Psychotherapie sind dann nicht mehr notwendig. Anstelle dessen tritt ein Beratungsgespräch mit einem Psychologen.

Und: Der Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung bleibt eine Krankheit - sonst würden die Kassen auch nicht die Behandlung bezahlen. Aber es ist dann keine psychologische Krankheit mehr. Bleibt zu hoffen, dass sich auch die Akzeptanz in der Gesellschaft ändern wird, denn derzeit erfahren Transsexuelle immer wieder Ausgrenzung bis hin zu Gewalt.

"Das ist eigentlich so die Hoffnung, dass diese Menschen, die ja nicht so wenige sind, einfach wie viele Minoritäten in unserer Gesellschaft vernünftig ohne Gewaltakte durch die Welt laufen können."

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